So, ich boome jetzt erstmal ganz aktuell in Berlin rum.
Am 25. geht es weiter mit dem Zurückblicken.
ToiToiToi! 🙂
1995/96 war die Spielzeit, in der es wieder hieß Abschied nehmen. Von Canaris. Von Schroeter. Von Mouchtar-Samurai. Und von Karin Beier, die mit ihrem internationalen „Sommernachtstraum“ noch einmal einen absoluten Coup landete. 14 Schauspieler aus neun Ländern bildeten das Ensemble und jeder sprach in seiner Muttersprache. Das Liebeswirrwarr bildete sich im Sprachwirrwarr ab und Beier fand wunderbare große Bilder. Unvergessen der Beginn, als die schwarze Darstellerin der Hippolyta/Titania, allein in der Mitte des Theaterraums stehend, einen Pfeil über die Köpfe der Zuschauer hinwegschoß. Unvergessen aber auch die urkomischen Szenen der osteuropäischen Handwerker und was diese mit ihren Akkuschraubern alles trieben. Und ebenso unvergessen die wunderbare Caroline Ebner als entzückende pummelige Elfe. Auch wenn die Kritik sich nicht einhellig begeistern wollte, der Abend war einer der ganz großen Erfolge für Beier in Düsseldorf und zum zweiten Mal wurden sie und das Haus zum Berliner Theatertreffen gebeten.
Von Beiers „Sommernachtstraum“ erinnere ich jedenfalls deutlich mehr als von meinem Eröffnungsstück, „Die Ratten“ mit Wolf-Dietrich Sprenger. Das ist, bis auf ganz wenige Bilder von der Hauptdarstellerin auf einem Bühnenbilddachboden, irgendwo hinter meinen Erinnerungen versunken.
Als zweite Produktion durfte ich mal wieder das Debut einer Regieassistentin begleiten. Tatjana Fernau inszenierte mit Karin Pfammater in der Titelrolle Irmgard Keuns gerade wieder in Mode gekommenes „Kunstseidenes Mädchen“. Es war ein kleiner feiner Abend nach einer schönen Vorlage. Und fast 30 Jahre später hatte ich es dann wieder mit Irmgard Keun zu tun und traf nach einer Vorstellung auch die Regisseurin von 1995 wieder. Das fühlte sich für uns beide an wie eine Zeitreise in die sehr ferne Vergangenheit.
Meine letzte Arbeit mit Mouchtar-Samurai waren die „Nashörner“ von Ionesco. Das Stück, das zeigt, wie sich die Bevölkerung einer Kleinstadt nach und nach in eine Horde Nashörner verwandelt, war damals als Warnung vor Populismus, Mitläufertum und Konformität so aktuell wie leider auch heute. Und daß Mouchtar die Nashörner vor allem über die Geräusche erfahrbar machte, während die verwandelten Menschen im Bühnenleben zwar immer grauer, grober und zerstörischer wurden, aber doch weiterhin wie Menschen aussahen, machte das Ganze noch bedrohlicher.
Während sich das alte Ensemble und die alte Regiegarde also mit ihren letzten Inszenierungen verabschiedeten, kündigte sich bereits die nächste Ära an. Und es begannen irgendwann gegen Ende der laufenden Spielzeit die Vorproben für die kommende erste der neuen Intendantin. Die brachte Gottseidank aus Mainz ihre eigene Souffleuse mit und so wurde ich nicht für ihre Eröffnungs“Lulu“, sondern für das zweite im Großen Haus geplante Stück eingeteilt: Eine Bühnenversion des immens erfolgreichen WoodyAllenFilms „Bullets over Broadway“ von 1994. Regie führte, zum ersten Mal am Theater, kein geringerer als der in den 90ern durch „Kleine Haie“ und „Der bewegte Mann“ bekannt gewordene deutsche Filmemacher Sönke Wortmann.
Ich war jetzt schon zwanzig Jahre am Düsseldorfer Schauspielhaus.
In den elf Jahren als Souffleuse hatte ich mir zumindest eine gewisse Erfahrung erworben.
Und ich war gespannt.