Ich gebe es zu, in der Spielzeit 98/99 war ich vor allem frisch und unsterblich verliebt. In einen normalen Mann, keinen Theatermenschen. 🙂 Und alles andere als platonisch. Dieser Mann reiste beinahe jedes Wochenende von Stuttgart nach Düsseldorf, weil ich ja selten Zeit und Gelegenheit zum Gegenbesuch hatte. Und ab und zu wurde er auch mit ins Theater geschleppt. Es war allerdings nichts, was ihn wirklich begeisterte.
Es begann mit Hailer und Alan Ayckburns „Schöne Bescherungen“. Eine typisch britische Kommödie über eine große Familie und ihr Weihnachtsfestchaos, in der Besetzung alle mir inzwischen richtig ans Herz gewachsenen Mimen von Thomas Huber und Heidi Ecks über Anke Schubert und Winfried Küppers bis Helmut Mooshammer, Dieter Prochnow und Moritz Dürr…diese Arbeit konnte nur Spaß machen. Auch wenn das Einüben britischer Komödien meist weniger komisch ist als im Idealfall das Ergebnis. Diese Stücke sind perfekt gebaut und nur, wenn das Timing stimmt, sitzt auch die Pointe. Also muß gebimst werden. Wir hatten aber trotzdem viel Spaß bei den Proben. Und auch bei den nebenher stattfindenen Gelagen im Hause Schubert/Kukulies, die manchmal schon barocken Charakter annahmen. Team Mainz+ war eine sehr liebenswerte Truppe. Die Inszenierung gelang aber dann auch noch und wir durften sie natürlich unter Anderem zweimal an Silvester spielen.
Danach ging es für mich weniger kuschelig weiter, denn ich mußte zu Ari Zinger, seines Zeichens ehemaliger Regieassistent des großen Peter Zadek, was er auch nicht müde wurde zu betonen, und Ibsens „Stützen der Gesellschaft“. Zinger gehörte offensichtlich zu den Regisseuren, denen es auf ihren Proben nur wirklich gut geht, wenn sie jemanden knechten können. So gewinnen sie die nötige Entspanntheit im Umgang mit den anderen Kollegen. Dankbare Opfer, weil erstens immer anwesend und zweitens unteres Ende der Befehlskette, sind Regieassistenten und Souffleusen. Mit der Regieassistentin war er in unserem Fall befreundet, also wurde zunächst mal ich das Ziel. Allerdings tropfte sein Bashing an mir ab, denn das frische Verliebtsein und eine gewisse Erfahrung in dem, was ich zu tun hatte, verliehen mir Teflonbeschichtung. Und wenn er sich aufregte, daß ich nicht immer gleich hineinsoufflierte, beschied ich ihm, ich sei nicht da, um Pausen, die ihm nicht paßten, wegzusoufflieren, ich sei nur für Hänger zuständig. und da könne er mir schon vertrauen, daß ich die auch erkenne. Zuächst machte ihn das nur noch fuchsiger, aber jemanden knechten, der sich davon nicht beeindrucken läßt, macht halt keinen Spaß. Also lenkte er seinen Unmut auf eine Schauspielerin, drangsalierte sie eine Zeitlang und besetzte sie dann um. An ihrer Stelle kam nun seine Lebensgefährtin und mit der verfuhr er während der Proben wirklich aufs Übelste, aber sie schien es nicht nur gewöhnt zu sein, offenbar gehörte das zur DNA ihrer Beziehung. Man mußte sich also um sie keine Sorgen machen. Mich ignorierte er von da an weitgehend und setzte nur noch einmal die Kirsche auf sein Mobbing, indem er mich hinter eine Bühnenwand auf der Seitenbühne verfrachtete, von wo aus ich das Bühnengeschehen nur durch ein Guckloch verfolgen konnte. Aber auch das konnte mich nicht wirklich schrecken. Unvergeßlich eine der Endproben, in denen der Spielfluß plötzlich stockte, Zinger aus dem Zuschauerraum brüllte:“Wo ist jetzt wieder die Souffleuse?!“ und ich zurückschrie:“Hier! Aber ich souffliere keinen Schauspielern, die nicht auf der Bühne sind!“ Grund für die Verzögerung war nämlich, daß ein Schauspieler seinen Auftritt versäumt hatte. Das Stück wurde kein rauschender Erfolg . Chefin und Regisseur verstritten sich und beschlossen, keine weitere Zusammenarbeit einzuplanen. Ich war erleichtert.
Als nächstes durfte ich zm ersten Mal Horvath soufflieren, „Der jüngste Tag“ in der Regie von Peter Wittenberg, mit Sven Walser und Birgit Stöger, die zeitweise zur Untermiete bei mir wohnte. Ich erinnere eine düstere, intensive Aufführung, aber wenig von der Probenarbeit, was zumindest dafür spricht, daß es keine unangenehmen Begegnungen gab wie zuvor.
Das Ensemble fand langsam immer mehr zusammen, Team Mainz und Team Stuttgart vermischten sich zusehends untereinander und mit dem restlichen Ensemble und auch, wenn Abneigungen oder Eifersüchteleien ja immer dazugehören, schlug dann in der Arbeit doch meistens Professionalität die Befindlichkeiten.
Zum Ende der Spielzeit traute sich Sönke Wortmann an seine zweite Theaterregie. Und zu meiner großen Freude war ich nicht nur dabei, sondern mein Theatersohn, der im „Liliom“ zwölf Jahre zuvor noch als kindlicher Statist die Harfe gezupft hatte, spielte nun die Titelfigur in „Der Krüppel von Inishman“. Ein behinderter Waisenjunge auf einer kargen irischen Insel sieht seine Chance gekommen, als auf der Nachbarinsel eine Hollywoodcrew landet, die dort einen Dokumentarfilm drehen will. Tatsächlich gelingt es ihm, mit diesen nach Hollywood zu entkommen, doch Monate später kehrt er enttäuscht und todkrank auf die Insel zurück. Eine anrührende Geschichte mit komischen Elementen und starken Rollen. Der Abend konnte zwar nicht an den rauschenden Erfolg von „Bullets over Broadway“ anknüpfen, aber das lag vor allem an der sehr viel sperrigeren Geschichte. Es war jedenfalls wieder höchst angenehm, mit Sönke zu arbeiten. Und ich machte meine ersten intensiveren Arbeitskontakte mit Team Stuttgart. Geblieben von diesem Abend ist vor allem eine ganze Herde lebensgroßer Pappmachékühe, deren Augen rot leuchten können und die seither im Fundus herumsteht und immer wieder mal, einzeln oder in Masse, für Ausstattungen oder Festdekos herausgekramt wird.
Damit nahm die Spielzeit ihr Ende. Und bis zur nächsten Zusammenarbeit mit Wortmann sollten viel Zeit und ein paar Intendanten ins Land gehen.
Dafür bekam ich es in der folgenden Spielzeit mit einem Regisseur zu tun, der in Düsseldorf sein spektakuläres Comeback feiern und neben Peter Hailer meine kommenden Spielzeiten entscheidend prägen sollte.