Mein allererster Intendant war also nun mein neuer Chef und in seiner ersten Spielzeit hatte ich gleich mal wieder fünf Produktionen. Nicht der einzige Flashback in den nächsten Monaten. Mit Volker Hesse und Michael Gruner kehrten auch zwei Regisseure aus dem Beelitzschen WaldorfBiotop zurück ans Haus.
Es gab aber auch Neues: Mein neuer alter Chef hatte sich inzwischen auch zum Regisseur entwickelt.
Und obwohl er mich seinerzeit naturgemäß kaum beachtet und sich lediglich vielleicht auf dem einen oder anderen Gastspiel gewundert hatte, wieso ich da eigentlich auch ins Wohnzimmer des Gastgebers oder an die Festtafel geraten war, tat er jetzt immer so, als seien wir sehr, sehr gute alte Bekannte mit einer echten gemeinsamen Vergangenheit.
Bevor er mich also folgerichtig in sein Team holte, begann die Spielzeit für mich mit Mona Kraushaar und der Eröffnungspremiere von „Iphigenie auf Tauris“. Das Ganze verlief nicht unproblematisch, weil wir gleich zwei eigenwillige zentrale Darsteller dabei hatten, die unterschiedlicher kaum ticken konnten, sowohl menschlich als auch schauspielerisch. Das irgendwie unter einen Hut zu bringen, war eine echte Herausforderung. Ein Glück nur, daß mit Tanja Schleiff als Iphigenie, Konstantin Bühler und Thiemo Schwarz auch gruppenkompatiblere Kollegen an Bord waren. Das Bühnenbild war eine Art Boxring, der fragil im Bühnenraum schwebte. Und die Kritik zeigte sich entschlossen, Beelitz seine schwierige Aufgabe von ihrer Seite aus leichter zu machen: Obwohl sie die Inszenierung nicht mutig genug fand, besonders, was den feministischen Aspekt anging, lobte sie inszenatorisches und schauspielerisches Handwerk und gab den Zuschauern durchaus das Gefühl, es könne sich wieder lohnen, in Düsseldorf ins Schauspielhaus zu gehen.
Dann erlebte ich meinen ehemaligen und jetzigen Chef also erstmals auch als Regisseur. Er inszenierte im Kleinen Haus das Zweipersonenstück „Gift“ von Lot Vekemans. Das Stück zeigt die Wiederbegegnung eines seit zehn Jahren getrennten Ehepaars, das damals seinen Sohn verloren hat und nun an dessen Grab wieder zusammentrifft, weil es angeblich eine Bodenverseuchung auf dem Friedhof gibt. Karin Pfammatter und Andreas Grothgar waren eine wunderbare Besetzung für dieses dialogische Kammerspiel und Regie und Ausstattung kamen mit wenig aus und setzten ganz auf Text und Schauspieler. Auch dieser Abend wurde ein Erfolg. Und die Reihen füllten sich wieder.
Als nächste Produktion bekam ich es mit einem äußerst seltsamen Stück des Düsseldorfer Künstlers Stefan Kaluza mit dem knappen Titel „3D“ zu tun, das Kurt Josef Schildknecht mit Tanja Schleiff und Michael Abendroth ins Kleine Haus inszenierte. Eine komplizierte Beziehungsgeschichte mit einem nicht sehr glaubwürdigen, aber überraschenden Twist, das Bühnenbild, auch vom Autor entworfen, ein großer weißer Raumwürfel, auf dessen Wände wiederum Videos des Künstlers produziert werden konnten. Das Ganze war wohl als Gesamtkunstwerk gedacht, setzte aber letztlich doch wieder vorrangig auf die Schauspieler und den durchaus diskussionswürdigen Text. Die Kritik jedenfalls hielt auch diesen Abend für lobens-und sehenswert.
Der gleiche Abend ein Jahr zuvor und die Kritiker hätten ihn unisono erbarmungslos geschreddert.
Es war ungerecht. Aber dem Haus tat es gut.
Mir dagegen schlug die Produktion irgendwie aufs Immunsystem. Während der Proben brachte ich eine Gürtelrose und eine schwere Bronchitis, die GAUErkrankung für Souffleusen, hinter mich. Und verdarb mir die halbwegs freien Weihnachtstage auch noch mit einer akuten Zahnwurzelentzündung.
