Wie sich das inzwischen schon fast gehörte, begann meine Spielzeit 99/2000 mit Peter Hailer, ein paar meiner Lieblingsmimen und dem englischen Stück „Gedächtnis des Wassers“. Als Homöopathieverspotterin fand ich das mit dem Wassergedächtnis zwar interessant, aber doch arg esotherisch, dafür hatte aber die Geschichte, bei der es um Schwesternliebe, unterschiedliche Erinnerungen, den Einfluß der Kindheit aufs spätere Leben und die heilende Kraft des Verzeihens geht, durchaus Substanz. Typisch britisch dabei die beinahe skurille humorvolle Verarbeitung buchstäblich todernster Themen.
Im Privatleben standen lebensentscheidende Veränderungen an…der Mann, den ich im April 98 im Internet kennengelernt hatte, brach nun seine Zelte in Stuttgart ab und zog zum Jahrtausendwechsel nach Düsseldorf. Meine Tochter hatte uns schon nach seinem ersten Besuch ihren großzügigen Segen erteilt und freute sich am meisten darauf, nun bei Führungen ihrer Freunde durch unsere Wohnung darauf hinweisen zu können, daß sich hinter einer Tür das „Elternschlafzimmer“ befinde. 😉 Damit endete auch meine kurze Karriere als Untervermieterin, in deren Verlauf außer der Schauspielerin Birgit Stöger auch die Chefdisponentin Katrina Jäger und, für eine Produktion, gar Peter Hailer in unserem vierten Zimmer im fünften Stock gewohnt hatten.
Im Theater machte ich derweil Bekanntschaft mit einem wiederkehrenden Gastregisseur, Thomas Bischoff, ein Kollege aus dem Osten mit sehr eigenwilliger formaler Handschrift. Er war ein totaler Snob und nicht einfach im Umgang, aber ich mochte seine komplizierte Art und das hilft bei wochenlanger Zusammenarbeit ja doch. Er inszenierte „Die Kassette“ von Sternheim. Unterschiedlicher konnten zwei Regiestile kaum sein als Hailers eher psychologisches Kammerspieltheater und Bischoffs extrem überspitzte Formalität.
Und dann kam Jürgen Gosch.
Gosch hatte bereits eine ebenso beachtenswerte wie wechselvolle Karriere hinter sich, als ihn Badora ans Düsseldorfer Haus holte. Nach dem Verbot einer seiner Inszenierungen 1978 aus der DDR in die BRD gekommen, feierte er besonders am Theater Köln in den 80ern große Erfolge unter Intendant Jürgen Flimm. Als dieser ans Thalia wechselte, wurde Gosch Künstlerischer Leiter der Berliner Schaubühne, doch floppte er dort bereits mit seinem Eröffnungs“Macbeth“ und verließ das Theater nach nur einem Jahr schon wieder. In den 90ern holte ihn Langhoff ans Deutsche Theater in Berlin, wo er viel beachtete Klassikerinszenierungen ablieferte, aber das Schaubühnendebakel hing ihm weiterhin nach.
Nun kam er nach Düsseldorf. Zusammen mit Bühnenbildner Johannes Schütz. Und für die geplante „Käthchen von Heilbronn“Inszenierung brachte er zwei damals noch völlig unbekannte Gäste mit: Devid Striesow für den Wetter vom Strahl und dessen damalige Lebenspartnerin Maria Simon als Käthchen.
Die übrige Besetzung war groß und ging quer durchs ganze Ensemble. Das Bühnenbild bestand im Wesentlichen aus der Drehbühne und zwei Handvoll normaler Holzstühle. Und KleistText ist ja immer eine Herausforderung. Drei Monate hatten wir Zeit. Und die wurden genutzt.
Gosch war ein leiser, freundlicher Mann mit einem gewissen Hang zum Trotz und einem ganz dezenten Sadismus. Wenn Proben um halb Elf zu enden hatten, probte er bis Elf. Wenn morgens nicht vor Zehn begonnen werden durfte, setzte er die Probe auf Neun an. Sonn-und Feiertage nervten ihn, zumindest dann, wenn er nicht zu seiner Familie nach Berlin zu fahren gedachte, also setzte er auch da Durchsprechen oder Proben an. Und er übte gerne einen leisen, aber unangenehmen Druck auf die Leute aus, die sich schlecht gegen ihn zu wehren verstanden, sei es aus Ehrfurcht oder Kalkül oder aus Gründen ihrer Persönlichkeit. Widerworte oder Gegenrede hingegen fand er interessant und ließ sie meist sogar gelten. Wenn Gosch ankündigte, eine Szene „ein letztes Mal“ zu proben, dann konnte man sicher sein, daß der Abschnitt einen noch mindestens eine Stunde lang beschäftigen würde. Und wenn ein Schauspieler krank war und ausfiel, nötigte er Assistenten oder Hospitanten ins Probenkostüm und auf die Bühne und inszenierte gnadenlos an den Unschuldigen herum.
Er war ein fleißiger und penibler Arbeiter, der ganz auf Schauspieler und Text setzte. Alle Orte und Räumlichkeiten im „Käthchen von Heilbronn“ wurden von den Schauspielern selber aus den vorhandenen Stühlen auf die Bühne gezaubert. Und es ist immer wieder faszinierend im Theater, daß auch auf der großen Bühne funktioniert, was im Kasperletheater klappt: Man behauptet, diese zwanzig aufeinander getürmten Stühle sind das Schloß und es IST das Schloß. Man verteilt ein paar Stühle auf der sich drehenden Bühne und es ist ein Sumpf, durch den man balancieren muß. Und wer mit einer Lanze in der einen und Zügeln in der anderen Hand über die Bühne trabt, der sitzt auf einem Pferd. So gelang eine wunderbar phantasievolle, sehr emotionale und anrührende Inszenierung mit zwei grandiosen Anfängern in den Hauptrollen. Die Düsseldorfer waren hingerissen. Und die Fachpresse feierte den Abend als Comeback eines großartigen Regisseurs.
Mich hatte Gosch während der Proben zu seiner inoffiziellen Dramaturgieassistentin ernannt, was natürlich sehr dazu beitrug, daß ich gerne mit ihm arbeitete, auch wenn es anstrengend und zeitintensiv war. Und ich sollte es noch ein paarmal tun. Bis er sich zu einem Stil durchinszeniert hatte, mit dem ich nun gar nichts anfangen konnte, auch wenn die ganze Welt ihn dafür feierte, und ich mich aus seinem größten Erfolg in Düsseldorf vor Probenbeginn hinausintrigierte.
Aber bis dahin vergeht noch ein wenig Zeit.