So, da bin ich wieder. Hat doch einen Tag länger gedauert. Ich mußte erstmal mein Tête à Tête mit Fatou nachschmecken und die Berlineindrücke sortieren. 🙂
Nun kann ich aber wieder tief in die Vergangenheit eintauchen.
Wir waren beim Intendantenwechsel Canaris auf Badora 1996 und den Vorproben für „Bullets over Broadway“ stehen geblieben.
Zur Konzeptionsprobe erschien ich mit einem beeindruckenden frischen Gipsarm, denn ich hatte mir in der Nacht zuvor in Köln den Ellbogen gebrochen. Den hatten sie dann irgendwann nach Mitternacht in der Ddorfer Notaufnahme malerisch verpackt, nachdem sie mich eigentlich operieren wollten und mir düster ausmalten, wie wenig ich sonst möglicherweise mit diesem Ellbogen noch machen können würde. Aber Operation ging natürlich gar nicht, ich wollte den Probenstart mit Herrn Wortmann ja auf gar keinen Fall verpassen. So gab es einen mächtigen Gips. Zwar linker Arm, dennoch lästig. Schmerzhaft auch noch. Und geschlafen hatte ich in der Nacht eher nicht. Zum Antritt bei Herrn Wortmann sah ich also ziemlich angeschlagen aus. Aber es wurde dann im Weiteren wirklich sehr angenehm.
Sönke hatte zwar gerade mit „Der bewegte Mann“ einen rauschenden Erfolg im Kino gefeiert, aber im Theater war er ein Neuling. Es kam ihm durchaus entgegen, daß er nun einen Film auf der Bühne umsetzen sollte, aber vieles war eben doch ganz neu für ihn und er war offen und dankbar für jede Unterstützung.
Meiner Tochter schenkte er den signierten Soundtrack zum Film. Und nahm uns mit auf ein MaxRaabeKonzert. Wir hatten also auch neben den Proben eine wirklich gute Zeit.
Das Stück war die zweite Produktion der Ära Badora im Großen Haus. Mit einer sehr feinen Besetzung. Thomas Huber war wieder dabei, Wolfgang Reinbacher, der zur Freude der Düsseldorfer aus München zurückgekehrt war, und viele wunderbare neue Kollegen. Auf der Bühne stand ein mindestens zehn Meter hoher Aufbau. Und das Stück begann mit einer Verfolgungsjagd diesen Turm hinauf und einem spektakulären Sturz vom obersten Balkon. Den absolvierte ein eigens dafür engagierter Stuntman. Das war als Anreißer schon großartig, löste sich aber vor allem ein, als später im Stück wieder eine Verfolgungsjagd stattfand, bei der scheinbar eine Darstellerin in die Tiefe stürzte. Auch das war der mutige Stuntman, diesmal im identischen Schauspielerkostüm, aber die Bewunderung für die scheinbare Heldentat war grenzenlos.
Die Uraufführung gelang rasant, witzig und spektakulär und wir spielten das Stück einige Jahre und viele Vorstellungen lang. Und es sollte auch nicht meine letzte Arbeit mit Wortmann gewesen sein.
Nach diesem grandiosen Einstieg durfte ich ein kleines Stück im Kleinen Haus mit dem neuen Hausregisseur Peter Hailer soufflieren. Ein irisches Dreipersonenstück mit dem Titel „Molly Sweeny“. Eine von Geburt an blinde Frau wird von Ehemann und Arzt zu einer Operation gedrängt und kommt mit der Überflutung der visuellen Reize, die für sie noch dazu keinerlei Verbindung zu ihren haptischen Erfahrungen haben, nicht zurecht.
