vorsichtichboomenoch

Vorsicht, ich boome noch!

2000/2001

Das Jahrtausend hatte ohne das prophezeite Datenchaos gewechselt.

Im Theater wechselte im Sommer die Spielzeit.

Und meine neue begann diesmal mit Gosch und „Der Name“ von Jon Fosse.

Fosse mit seinen fast sprachlosen Stücken voller langer Pausen und quälender Stillen war ein Autor wie für Gosch gemacht. Gosch inszenierte diese deutsche Erstaufführung mit Birgit Stöger und Christoph Luser in den Hauptrollen und es gelang ihm, dem Schweigen im Stück genausoviel Spannung abzuringen wie den wenigen banalen Alltagssätzen. Zwischen dem Gesagten und vor allem dem Ungesagten entstand das Drama. Die Inszenierung war der Startschuß für einen regelrechten FosseBoom auf deutschen Bühnen.

Das Paar Stöger/Luser blieb mir auch in meinem zweiten Stück erhalten. Dazu kam ein tschechischer Autor und Regisseur, Igor Bauersima, der für Düsseldorf ein Stück nach einer wahren Begebenheit geschrieben hatte: „norway.today“

Tatsächlich hatten sich Anfang 2000 ein norwegischer Mitdreißiger und eine minderjährige Österreicherin in einem Chatroom zum gemeinsamen Selbstmord verabredet und waren miteinander vom inzwischen instabekannten Preikestolen gesprungen.

Bei Bauersima treffen sich zwei Jugendliche, um nach einer gemeinsamen Nacht auf dem Felsen gemeinsam in den Tod zu gehen. Sie haben ein Zelt und eine Handkamera dabei und im Verlauf der Nacht entsteht eine zarte Liebesbeziehung. Das Stück endet unmittelbar vor dem Sprung und läßt so die Hoffnung auf einen anderen Ausgang offen. Stöger und Luser waren die ideale Besetzung für diese vom Autor selbst inszenierte Uraufführung und der Abend wurde ein rauschender Erfolg. Er gewann bei den Mühlheimer Theatertagen, Bauersima wurde NachwuchsAutor des Jahres, Stöger und Luser erhielten Förderpreise von Stadt und Land, das Stück wurde nicht nur im deutschsprachigen Raum rauf und runter gespielt und wir durften mit unserem Abend auf Reisen gehen, u.a. nach Prag und Riga. Es sollten noch einige BauersimaStücke in Düsseldorf folgen, doch so erfolgreich wurde keines mehr.

Die Zusammenarbeit mit Bauersima und den beiden jungen Schauspielern machte einen Riesenspaß und entsprechend waren auch die gemeinsamen Reisen.

Ich erinnere mich aber auch an eine Vorstellung, zu der beide Darsteller erst sehr kurzfristig angereist waren und deshalb die übliche Vorbereitung auf den Abend nicht hatten durchziehen können. Normalerweise wußten beide ihren Text inzwischen im Schlaf, aber an diesem Abend begann die Vorstellung direkt mit ein paar Hängern. Als Luser zum wiederholten Mal nachfragte, gab ich ihm einfach das Buch in die Hand. er las tatsächlich den nächsten Abschnitt ab und ab da war der Text wieder im Kopf. Ich bekam mein Buch zurück und alles lief wie am Schnürchen. Das Publikum hielt den Vorgang, wie meistens, wenn das Soufflieren so offen passiert, ohnehin für inszeniert.

Als dritte Produktion wartete nun wieder Hailer und diesmal mit dem Stück einer niederländischen Autorin, Judith Herzberg, die für den Regisseur und unsere gemeinsame Arbeit in den nächsten Jahren entscheidend werden sollte.

Judith Herzberg, selber Holocaustüberlebende, beschreibt in „Heftgarn“ eine jüdische Familie, die gekennzeichnet ist von den erlittenen Traumata und der Unmöglichkeit, sie offen zu kommunizieren. Das tut Herzberg bei aller Schwere der Problematik mit viel jüdischem Witz. Hailer und sein Dramaturg Michael Volk hatten einen sehr engen persönlichen Kontakt zu Judith Herzberg aufgebaut, sie besuchte die Proben und war bei allen sich ergebenden Fragen gerne bereit, Hilfestellung zu leisten. Aus diesem Kontakt sollte eine jahrelange Zusammenarbeit entstehen, die zu Erst-und Uraufführungen ihrer Stücke am Düsseldorfer Haus unter Hailers Regie führen würde.

Ich glaube, es war bei dieser Aufführung, bin mir aber nicht ganz sicher, es könnte auch beim nachfolgenden „Simon“ gewesen sein, als es beinahe zu einem Unglück im Kleinen Haus gekommen wäre. Eigentlich sollte nach dem ersten Akt eine bühnenhohe Wand, die die Spielfläche bis dahin auf einen schmalen Steg ganz vorne begrenzt hatte, nach hinten auf den Bühnenboden fallen und so für den weiteren Verlauf die ganze Bühne freigeben. In einer Vorstellung aber war die Wand falsch angebracht worden und ausgelöst fiel sie nach vorne Richtung Zuschauerraum. Ich, erste Reihe Mitte, sprang auf und streckte die Arme aus und Gottseidank hielten nicht alle Zuschauer um mich herum das Geschehen für einen Teil der Inszenierung, einige Männer standen spontan mit mir auf und so hielten wir gemeinsam die schwere Wand davon ab, auf die ersten Zuschauerreihen zu knallen. Die Aufregung war groß, vor allem bei der Technik, die sich den dummen Fehler nicht erklären konnte. Aber immerhin war nichts weiter passiert.

Zum Schluß der Spielzeit wartete nun noch ein echter Klopper auf mich: „Hamlet“ in der Regie von Jürgen Gosch, mit Devid Striesow in der Titelrolle.

Kernstück des Bühnenbilds von Schütz war eine bühnenbreite kniehohe Mauer aus roten Ziegelsteinen, die durch die Drehung der Bühne unterschiedliche Räume markieren konnte. Wir probten allerdings in Oberbilk, wo es, man erinnert sich vielleicht, keine Drehbühne gab. Also ließ Gosch jeweils das gesamte anwesende Ensemble antreten, um die Mauer händisch ab- und anders wieder aufzubauen, wenn ein Szenenwechsel angesagt war. Ich glaube, es hat ihm diebischen Spaß gemacht, uns so täglich fleißige Maurerketten bilden zu sehen.

Weil man weder auf historische Kostüme zurückgreifen, noch in moderner Kleidung spielen lassen wollte, kamen Schütz und Gosch auf die Idee, alle in bodenlange Strickkleider zu stecken. Außer den Geist von Hamlets Vater, der trat splitternackt in Restrüstung auf. Die Kleider hatten alle unterschiedliche Muster und Farben und wurden eigens in Italien für uns gefertigt. Die Männer mußten unter dem Strick noch unbequeme Brustharnische tragen, weil Gosch fand, daß das ihnen mehr Haltung und Festigkeit verleihe. Die Textfassung stammte von Gosch selber und machte die Shakespearsche Sprache schlanker und heutiger, was auch Striesows jugendlicher Spielweise entgegen kam. Besonders er wurde dann auch für diesen Abend gefeiert.

Ich hatte eine arbeits-und wahrlich abwechslungsreiche Spielzeit hinter mich gebracht.

Die Intendantin hatte für fünf weitere Jahre verlängert.

Nach dem Sommer konnte es weiter gehen.


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