Zu Beginn der Spielzeit 2018/19 lag ich also im Krankenhaus.
Sönke Wortmann probte, ohne mich, „Menschen im Hotel“ im Großen Haus.
Im Kleinen Haus zeigte sich die frisch engagierte Lea Ruckpaul dem Publikum zum ersten Mal in einem Zweipersonenstück mit Wolfgang Michalek, „Bilder Deiner großen Liebe“, und so begann tatsächlich eine weitere große Liebe des Düsseldorfer Publikums, das diese grandiose kleine Schauspielerin sofort ins Herz schloß und Jahre später echten Liebeskummer leiden sollte, als sie uns wieder verließ.
Und für mich sprang eine Kollegin aus der Requisite, die langfristig ohnehin gerne in unser Soufflageteam stoßen wollte, bei „Momentum“ ein, einer Uraufführung der Niederländerin Lot Vekemans in der Regie von Vontobel.
Ich war kaum aus der Klinik entlassen, 10 Kilo leichter und noch leicht angeschlagen, da meldete sich das Theater bei mir, ob ich mich nicht vielleicht imstande sähe, meine Proben nun wieder selber zu übernehmen. Der Krankenstand in der Requisite sei so groß, daß die Kollegin an den eigenen Arbeitsplatz zurückkehren müsse. Ich war nicht ganz sicher, wie stabil ich schon wieder war, aber am nächsten Tag saß ich also auf der Probe. Die wunderbare Jana Schulz, Christian Erdmann, André, Kilian Land und Wolfgang Michalek gaben in einem Bühnenbild, das wie das Innere eines Flugzeugs gestaltet war, ein verzwicktes Kammerspieldrama um Beziehungen und Macht, Geschlechterrollen, Politik, Manipulation und Traumata. Obwohl es viel zu tun gab, trug das Arbeiten dann tatsächlich eher zur Erholung als zur Erschöpfung bei.
Zu Beginn des Jahres feierte im Großen Haus eine Inszenierung Premiere, die Schulz aus Dresden importiert hatte, Vontobels „Hamlet“ mit Christian Friedel in der Titelrolle und seiner Band „Woods of Birnham“, die den Soundtrack zum Stück lieferte. Und der nächste Dauerbrenner war geboren. Die Inszenierung wurde bis zum Ende der Intendanz vor immer ausverkauftem Haus gespielt. Und dem Vernehmen nach wird sie zukünftig wieder in Dresden zu sehen sein. Das erspart manchen treuen Fans nun die weite Reise. Aber ich gehe davon aus, daß es Düsseldorfer gibt, die sie dafür auf sich nehmen.
Mein nächstes Stück war „Hundeherz“ von Michail Bulgakow in der Regie des russischen Regisseurs Evgeny Titov. Der hatte in der vergangenen Spielzeit eine hochgelobte „Hexenjagd“ abgeliefert und machte sich jetzt an die Geschichte vom Professor, der einem Hund Hirn und Hoden eines Menschen implantiert und so ein Mischwesen kreiiert, das ihm zunehmend über den Kopf wächst. Das Bühnenbild war ein düsterer Salon, in dem im Verlauf des Abends manches kaputt geschlagen und viel Blut verspritzt wurde. Eine kleine böse Horrorgeschichte über Hybris und wissenschaftliche (Un)Moral, in der Andreas Grothgar als besessener Professor glänzte und Torben Kessler in der Rolle des eskalierenden Hundemenschen. Mit Evgeny sollte ich in der Folgezeit noch mehrere Stücke machen und er gehört ganz sicher zu meinen entscheidenden Regisseuren unter Schulz. So ganz war das bei der kleinen splattrigen Frankensteiniade noch nicht vorauszusehen, obwohl wir uns sehr gut verstanden.
Zu meiner großen Freude durfte ich danach wieder mit Tilman Köhler arbeiten und zwar an Shakespeares „Coriolan“ für die große Bühne. Der wunderbare Karoly Risz baute dafür einen oben und vorne offenen massiven Holzkubus ins Central, mit einer kreisförmigen, hüfthohen Vertiefung in der Mitte, die wie mit einem Deckel verschlossen werden konnte. In diesem Raum entfaltete eine reine Männertruppe um André in der Titelrolle ihre überbordende Spieldynamik. Nicht alte weiße Männer, sondern junge bunte Clowns führten den Konflikt zwischen Herrscher und Volk, die Absurdidät von kriegerischen Auseinandersetzungen, von Kriegslust, Kriegsruhm und Kriegsverlusten vor. Während der Proben entwickelte jeder der acht Darsteller seinen eigenen Clown, vom Weißclown bis zum DummenAugust war alles dabei. Und es gehörte zur Vorstellung, daß sich die Darsteller an einsehbaren Spiegeltischen vorher selber schminkten. So zart und anrührend Thomas Kitsche und Markus Danzeisen auch die Frauenfiguren des Abends spielten, es blieb eine Geschichte von Männern und ihren Kämpfen. Tilmann gelang mit der buchstäblich bunten Truppe ein wunderbarer, spielfreudiger und bei aller Zeitlosigkeit auch tagesaktueller Abend, der im Weiteren leider zu denen gehörte, die der Coronaepidemie zum Opfer fielen.
Doch die sollte uns erst die nächste Spielzeit, den Rückzug ins Haupthaus und eine lange, lange Weile danach verderben.