Ich hatte es nicht nur mit dem neuen Regisseur und einem wunderbaren Bühnenbildner, Martin Kukulies, sondern auch mit drei neuen Schauspielern zu tun, Heidi Ecks, Winfried Küppers und Artus Matthiesen. Es wurde eine tolle entspannte Arbeit, bei der wir einander kennen und sehr viel übers Blindsein lernten. Und ich zunehmend das Gefühl bekam, daß die neue Intendanz für mich doch ganz schön werden könnte. Peter Hailer, der bei der Arbeit sehr empfindlich war, was Neben-und Störgeräusche anging, hatte ich auf einer Probe endgültig damit gewonnen, daß ich mir während einer laufenden Szene lautlos ein Kaugummi ausgepackt hatte, ohne dabei den Blick von der Bühne zu wenden. Und mit den drei Schauspielern war ohnehin wunderbar arbeiten. Ich war sehr guten Mutes.
Insgesamt war die Stimmung im Haus zwar produktiv, aber auch geladen. Manche der neu engagierten Schauspieler, vor allem die aus Stuttgart, fühlten sich von den Düsseldorfer Kollegen nicht angemessen gewürdigt und empfangen und auch zwischen den Neuen aus Stuttgart und Mainz gab es Eifersucht und Reibereien. In der jederzeit gut besuchten Kantine kam es immer wieder zu scharfzüngigen Scharmützeln oder Sticheleien und gemeinem Getratsche, zuweilen auch zu eher nervigen Schreiereien. Nicht umsonst erhielt der große Stehtisch zwischen Ess-und Getränketresen den Namen „Mobbingtisch“. Das neue Ensemble hatte jedenfalls reichlich Explosionspotential. Und daß gegen Ende der Spielzeit bereits Nichtverlängerungen gegen Schauspieler ausgesprochen wurden, die gerade erst mit der Intendantin nach Düsseldorf gekommen waren und noch dabei, sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen, war dann stimmungsmäßig auch nicht hilfreich.
Apropos Kantine: Erwähnenswert in der Ära Badora ist auf jeden Fall auch das Kantinenpersonal, denn hinter den Theken bedienten, und das zu Zeiten des Balkankriegs, in trauter Eintracht die Kroatin Anna und die Serbin Grozda. Anna eine große Frau mit blondiertem Haar und mütterlichem Busen, die alle Kunden behandelte wie ihre Kinder. Und Grozda, klein und dunkelhaarig und scheinbar immer schlecht gelaunt, die ihre Gäste auch gerne mal anmaulte und zurechtwies. Zusammen waren sie einfach ein unschlagbares Team. Und wenn man Anna ab und zu mal was Privates anvertraute und Grozda auch mal patzig Widerworte gab, was sie liebte, dann hatte man beide auf seiner Seite. 🙂
Als nächstes begleitete ich jedenfalls einen sogenannten „Lyrikabend“ mit dem schönen Titel „Wortschmatz“, den Volker Kühn aus vornehmlich Berliner Texten der 20er Jahre zusammengestellt hatte. Auch hier war Thomas Huber beteiligt. Und ich entdeckte Ringelnatz für mich.
So leicht und angenehm diese Veranstaltung dahergekommen war, so brutal sollte die nächste einschlagen. „Zerbombt“ von Sarah Kane. Gnadenloser konnte ein Genrewechsel nicht sein.