Aber wie zum Ausgleich für eine ebenso anstrengende wie unbefriedigende Arbeit, die mir übrigens ein Jahr später noch einen Hauptgewinn einbringen sollte, bekam ich als nächste Aufgabe einen riesigen Spaß. Christian Brey inszenierte, wiederum im Kleinen Haus, die britische Komödie „Männer im Nebel“. Vier Manager sollen ein gruppenbildendes Survivingtraining absolvieren, geraten mit ihrem Ruderboot aber in dichten Nebel, kentern und landen schließlich auf einer einsamen Insel. Wie die vier Männer dort in kürzester Zeit aneinandergeraten und auf unterschiedlichste Weisen versuchen, die Nacht zu überstehen, führt zu zahlreichen absurden und skurrilen Situationen. Es war gar nicht so einfach, die vier deutschen Schauspieler zu dem Ton und dem Tempo zu bewegen, die dieses Stück benötigt, um seinen britischen Witz zu entfalten. UND sie von der typisch deutschen Unart abzubringen, komische Situationen auch komisch spielen zu wollen. In Wirklichkeit entsteht die Komik für den Zuschauer ja nur daraus, daß der Darsteller Situation und Figur buchstäblich todernst nimmt. Brey tat aber sein Bestes und so landete die Komödie einen weiteren Erfolg. Und das zu Recht.
Ich erinnere mich allerdings an einen wirklichen Horrorabend mit diesem Stück. Wir spielten „Männer im Nebel“ als geschlossene Aufführung für den rein männlichen Brauchtumsverein DüsseldorferJonges und deren Ehefrauen, die diesmal ausnahmsweise dabei sein durften. Man hatte sich schon vor der Vorstellung im Foyer bei einem Gläschen getroffen und war nun bereit, einen Theaterabend zu ertragen, bevor es danach ans Bufett ging. Das 60+Publikum war schon beim Anlanden der vier Männer auf der nebligen Insel überfordert und fragte nicht nur sich selbst, sondern auch laut in den Raum, wo die denn da jetzt seien. Und so verlief dann auch der ganze Theaterabend…keine Pointe zündete, kein Witz wurde verstanden, dafür gab es immer wieder halblaute und hirnlose Kommentare aus dem Publikum. Die armen Männer auf der Bühne kämpften gegen eine Wand aus dumpfem Unverständnis und die Männer im Saal, diesmal auch noch unbequemerweise in Begleitung ihrer Ehefrauen, sehnten sich spürbar nach nichts Anderem als einem weiteren Altbier. Es war deprimierend.
Aber es gab ja auch die schönen Abende mit endlich wieder vollem Haus und guter Stimmung. Und kaum war mein alter Intendant zurück, gab es auch wieder häufiger Gastspiele. Mit den MännernImNebel durften wir nach Gütersloh, mit der Iphigenie sogar ein paar Tage nach Weimar.
Im Theater aber erwartete mich als letzte Aufgabe dieser Spielzeit noch „März oder ein Künstlerleben“ von Kipphardt in der Inszenierung von Alexander Müller-Elmau und mit Jakob Schneider in der Titelrolle. Auf einer leeren, von Schiebetüren begrenzten Spielfläche entfaltete ein aus langjährigen (Manuela Alphons, Winfried Küppers) und neu engagierten Schauspielern (Jakob Schneider, Katrin Hauptmann, Daniel Fries) zusammengewürfeltes Ensemble einen feinen, phantasievollen und bei aller Tragik auch humorigen Spieltrieb. Auch diese Inszenierung fand die Zustimmung von Kritik und Publikum.
Beelitz schien also durchaus zu punkten mit seinem Fokus auf zeitlosem, textbetontem Schauspielertheater. Und die Kritik war ihm einheitlich wohlgesonnen. Ihr war das endlose Meckern und Schlechtmachen wohl selber über geworden.
Gutes Feedback konnte Beelitz aber auch brauchen, stand doch in der kommenden zweiten Spielzeit der komplette Umzug des Theaters in die Räume des Central an, damit das Haupthaus endlich von Grund auf saniert und renoviert werden konnte.
Aber auch das managte Beelitz großartig und vor allem zeigte er auch hier, daß er nie vergessen hatte, wie seine Düsseldorfer ticken.