Die Spielzeit 2012/13 begann für mich mit einer Herausforderung, bei der ich mich beinahe sogar zu Goschs Sommergästen zurückgesehnt hätte.
Drei Monate mußten wir mit Andrej Mogutschi an einer Dramatisierung von Kafkas „Der Prozeß“ arbeiten.
Der Regisseur galt in Russland als großer Star. Unsere eigens engagierten russischen Hospitanten erzählten ehrfürchtig, sein Rang und Ansehen in Russland entspräche in etwa unserem Peter Stein oder Frank Castorf.
Der Meister kam mit russischem Ausstattungsteam und da er kein Wort Deutsch sprach und die wenigsten von uns Russisch, sprang der Dramaturg mit den Russlandkontakten auch als Dolmetscher ein.
Mogutschi war ein selbstgefälliger Tyrann. Er selbst residierte im Düsseldorfer 5SterneHotel, seine Truppe hauste weniger feudal und wurde zudem so knapp gehalten, daß sie Bons für die Kantine bekam, um sich dort überhaupt verpflegen zu können. Mogutschi behandelte die Hospitanten, allesamt gestandene erwachsene Menschen, als seien sie seine persönlichen Lakaien, schrie sie unnötig an und schikanierte sie herum. Sadistische Schikane war ohnehin sein Hobby: Er saß gerne nachts nach der Probe noch mit seinen Ausstattern am Computer und entwarf auf seinem Laptop immer neue opulente Bühnenbewegungen. Die Düsseldorfer Bühnentechnik mit ihren vielen HubPodien samt Drehbühne, Video- und Toncomputern faszinierte ihn. Doch dann erwartete er auch, daß all diese Visionen, die sich spätnachts auf dem Bildschirm leicht erfinden ließen, am nächsten Morgen zur Probe genau so funktionierten, aber dazu bedarf es selbst bei einer exzellenten Technik und hochengagierten Bühnenarbeitern diverser Vorbereitungen, Installationen und Programmierungen, die allesamt in der knappen Vorlaufzeit der morgendlichen Bühnenprobe gar nicht zu bewältigen waren. Dann kanzelte er gerne laut und demütigend den Regieassistenten oder den Bühnenmeister vor versammelter Mannschaft ab. Und kein einziges Mal durfte ich dabei erleben, daß der alle Beschimpfungen getreulich übersetzende Dramaturg die eigenen Mitarbeiter in Schutz genommen oder gar verteidigt hätte. Ganz im Gegenteil. Als ich ihn einmal aufforderte, dem tapferen Regieassistenten gefälligst mal zur Seite zu treten, antwortete er nur lapidar, es träfe schon den Richtigen.
Überhaupt steckte der Dramaturg schon so weit im Hintern des großmächtigen Russen, daß er ihm auch nie widersprach, wenn der sich wieder anschickte, sein grandioses Mißverständnis der Textvorlage szenisch umzusetzen. Mogutschi hatte die Vorlage offenbar gar nicht richtig begriffen. Oder aber der Inhalt interessierte ihn einfach nicht. Er wollte partout die Geschichte des kleinen Angestellten K., der in die ebenso skurrilen wie vernichtenden Räder der Bürokratie gerät und darin umkommt, als das Drama eines von der Gesellschaft mißverstandenen Künstlers erzählen. Wenig davon machte Sinn.
Generell schien Mogutschi aber ohnehin fast ausschließlich auf die großen, imposanten, technisch aufwändigen Bühnenbilder fixiert. Die männlichen Schauspieler ließ er weitgehend spielen, was sie wollten, die Frauen dagegen bekamen öfter zu spüren, daß er sie für nicht klug genug hielt, ihn zu verstehen, oder nicht gut genug, seine Ideen umzusetzen. Und wehe, sie gaben Widerworte. Dann packte er wieder das Demütigungsbesteck aus, vom Dramaturgen willfährig übersetzt.
Die Hospitanten erzählten übrigens, daß der es mit der Übersetzung der gelegentlichen Regieanweisungen keineswegs so genau nahm und oft ganz andere Vorschläge und Motivationsfloskeln von sich gab, als der Meister tatsächlich geäußert hatte.
Der arme Darsteller der Titelfigur war der junge Finne Carl Alm, ein ganz entzückender Mensch und sicher ein großartiger Schauspieler, der deutschen Sprache aber kaum mächtig und somit schon im Ansatz komplett überfordert. Ihn ließ der Regisseur dann auch noch völlig allein in dem weitgehend sinnlosen Durcheinander von überbordender Bühnentechnik, peinlichen Auftritten eines Statistenchors, der am erträglichsten war, wenn er sich einfach nur in stummer Masse über die Bühne bewegte, und Spielszenen, bei denen vermutlich oft nicht einmal der Meister wußte, was sie eigentlich zu bedeuten hatten.
Zu mir verhielt sich Mogutschi reserviert und höflich, übersah und überhörte aber geflissentlich meine gelegentlichen kritischen Kommentare. Ich glaube, er fragte sich die ganzen drei Monate lang, wieso ich überhaupt dabei war. In Russland gibt es die Position der Souffleuse nicht. Und er sah zwar, was ich tat, und ich hatte wahrlich viel zu tun, aber ich glaube, er hielt mich dennoch eher für so eine Art stasihafte Probenbeobachterin.
