Zwischen 1981 und 1983 war ich die meiste Zeit mit anderen Dingen als dem Theater beschäftigt. Ich half weiterhin oft abends in der Requisite aus, doch viele Stücke sah ich so nur von den dunklen Seiten oder der Hinterbühne. Ich hielt immerhin den Kontakt. Doch in diesen Jahren ging es vor allem um meine wunderbare Tochter. Und um das Studium, das ich jetzt konsequent durchzog.
Zu meiner Überraschung entwickelte sich die so lange ignorierte Kunstgeschichte zu meinem Lieblingsfach. Während Germanistik eher die Fortsetzung des Deutschunterrichts mit erweiterten Mitteln war und die Theaterwissenschaften mich nervten, weil sie so wenig mit dem konkreten Arbeitsfeld zu tun hatten, machte die Kunstgeschichte mir richtig Freude.
Als ich im Frühjahr 1984 anfing, an meiner Magisterarbeit zu tüfteln….“Rilkes Verhältnis zur Bildenden Kunst“….kam das Theater wieder mit einer Anfrage.
Eine der Souffleusen ging in Rente und man bot mir einen Festvertrag an. Zunächst von Januar bis Juli des nächsten Jahres. Und mit der Option auf einen Zweijahresvertrag nach den Sommerferien.
Ich bewegte es in meiner Seele.
Im Laufe der Zeit waren viele mögliche Berufswege in meinem Hirn spazieren gegangen, von der SOSKinderdorfmutter bis zur Archivarin, aber das Theater war nachwievor zu verführerisch, um ganz aus meinen Zukunftsvisonen zu verschwinden.
Alle Theaterberufe, für die ich öfter den Wohnort wechseln mußte, schienen mir für meine Vorstellung eines Familienlebens, das seinen Namen verdient hatte, inkompatibel. Auch solche, bei denen die Arbeitszeiten eher unvoraussehbar und damit kaum planbar waren, wie damals (und eigentlich auch noch heute) bei allen Assistentenberufen, schieden ebenfalls aus.
Souffleuse zu meinem Beruf zu machen, war mir zwar vorher nicht in den Sinn gekommen, aber es hatte unbestreitbare Vorteile:
Ich konnte in Düsseldorf bleiben, wo ich meine Tochter in meiner Abwesenheit in besten Händen wußte und meine Eltern mir so die von einem Anfängergehalt sonst kaum zu stemmenden Sitterkosten ersparten.
Ich würde trotzdem weiß Gott nicht reich werden, aber für den Lebensunterhalt von uns beiden sollte es langen.
Ich hätte in der Regel geteilten Dienst. Morgens vor der Probe konnte ich mein Kind im Kindergarten abgeben, nachmittags Zeit mit ihm verbringen. Wenn abends Probe oder Vorstellung anstand, schlief das Kind in seinem Kinderzimmer bei den Großeltern.
Es war eine Möglichkeit, tatsächlich doch am Theater zu arbeiten. Und ich hatte reichlich von dem, was mir ohnehin am meisten Spaß machte, von den Proben.
Ich sagte zu.
Und als meine Theaterwissenschaftsprofessorin mich nach der erfolgreich absolvierten Prüfung fragte, was ich denn nach dem Magister vorhätte, und ich ein bißchen kleinlaut antwortete, ich ginge als Souffleuse ans Düsseldofer Schauspielhaus, war sie total gerührt und geradezu begeistert. Ich war die einzige unter ihren Absolventen, die überhaupt ans Theater zu gehen gedachte.
Im Sommer 84 schrieb ich die Magisterarbeit auf meiner kleinen sonnengelben Reiseschreibmaschine ins Reine. Im Herbst absolvierte ich meine Prüfungen.
Nur meine Kunstgeschichtsprofessorin war traurig, sie hätte mich gerne noch zum Doktortitel begleitet. Aber das konnte ich mir schlichtweg nicht leisten.
Und so machte ich mich Anfang Januar 1985 auf den Weg zur Probebühne in Oberbilk, um den TucholskyAbend „O hochverehrtes Publikum, sag mal, bist Du wirklich so dumm“ zu begleiten, den Stefan Wiggers als Regisseur und Darsteller auf die Bühne zu bringen gedachte.
Sommerferien.
Theaterferien.
Semesterferien.