Kane war damals total angesagt im deutschen Theater. Und „Zerbombt“ ist ihr vielleicht radikalstes Stück. Die brutale Handlung gipfelt in der Vergewaltigung der Hauptfigur Ian durch einen Soldaten und schließlich in Verstümmelung und Kannibalismus. Schon während der Proben empfanden wir alle den Stoff als äußerst belastend, die Schauspieler ebenso wie wir Zuschauenden. Und als die Vorstellungen liefen, brauchte ich nach jeder erstmal ein Bier, eine Zigarette und ein paar nette Gespräche in der Kantine, bis ich wieder sozialkompatibel genug war, um nachhause zu gehen. Die Zuschauerreaktionen fielen erwartungsgemäß entsprechend aus. Und zum ersten Mal konnte ich jeden Zuschauer verstehen, der die Vorstellung verließ oder sich mit Zwischenrufen Luft machen mußte. Man war gezwungen, sich Dinge anzusehen, bei denen man im wahren Leben niemals zuschauen würde, ohne zu handeln. Andererseits war es wohl gerade das, was Stück und Inszenierung als Kommentar zum Balkankrieg transportieren wollten: Daß wir zwar nicht zuschauen wollen und können bei Grausamkeiten dieser Art, daß wir sie aber geschehen lassen, solange sie uns nicht selber begegnen. Der Abend war in jeder Hinsicht eine Herausforderung. Und Uwe Zerwer als Ian spielte das herzzerreißend. Trotzdem wurde ihm unmittelbar vor einer Vorstellung mitgeteilt, daß er nur noch eine weitere Spielzeit in Düsseldorf engagiert sein würde. Vorgang und Kündigung fand ich so ungeheuerlich, daß ich mal wieder einen Brief an die Intendanz schreiben mußte. Ich rechnete schon mit einer Abmahnung. Stattdessen blieb jede Antwort aus. Spätestens da ahnte ich, daß Frau Badora und ich wohl keine Freundinnen werden würden. Was für ein Segen, daß sie ihre eigene Souffleuse mitgebracht hatte!
Die Intendanz hatte für mich aber trotzdem gut begonnen, auch wenn das letzte Stück den so angenehmen Einstieg böse relativierte.
Die erste Spielzeit begann auch für die Intendantin gut, hatte sie doch gleich einige auch überregional viel beachtete Highlights vorzuweisen. Zum Beispiel die hoch gelobte , sehr eigenwillige Inszenierung „Der Dibbuk“ des polnischen Regisseurs Wisniewski, die stark mit westeuropäischen Seh-und Erzählgewohnheiten brach. Oder Schleefs umjubelte „Salome“, ganz am Ende der Saison, für die das Haus wochenlang Kopf stand, so daß ich die Inszenierung schon haßte, bevor ich sie überhaupt gesehen hatte. Was immer Schleef forderte, wurde erfüllt, inklusive der Nutzung der Garderobengänge als Probenräume. Ich war nur noch genervt. Die Inszenierung, hoch gepriesen und sogar zum Berliner Theatertreffen eingeladen, mochte ich dann auch nicht. Aber eine extreme Idee gefiel mir trotz allen Grimms: Zu Beginn des Abends hob sich der Vorhang und man sah die Darsteller im eingefrorenen Bild über die ganze leere Bühne verteilt. Zehn Minuten lang. Kein Wort, keine Bewegung, nichts. Nur das eingefrorene Gruppenbild. Nach einiger Zeit gab es Zwischenrufe, aufmunterndes Klatschen, hilfloses Kichern. Es blieb dabei: Zehn Minuten Standbild. Dann schloß sich der Vorhang wieder und es war Pause. Diesen Handstreich fand ich zugegebenermaßen schlichtweg genial. Er unterlief alle Zuschauererwartungen und war eine schöne und durchaus berechtigte Kritik am Düsseldorfer Premierenpublikum, für das das Gläschen Sekt und das Gesehen-und Gegrüßtwerden im Foyer mindestens genauso wichtig waren wie der eigentliche Theaterabend. Ich schöpfte kurz Hoffnung, der folgende „zweite Teil“ könnte auch so feinen Witz haben, des feudalen Gebarens im Vorfeld zum Trotz, aber sie wurde nicht erfüllt. Es macht einen Theaterabend übrigens nicht erträglicher, wenn man gefühlt der Einzige unter 1000 Menschen ist, dem das, was er da serviert bekommt, nicht gefällt. Aber Badora, das mußte man ihr lassen, beendete ihre erste Spielzeit mit einer überregionalen Sensation.
Ich persönlich hatte mich mit dem neuen festen Ensemble, zumindest mit dem, das ich schon in der Arbeit kennengelernt hatte, schnell angefreundet. Und gehörte so zunächst mal eindeutig zu Team Mainz. 😉
Mit Peter Hailer hatte ich auch bereits einen Regisseur, mit dem ich noch oft und gerne arbeiten sollte.
So konnte es eigentlich weitergehen.