Die nächste Spielzeit begann wieder mit Gosch und Fosse und einer Erstaufführung „Da kommt noch wer“ mit Michael Abendroth, Myriam Schröder und Thomas Dannemann, einer Dreiecksgeschichte voller unausgesprochener Konflikte, Ängste und Sehnsüchte.
Ich erinnere mich vor allem an eine für mich total ungewohnte Situation, als Gosch die Probe unterbrach, weil er einen jungen Schauspieler zum Vorsprechen eingeladen hatte, und dann wollte, daß ich mir dieses mitansehen sollte. Ich fand immer schon, daß diese Vorsprechen eine merkwürdige Veranstaltung sind, um herauszufinden, ob ein Schauspieler für eine Rolle und die Zusammenarbeit geeignet ist. Viel ferner vom normalen Probenbetrieb kann etwas kaum sein als dieses einsame Vortanzen vor mehr oder weniger interessierten Menschen. Und so erlebte ich es auch in diesem Fall, wobei ich es als doppelt unangenehm empfand, weil ich das deutliche Gefühl hatte, überhaupt nicht berechtigt zu sein, dem jungen Mann bei seinem Überlebenskampf zuzuschauen. Auf einer leicht erhöhten Tribüne saßen wir zu fünft oder sechst hinter unserem Probentisch und sahen auf den jungen Schauspieler hinab, der da unten in einem wenig hilfreichen Bühnenraum zu beweisen versuchte, daß er ein guter Schauspieler sei, indem er ein einstudiertes Solo vortrug. Ich fand die ganze Situation eher beschämend, nicht für den jungen Mann, der sich redlich mühte, sondern für uns, die alle so taten, als könnten wir seine Möglichkeiten nach diesem Auftritt tatsächlich beurteilen. Ich hütete mich, danach irgendeine Wertung abzugeben. Aber ich fürchte, mehr als ein „wir melden uns“ hat der junge Mann leider nicht aus Düsseldorf mitnehmen dürfen.
Meine nächste Produktion war sogar eine Uraufführung, nämlich von Judith Herzbergs „Simon“, der Fortsetzung der Familiengeschichte, die Hailer schon in „Heftgarn“ auf die Bühne gebracht hatte. Sie schrieb diesen Teil der Familientrilogie extra fürs Düsseldorfer Ensemble und besuchte uns auch wieder auf den Proben.
Ich persönlich verbinde mit Herzberg übrigens vor allem Anderen ein sehr aufregendes Ereignis: Eine Vorstellung im Sommer, „Simon“ oder „Heftgarn“, das weiß ich nicht mehr, ich sitze in leichten Klamotten und mit Clogs erste Reihe Mitte und souffliere den Abend, den ich eigentlich auch auswendig hätte betreuen können, so vertraut waren mir die HerzbergStücke inzwischen. Plötzlich geht die Foyertür vom Kleinen Haus auf und der Regieassistent winkt mir, ich soll herauskommen. Ich schleiche mich also, so unauffällig wie aus der ersten Reihe Mitte möglich, hinaus und erfahre, daß eine Schauspielerin einen Kreislaufkollaps erlitten hat und nicht weiterspielen kann. Ich solle jetzt bitte das Buch in die Hand nehmen und die Rolle auf der Bühne lesen, nach der nächsten Szene werde man das Publikum kurz informieren und dann weitermachen. Ich hatte nicht die Möglichkeit, mich zu drücken, aber auch keine Gelegenheit mich großartig aufzuregen, ich nahm mein Buch und betrat, so wie ich war, die Szene. Und je länger ich auf der Bühne unterwegs war, wo ich mich sonst immer schämte, selbst wenn ich nur ein Tablett hinübertragen mußte, desto mehr Spaß machte es mir. Ich hatte zwar das Buch in der Hand, aber da ich Text und Ablauf ohnehin auswendig konnte, schaute ich immer weniger hinein und spielte einfach, so gut ich konnte, mit. Hailer saß derweil bei der ausgefallenen Schauspielerin in der Garderobe und sagte später zu mir: „Hätte sie nicht da neben mir gelegen, ich hätte gedacht, ich höre sie auf der Bühne, so genau hast Du Sprachmelodie und Duktus getroffen.“ In der anschließenden Publikumsdiskussion, zu der Hailer mich mitschleppte, meinte ein Zuschauer, das Haus müsse sich ja keine Sorgen machen, wenn immer eine solche Zweitbesetzung mit am Start sei. Ich war sehr adrenalingeladen und sehr stolz und heilfroh, daß ich nicht schon morgens gewußt hatte, daß das am Abend auf mich zukommt. Am nächsten Tag bekam ich einen dicken Blumenstrauß von der Intendantin mit einem Dankeschön dafür, daß ich die Vorstellung gerettet hatte. Ich war überrascht.
Mit dem Stück „Simon“ wurden wir dann auch nach Amsterdam eingeladen, was wieder ein Gastspiel war wie ein Familienausflug und eine nette Unterbrechung des Vorstellungsalltags.
Nach Hailer und Herzberg hatte ich es erneut mit Bauersima zu tun und einer weiteren Uraufführung, seinem Stück „Tatoo“, einer bitterbösen Satire auf den skrupellosen Kunstbetrieb, die zwar nicht ganz so einschlug wie „norway.today“, aber dennoch zu Bauersimas erfolgreichsten Stücken gehören sollte.
Die Intendantin schickte sich derweil an, ihr Antikenprojekt „Mania Thebaia“ umzusetzen. Vier antike Dramen, DieBakchen, Antigone, KönigÖdipus, SiebenGegenTheben, die in einer zur Kunstinstallation ausgebauten alten Fabrikhalle in Düsseldorf-Lierenfeld gespielt wurden. Inszeniert wurden die vier Abende von der Chefin selber, einem Griechen, einem Japaner und einem Russen. Die vom Griechen Theo Terzopoulos umgesetzten „Bakchen“ fuhren dann auch im Sommer auf Gastspiel nach Griechenland und wurden dort im Antiken Theater von Epidaurus gespielt. Natürlich ein wirklich erhebendes Erlebnis für die Mitwirkenden. Das gigantomanische Unternehmen galt zwar als internationaler Erfolg, riß aber auch ein ebenso gigantisches Loch in die DDorfer Finanzen, welches sich im Laufe der folgenden Jahre zu einer Finanzkrise auswachsen sollte, die uns am Ende beinahe den Garaus gemacht hätte. Doch dazu dann später mehr.
Zum Ende der Spielzeit ging es für mich schließlich noch in die Vorproben mit Gosch. Kleists „Prinz von Homburg“ stand an mit Devid Striesow in der Titelrolle.
Doch die Premiere eröffnete schon die nächste Saison.