„weiblich gelesen“
Ich hab mich an alles gewöhnt.
Mehr oder weniger.
An Gendersternchen und angerülpste Innen. Diverse Pronomen. Selbst an das unselige „Studierende“. Oder „Fahrende“.
Bloß beim Zuschauendenraum war dann doch endgültig Schluß.
Ich persönlich habe keinerlei Probleme damit, wenn eine Nachricht an alle geht, darin auch als Patient, Kunde oder Rentner angesprochen zu werden. Da fühle ich mich weder nicht wahrgenommen, noch fällt mir sonstwie ein Zacken aus dem Krönchen. Aber wenn es Leute gibt, die sich dann in ihrem weiblichen Selbstwert gemindert sehen…bitte. Dann nehmen wir darauf eben Rücksicht. Tut ja niemandem weh.
Ich sage ja auch nichts Böses mehr zum Schaumkuß, was vielleicht jemand beleidigen könnte, oder zum Paprikaschnitzel.
Ich finde es nachwievor nervig, daß sich bei dieser spachlichen politischen Korrektheit gerne Leute ganz weit aus dem Fenster lehnen, die es gar nicht betrifft. Die sich sozusagen zum Korrektheitsbevollmächtigten für alle Gruppen aufschwingen, egal, ob die das wollen oder nicht.
Ich glaube auch tatsächlich nicht, daß diese sprachlichen Spitzfindigkeiten irgendeine positive Auswirkung auf die Geisteshaltung haben.
Im Moment scheint mir sogar eher das Gegenteil der Fall zu sein.
Aber wo bei mir wirklich Schicht im Schacht ist, das ist bei der Formulierung „weiblich (oder männlich) gelesen“.
Zuletzt hatte ich, Gottseidank nur kurze Zeit, eine Regisseurin, die inszenierte ein Frauenstück mit ausschließlich weiblichen Rollen und Mitarbeiterinnen (in dieser Version kam auch ein stummer Mann vor, der vor allem sexy am Eck stehen mußte, doch das nur nebenbei) und die redete immer nur von „weiblich gelesenen Personen“. Da hast Du zehn und mehr Frauen auf einer Probe sitzen und das Wort Frau darf nicht ausgesprochen werden?!
„weiblich gelesen“
Was zum Teufel soll daran besser sein, als jemanden als Frau zu bezeichnen?
Schon klar. Wenn Heinz mit in der Runde sitzt, der vor einiger Zeit beschlossen hat, jetzt Helga zu sein, dann glaubt man, ihn mit der Formulierung „weiblich gelesen“ in den Kreis aufgenommen zu haben.
In Wirklichkeit sagt die Formulierung aber, Du darfst Dich hier als Frau fühlen, doch nur, weil wir Dich so lesen.
Nicht, weil Du irgendwann gespürt hast, daß Dein biologisches Geschlecht nicht zu Deiner Persönlichkeit paßt, nicht weil Du Dich seitdem weiblich kleidest und vielleicht sogar Dein Geschlecht hast operativ umwandeln lassen, nicht weil Du Dich als Frau fühlst und womöglich inzwischen auch ganz überzeugend so aussiehst, nein, nur weil wir Dich als weiblich lesen.
Ich bin überzeugt, Heinz/Helga wäre sehr viel glücklicher, wenn man in ihrer Gegenwart einfach von anwesenden Frauen reden und sie dabei mitmeinen würde.
„weiblich gelesen“
Bei meiner Mutter im Altersheim gab es eine Dame, die mich hartnäckig „als männlich las“. Ich war in ihren Augen einfach zu groß für eine Frau.
Auch abends auf der Straße werde ich oft als männlich gelesen, groß, Jeans, kurze Haare. Gar nicht so unangenehm, wenn man auf dem Heimweg auch durch dunklere Ecken muß.
Aber normalerweise ist es mir herzlich egal, wie man mich liest, denn es ändert so oder so nichts daran, daß ich eine Frau bin.
Es gibt biologische Geschlechter. Sie zu leugnen ist eine merkwürdige Ideologie, mit der ich nichts anfangen kann und will.
Daß man oft nicht einverstanden ist mit den Zuschreibungen, die eine Gesellschaft den Geschlechtern verpaßt, ist eine andere Tatsache und das kennen wir alle.
Und es gibt Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht mit ihrem biologischen Geschlecht übereinstimmt.
Was aber sind nun die Merkmale, die Eigenschaften, die mich eine Person „weiblich lesen“ lassen? Stecke ich da nicht sofort wieder in der gleichen Zuschreibungsfalle?
Eine Dragqueen beispielsweise betreibt viel Aufwand, während ihrer Auftritte als weiblich gelesen zu werden, versteht sich aber nichtdestrotz als männliche Person.
Eine Transfrau, deren Äußeres es ihr schwerer macht, als weiblich gelesen zu werden, fühlt sich dennoch als Frau.
Nehme ich nun ernst, was Menschen sind? Und sehe als Grundlage dafür, wie sie sich selbst empfinden?
Oder räume ich Menschen nur ein, sie weiblich oder männlich zu lesen, als hinge ihr Geschlecht von meiner Großzügigkeit und meiner Toleranz ab.
Wenn Heinz beschließt, er ist nun Helga, dann ist er für mich Helga.
Und auch, wenn sie ihren Bartschatten nicht ganz verbergen kann, darf sie von mir aus auch gerne aufs Damenklo. Dort interessiere ich mich für das, was Helga hinter ihrer verschlossenern Tür macht, so wenig wie für Annemarie nebenan. Und die Toilette ist für mich als Frau kein safe space, in dem ich mich beim anschließenden Händewaschen oder Nase Pudern von Helgas Anwesenheit bedrängt fühlen würde.
Ich persönlich möchte jedenfalls nicht, daß man von mir als „weiblich gelesen“ spricht.
Ich finde das anmaßend.
Ich war und bin eine CisFrau.
Und das völlig unabhängig davon, ob mich jemand so liest.