Die Abteilung des Düsseldorfer Schauspielhauses, in die ich im Herbst 1976 eintrat, um herauszufinden, ob Arbeiten am Theater tatsächlich so verlockend war, wie es von außen betrachtet aussah, galt zu dieser Zeit bundesweit als vorbildlich.
Als ich als grünschnäbelige Aushilfe dazu kam, arbeiteten nur Männer in der Abteilung, geführt von einem strengen älteren Herrn mit schwarz gefärbtem Haar und Schnurrbart, der ein bestens organisierter, anspruchsvoller, aber selber auch hoch engagierter Chef war. Er konnte nicht nur die ausgefallendsten Wünsche erfüllen, wußte, wenn der große Fundus es nicht hergab, wo man auch die merkwürdigsten Dinge bekommen konnte (und wir reden von einer Zeit OHNE Internet und Suchmaschinen und weltweit erreichbarem Onlinehandel!), und im Zweifelsfall baute er alles selber….vom täuschend lebensechten Schweinekopf bis zur kleinteiligst eingerichteten Puppenstube.
Ich war im Paradies gelandet.
Meistens saß ich auf den Proben, immer bereit, spontane Requisitenwünsche an den Chef weiterzureichen und im Idealfall beim Zurückkommen gleich mitzubringen.
Meine erste Produktion war eine Aufführung von zwei KroetzStücken an einem Abend: „Männersache“ und „Herzliche Grüße aus Grado“. Es gab reichlich viele Requisiten und ebensoviele Umbauten zu bewältigen. Und ich stellte mich ganz geschickt an. Gespielt wurde der Abend hauptsächlich von Ruth Drexel und Hans Brenner, einem Schauspielerpaar, das damals zur TheaterBundesliga zählte und den Zuschauern auch aus Film und Fernsehen bekannt war. Die beiden hatten eine kleine Tochter, Cilly, gerade mal ein gutes Jahr alt. Und wenn kein anderer zur Hand war, dann babysittete ich auch das Kind.
Ich lernte, daß leise Schuhe mit das Wichtigste sind auf Proben. Daß man auf der Bühne privat nicht ißt und keine Kopfbedeckung trägt. Pfeifen war im ganzen Haus verboten. Und das Allerschlimmste war Unpünktlichkeit. Nicht nur abends bei den Vorstellungen, sondern auch bei den Proben.
Ich liebte meinen Job. Am Theater zu arbeiten war einfach nur großartig!
Ich war fasziniert und begeistert und komplett ahnungslos.
Ein neuer Intendant führte das Haus, das Ensemble war größtenteils neu engagiert und mußte sich erst zusammenfinden. Auch Regisseure und Dramaturgen waren neu in Düsseldorf. Das Publikum erstmal abwartend und kritisch. Ich begriff nichts davon wirklich. Ich machte meine Arbeit, orientierte mich an den Kollegen in der Abteilung und von der Bühnentechnik. Und hielt Augen und Ohren auf, um möglichst viel zu sehen, zu hören und vielleicht auch ein bißchen zu begreifen.
Ich war jung und naiv. Und nach wenigen Wochen stand für mich fest: Ja, ich wollte zum Theater.
Nicht als Schauspielerin auf die Bühne. Nein, ich wollte eine große Regisseurin werden. Dafür sorgen, daß aus 65 Seiten aufgeschriebenem Dialog zwei Stunden aufregendes Bühnenleben wurden.
Erstmal brachte ich also meine erste Premiere als Requisiteuse erfolgreich und ohne Schnitzer hinter mich.
Und trat mein Studium an.
Das wollte ich nur bis zur Zwischenprüfung durchziehen. Und dann abbrechen und als Regieassistentin an ein anderes Haus wechseln. Bis dahin würde ich im Studium absolvieren, was zur Zwischenprüfung benötigt wurde, und im Theater alles mitnehmen, was an Aushilfsjobs und Eindrücken zu kriegen war.
Zum Beispiel auch ein Gastspiel in die UDSSR.
Doch dazu nächstes Mal.