Die Zwischenprüfung in Germanistik und Theaterwissenschaften war erfolgreich absolviert. Das zweite, für die Zwischenprüfung nicht relevante Nebenfach hatte ich ja komplett vernachlässigt. Ich wollte nach dem Sommer schließlich an ein anderes Theater wechseln und endlich meine Regielaufbahn angehen.
Vorher aber ging es mit Stefan, einem Freund, der auch im schon erwähnten Jugendchor sang, für vier Wochen nach Griechenland.
Im Jahr zuvor hatten wir eine vierwöchige Reise nach Spanien absolviert, ohne daß das unserer nicht mal platonischen Freundschaft Abbruch getan hätte, mit meinem Käfer und mit dem großen Zelt seiner Eltern, zwei Schlafzelte, ein Vorzelt, perfekt.
Genauso ausgestattet fuhren wir nun erst nach Venedig und dann über die teils sehr abenteuerliche jugoslawische Küstenstraße Richtung Griechenland,
mit diversen Zwischenstopps und Ausflügen, bis wir zuguterletzt auf dem Campingplatz an der Kuppe des mittleren ChalkidikiFingers, Sithonia, angekommen waren.
Der Platz war schön, der Strand auch, man hatte freien Blick auf die Männerinsel Athos, nachts leuchtete ein wunderbarer Sternenhimmel und im platzeigenen Restaurant mit Bar konnte man mittags leckere griechische Kleinigkeiten essen und abends bei guter Musik kalten Cynar trinken.
Unser Plan sah im täglichen Wechsel Strandtag und Ausflug vor. Ich bekam zeitnah einen gewaltigen Sonnenbrand und versteckte mich an Strandtagen mit meinem „Ulysses“ unter diversen Handtüchern, um es nicht noch schlimmer zu machen. Aber Bräunen war halt Touristenpflicht.
Die Griechen fanden uns ohnehin total bescheuert. Wer geht denn bei knallender Sonne an den Strand. Oder gar ins Wasser?!
Nun, wir schon.
Zu den Griechen auf dem Platz gehörte auch der Barkeeper. Ein hübscher Jurastudent aus Thessaloniki, der hier mit diesem Sommerjob seine Kasse aufbesserte, lange kastanienbraune Locken, fescher Schnurrbart, wunderschöne braune Augen….es dauerte ein, zwei Abende. Dann war ich mal wieder verliebt.
Sehr verliebt.
Ich war nicht die einzige, die ein blaues Auge auf Georgio geworfen hatte. Auch die ältere von zwei Hamburger Schwestern, die mit ihren Eltern und einem hausgroßen Wohnwagen auf dem Platz waren und deren eine sich mit Stefan angefreundet hatte, war durchaus angetan vom griechischen Barmann.
Doch ich machte das Rennen.
Und diesmal war nichts platonisch.
Wir hatten eine wunderbare, wilde Zeit. Liebe, Drogen und Rock’nRoll. Nun ja, die Drogen beschränkten sich auf Alkohol und griechische Zigaretten. Der Rock’nRoll vorwiegend auf Patti Smith und Dionysis Savvopoulos. Aber der großen Liebe nahm das nichts.
Ich lernte viel über die jüngere griechische Geschichte. Die Zeit der Militärjunta war noch nicht lange vorbei, die junge Generation nicht zufrieden mit der Aufarbeitung des Unrechtssystems. Unser Englisch reichte nicht nur für Liebesgeflüster, sondern auch für durchaus relevante Gespräche.
Gegen Ende des Urlaubs fragte Georgio noch, ob ich nicht mit zur Olivenernte auf die Familienplantage in Kalamata kommen wolle. Aber das erschien mir dann doch zu kühn. Wir versicherten uns unserer Liebe und daß wir uns bald wiedersehen würden.
Und Stefan und ich stiegen in den Käfer und fuhren über den noch abenteuerlicheren jugoslawischen Autoput wieder nachhause.
Es gingen dicke Liebesbriefe hin und her. Kartengrüße von der Olivenernte trafen ein.
Als erstes endeten die Theaterferien und ich nahm meine Mitarbeit in der Requisite wieder auf.
Dann stellte ich fest, daß ich weder Alkohol noch Zigaretten mehr mochte. Ich war nie ein großer Trinker und paffte nur, aber ein, zwei Gläschen zum Feierabend und ein paar Kippen im Verlaufe des Tages wußte ich sonst auch außerhalb des Urlaubs zu schätzen. Nun nicht mehr.