Richtig nett war Mogutschi nur zu den Bühnenarbeitern, zumindest nachdem er einen Bühnenmeister hinausgeekelt hatte. Er wußte, daß er seinen technisch so aufwendigen Abend nur über die Bühne bringen konnte, wenn ihm die Herren der Bühnentechnik gewogen blieben und so umschmeichelte und lobte er sie genauso intensiv, wie er seinen Frust und seinen Sadismus an anderen ausließ.
Heraus kam am Ende ein Abend der großen, überwältigenden Bilderflut mit Booten, die über eine scheinbare Wasserfläche glitten, einer rumpelnden Straßenbahn, unzähligen Bühnenfahrten, bei denen sich Menschenmassen in den Bühnenhimmel oder die Unterbühne drehten, zwischendurch auch mal unsere irischen Kühe mit den leuchtenden Augen, und Kafka zwischen all dem gründlich verloren ging.
Die Zuschauer waren durchaus beeindruckt, doch schon auf dem Heimweg zur Straßenbahn fragten sie sich, und öfter auch mich, was zum Teufel das eigentlich alles gesollt hätte.
Ich konnte es ihnen leider nicht sagen.
Das Haus geriet derweil immer mehr in Schwierigkeiten. Holm versuchte Geld zu sparen, indem er häufiger Schließtage einbaute, manchmal fand auf einer der Bühnen die halbe Woche keine Vorstellung statt. Aber mit Theatern, die nicht jeden Abend spielen, ist es wie mit Kirchen, in denen nicht jeden Sonntag ein Gottesdienst stattfindet….sie drohen, ihr Publikum zu verlieren. Wer sich überlegt, wie er einen netten Abend verbringen könnte, und immer erst auf den Spielplan gucken muß, um dann festzustellen, daß im Theater gerade nichts stattfindet, der verliert das Theater allmählich als Option aus dem Kopf und geht lieber gleich ins Kino oder essen. Wir also verloren unser Düsseldorfer Publikum, das schon zu Niermeyers Zeiten spürbar zurückgegangen war. Manchmal saß ich mit 40 Zuschauern zusammen in unserem 800MenschenRaum und das weitgehend unabhängig von der Qualität des Gezeigten.
Und dann trat auch noch der Chef Ende November von seinem Posten zurück. Als Grund nannte er einen chronischen BurnOut.
Die Katastrophe zeichnete sich zwar im Vorfeld ab, der Chef hatte im Urlaub einen Unfall gehabt und kehrte mit Dauerschmerzen ins Theater zurück. Es ging ihm sichtlich schlecht. Aber mit einem Rücktritt hatte dann doch niemand gerechnet.
Ich, nach all den Jahren immer noch so naiv, hätte erwartet, daß das Leitungsteam in so einer Situation zusammensteht und dem Chef sagt „Geh, kurier Dich aus und werde wieder gesund, wir halten hier den Laden solange am Laufen“. Stattdessen bewahrheitete sich mein Anfangseindruck und es brach ein einziges RetteSichWerKann aus. Viele waren vor allem sauer auf Holm, weil sie ja gerade erst ihren Lebensmittelpunkt nach Düsseldorf verlegt hatten und nun nach seinem Rücktritt in eine unsichere Zukunft blickten. Andere sahen ihre Chance gekommen und versuchten ansatzlos persönliche Vorteile aus der Situation zu ziehen.
Zum kommissarischen Interimsintendanten wurde unser Kaufmännischer Geschäftsführer Manfred Weber ernannt, der unter Anna Badora seit 2001 Künstlerischer Direktor gewesen war und in der Niermeyerintendanz die kaufmännische Leitung übernommen hatte.
Eine Regelung, die in der Leitungsetage offenbar mancherorts persönlich krumm genommen wurde, hatte man wohl selbst auf einen notbedingten Karriereschub gehofft.
Ich, als letztes Rädchen im Getriebe und ganz am Ende der Nahrungskette, konnte Vorgänge und Konflikte in der Leitungsetage zwar immer nur per Flurfunk verfolgen, aber schon auch danach beurteilen, wie sich diese auf Stimmung und Verhalten des Ensembles auswirkten. Es bleibt nicht ohne Folgen, wenn sich Leute in der Leitung gegenseitig auszubooten versuchen und mit bösartigen Intrigen Keile in die Reihen der Beschäftigten treiben.
Sobald dann auch noch die neue Findungskommission mit der Arbeit begonnen hatte, wurde alles noch schlimmer. Ensemblemitglieder wurden hinter vorgehaltener Hand gewarnt, sich in den hauseigenen Kämpfen bloß nicht auf die falsche Seite zu stellen, ihre Weiterbeschäftigung könne sonst in Frage stehen. Und irgendwer stach wiederholt Internas nach außen durch, echte und frei erfundene.
Das war nicht nur von Übel für die Stimmung im Haus, das schwächte auch unser Ansehen nach außen. Man interessierte sich für das Düsseldorfer Theater nicht mehr wegen der Arbeit, die dort getan wurde und die nachwievor oft überdurchschnittlich gut war, man interessierte sich nur noch für die offensichtliche Krise.
Und das hätte uns zuguterletzt beinahe das Genick gebrochen.