Am 26.April 1986 explodierte der Atommeiler in Tschernobyl. Am 28. schlugen die Messgeräte in Schweden Alarm.
Kurz gab es Sorge, ob das Gastspiel stattfinden würde, aber das Mauern der sowjetischen Regierung und das solidarische Stillschweigen der DDR spielten uns, was das betraf, in die Karten.
Am 2. Mai reisten unsere Kollegen aus Dresden an, mit zwei Inszenierungen im Gepäck. Viele von denen, die wir in Dresden kennengelernt hatten, durften nicht mit in die BRD. Auch „mein“ Winnetou nicht. Weshalb auch das wunderbare Zwingertrio, das wir den Düsseldorfern zu gerne präsentiert hätten, seine Erfolge im Westen erst später feiern konnte.
Wir gaben uns alle Mühe, es den ostdeutschen Gästen so schön zu machen, wie sie seinerzeit uns, aber ich fürchte, das gelang uns nicht wirklich.
Manch einer der Kollegen war sicher durchaus mit dem Hintergedanken angereist, vielleicht gar nicht mehr in den Osten zurückzukehren, weshalb die mitgereiste Stasischwadron und die IMs unter den Kollegen, die es leider auch gab, in höchster Alarmbereitschaft waren.
Aber so sehr die Dresdner Kollegen das Gastspiel genossen, sie sahen auch, daß es im Kapitalismus zwar fast alles zu kaufen gibt, aber eben doch nur für die, die es sich leisten können. Mein Dresdner Gast kommentierte meine Wohnung dann auch relativ fassungslos mit: „Ihr wohnt ja auch im Plattenbau!“
Den Zauber der Dresdner Tage erreichte der Gegenbesuch nicht wirklich. Und auch manche deutschdeutsche Liebe landete unsanft auf dem Boden der Tatsachen.
Einige Kollegen machten einen Kurzausflug nach Paris. Wir fuhren mit unserer Clique nach Amsterdam. Einen IM mit im Käfer, was auch die Dresdner selber da noch nicht ahnten.
Nach fünf Tagen in Düsseldorf ging es für die Gäste weiter nach Hamburg und von dort noch nach Köln. Dort trafen wir sie noch einmal am letzten Abend. Und konnten so am nächsten Morgen miterleben, wie der unverkennbare Stasitross völlig fassungslos registrierte, daß sich alle Mitgereisten vollzählig wieder am TransferBus einfanden.
In der Folgezeit setzte sich dann doch noch der eine oder andere Ostkollege in den Westen ab, aber nicht immer verlief der Wechsel so glücklich und erfolgreich wie erträumt.
Ich reiste noch zweimal nach Dresden und besuchte meinen liebgewonnenen Ostkontakt. Das letzte Mal im Sommer 1989. Da waren schon die ersten DDRBürger in die deutsche Prager Botschaft geflohen und im August wurden es immer mehr. In Dresden gingen derweil das Bier und das Grillfleisch aus und wir witzelten noch, das würde nun sicher den Untergang der DDR besiegeln. Aber niemand hätte ernsthaft für möglich gehalten, daß im November des selben Jahres tatsächlich die Mauer fallen würde.
Doch da sind wir noch lange nicht.
Ich hatte nun aber bereits zehn Jahre Düsseldorfer Schauspielhaus hinter mir.
Und wir beendeten Spielzeit und zehnjährige Intendanz mit einem rauschenden Abschiedsfest und erwarteten gespannt, was mit Volker Canaris und denen, die er mitbrachte, auf uns zukommen würde.