Dann war mir morgens immer schlecht. Ich konnte den Geruch frisch gewaschener Wäsche nicht mehr ertragen. Und hatte immerzu Hunger auf Würstchen mit Kartoffelsalat.
Ich war schwanger.
Der griechische Vater in spe reagierte nur mäßig begeistert. Familienplanung hatte er merklich noch nicht auf der Agenda. Er versprach zwar, zeitnah zu kommen, aber das würde er noch drei Jahre lang tun, bis ich dann endgültig beschloß, daß ich alleinerziehende Mutter auch alleine konnte. Das wußte ich damals allerdings noch nicht. Noch lag trotz allem Restsommerliebe in der Luft.
Auf der Agenda hatte ich Familienplanung jetzt so konkret ja auch nicht gehabt. Andererseits verkündete ich schon seit ein paar Jahren, daß ich früh ein Kind zu haben gedachte und daß ich es, so wie es bei mir aussähe, wohl alleine großziehen würde. Niemand hatte diese Ausführungen je ernst genommen. Und angesichts der Tatsache, daß fast alle meine wirklich großen Lieben bisher eher platonischer Natur waren, konnte man diese Gedanken auch mit Fug und Recht als vorwiegend theoretisch bezeichnen.
Daß sie nun plötzlich in die Praxis umgesetzt wurden, kam auch für mich überraschend. Aber dafür, daß gerade meine Lebensplanung über den Haufen geworfen wurde, nahm ich das Ereignis doch erstaunlich begeistert auf.
Klar war, die große Theaterkarriere und vor allem der baldige Angang derselben waren gerade pulverisiert worden.
Ich war nun lange genug dabei, um zu wissen, daß einem eine Karriere am Theater nur gelingen konnte, wenn man sich, zumindest anfangs, hundertprozentig darauf konzentrierte, besonders als Frau.
Kinder waren für Theaterschaffende sowieso eher nicht vorgesehen, es sei denn, es gab zuhause ein Elternteil, das sich darum kümmern konnte. Hätte damals, was heute Gottseidank akzeptierte Normalität ist, auf der Probe jemand gesagt, er müsse nun gehen und sein Kind vom Kindergarten abholen, hätten alle knochenhart gelacht und es für einen mittelguten Witz gehalten.
Und daß es mir so leicht fiel, die große Regiekarriere fallen zu lassen und mich stattdessen erstmal auf Kind und Mutterschaft einzustellen, war für mich ein weiteres Indiz dafür, daß ich das Theater zwar liebte, aber es nicht zum Zentrum meines Lebens machen wollte.
Theater war ein wundervoller Arbeitsplatz mit vielen wundervollen Menschen und genau dafür liebte ich es wirklich. Den Satz „Das Theater ist mein Leben“ würde ich allerdings nie mit Überzeugung sagen können, es sei denn, irgendetwas in meinem Leben wäre zwischenzeitlich übelst schiefgegangen.
Im Theater rätselten sie derweil, wer der Vater meines Kindes sein könnte, und es war hoch amüsant mitzubekommen, wer da aus Sicht der Kollegen alles angeblich in Frage kam.
Ich beschloß, ein Schwangerschaftssemester einzulegen, aber danach mein Studium wieder aufzunehmen und ordnungsgemäß zum Magisterabschluß zu bringen. Das bedeutete, das ich das Grundstudium der völlig beiseite gelegten Kunstgeschichte nachholen mußte, während ich das Hauptstudium in den anderen Fächern schon einmal vorantrieb. Es kam also richtig Arbeit auf mich zu. Drei Jahre gab ich mir, um in allen Fächern bis zur Prüfungsreife zu gelangen, dann würde mein Kind im Kindergarten sein und das Planen eines beruflichen Werdegangs ein bißchen einfacher.
Ob es dann immer noch das Theater sein würde, das ich als Arbeitsplatz anstrebte, wußte ich noch nicht.
Aber da die Arbeit in der Requisite dank meiner Eltern, die von Anfang an wild entschlossen waren, sich hilfreich in das Leben mit Kleinkind einzubringen, auch neben einem etwas intensiveren Studium möglich sein würde, setzte ich dort nur für den Mutterschutz aus.
So blieb mir das Düsseldorfer Schauspielhaus trotz eines komplett durchgewirbelten Lebensentwurfes also weiter erhalten.