Nun wohnten wir also in der Wohnung, in der wir auch jetzt, 16 Jahre später, immer noch wohnen.
Sie hatte zwei Vorteile, die auch die Katzen betrafen: Zum einen den großen, anfangs noch sehr leeren Balkon mit der damals noch ausfahrbaren Markise drüber
und zwei-, bzw. dreifach tiefe Fensterbänke in den Zimmern zur Straße hin. Da paßten Kratzbäume drauf und Liegekissen und alles, was das Katzenherz begehrte, um gemütlich die Vorgänge auf der Straße und die Vögel auf Dachfirsten und Oberleitungen zu beobachten.
Auf dem Balkon hatte ich bis in gute drei Meter Höhe Katzennetz in die vorhandenen Haltehaken gespannt und wähnte mich eine ganz Weile in jeder Hinsicht auf der sicheren Seite. Auch wenn Juri es sich schnell zur Gewohnheit machte, auf die Markise zu klettern und von da aus den Hinterhof zu überwachen.

Es währte knapp ein Jahr. Wir wollten wieder in Urlaub fahren. Die Katzenfee stand bereit. Und am frühen Morgen, einen Tag vor der geplanten Abreise, hörte ich ein mir wohlbekanntes Miauen. Es klang wie unser gesprächiger Juri, nur weiter weg als gewöhnlich. Und da stand er, pitschnass im Regen auf dem Hinterdach, das sich an unseren Balkon anschloß. Unser Hinterhof ist mit einer Ansammlung sicher nie genehmigter Anbauten aus mindestens 3 Jahrzehnten zugerümpelt. Unterschiedlich hohe Dächer reihen sich aneinander, bestückt mit Satellitenschüsseln und kleinen Kaminen. Und auf einem dieser Hinterdächer stand nun Juri und beschwerte sich übers Wetter. Ich machte panisch eine Dose Thunfisch auf und öffnete das Katzennetz an einer Seite. Und Gottseidank war Juri für den Moment sowohl Freiheit, als auch Regen leid und ließ sich mit dem Lieblingsessen zurück auf den Balkon und in die Küche locken. Bei näherer Betrachtung wurde mir dann klar, daß es ein Leichtes für den Kletterfax sein mußte, von der Markise aus übers Netz in den Hinterhof zu gelangen. Nur zurück war es dann eben schwieriger.
Der Katzenvater fuhr ein weiteres großes Katzennetz kaufen und ich verbrachte den Tag damit, dasselbe so um den Markisenträger zu befestigen und mit dem vorhandenen Netz zusammenzunähen, daß aus meiner Sicht kein weiteres Entkommen mehr möglich sein sollte. Und weil Juri ein großzügiger Kater war, ließ er mich lange Zeit in diesem Glauben, machte der Katzenfee bei der anschließenden Katzenbetreuung keine Sorgen und gab sich eine ganze Weile mit Balkon und Markisenaussicht zufrieden.
Doch das Kapitel Hinterhof sollte für ihn und uns noch nicht abgeschlossen sein.
Eines schönen Tages, Katzenvater und ich waren Gottseidank zuhause, stand er wieder auf den Hinterdach. Das Wetter war besser, die Laune auch und besonders hungrig war Juri gerade auch nicht. Also zog er es vor, den Hinterhof diesmal ausführlich zu erforschen, während wir in heller Aufregung auf dem Balkon standen, ihm dabei zusahen und Stoßgebete gen Himmel sandten, daß er wenigstens nicht in die Nähe der beiden Hoftore kommen möge, die beide auf sehr befahrene Straßen hinausgehen.
Juri schaute sich jedes Dach genau an, überwand mühelos drei Meter hohe glatte Mauern, auf denen er dann stolz wie Oskar herumstolzierte. Er inspizierte die gegenüberliegenden Balkone, verschwand ein-, zweimal völlig aus unserem Blick, um wenig später auf der nächsten hohen Mauer aufzutauchen und zu uns hinüberzugrinsen. Er hatte den Tag seines Lebens. Und hätte der Hinterhof nicht die besagten Tore gehabt und es hätte irgendeine nicht lebensgefährliche Möglichkeit gegeben, ihm dieses Königreich zu lassen, wir hätten es vermutlich getan.
So waren wir froh, daß er irgendwann dann doch Appetit auf einen Snack hatte, kein Wunder nach der ausgiebigen Kletterei, und sich wieder mit Thunfisch zurück in die Wohnungssicherheit locken ließ.
Meine diesmalige Inspektion ergab, daß sich links, wo eine Mauer mit Dachrinne an unseren Balkon anschloß, oben zwischen Mauer und Netz an der Markise eine Lücke ergab, durch die unsere Krawallwutz sich in den Hinterhof begeben haben mußte. Neues Netz und neue Klöppelei, dann war auch diese Schwachstelle beseitigt. Und zumindest Juri hatte damit sein Kapitel Hinterhof abgeschlossen.
Daß es Jahre später noch einmal aufregend werden würde, was die vermeintliche Sicherheit des Netzes anging, ahnten wir da noch nicht. Anderer Kater, andere Geschichte. Übrigens die einzige, bei der ich, trotz inzwischen relativ weit entwickelten Katzenverständnisses, scheitern sollte.
Vorerst lebten wir mit Juri und Schmutzi, der ohnehin nie Ausbruchstendenzen zeigte….warum auch, es war seine Wohnung, wir waren seine Untermieter und der Kater, den er besaß, machte auch keine Anstalten mehr, weiter draußen Spaß haben zu wollen, sondern entwickelte sich stattdessen zum Katzenvaterkuschelkater….

in einer Wohnung, die nach und nach immer mehr schönes Katzenambiente bekam, von einem Catwalk über diverse Kletterbäume und Höhlen bis zu Liegeplätzen in luftiger Höhe.
Und in mir wuchs der Wunsch, zu den beiden Herren wieder ein Mädchen im Haus haben zu wollen.
Doch dazu beim nächsten Mal.
