vorsichtichboomenoch

Vorsicht, ich boome noch!

Es war wieder eine Anzeige, die uns zu unserem nächsten Kater führte, diesmal allerdings nicht im Stadtblättchen sondern online.

Eine Familie, die vordem in unserer Ecke gewohnt hatte und inzwischen nach Stuttgart umgezogen war, hatte zwei Katzen, die gleichzeitig von einem wildlaufenden Kater gedeckt worden waren, und danach jede Menge Kitten im Haus. Die waren jetzt alle knapp ein Jahr alt und die meisten untergebracht, aber einer wartete noch auf ein neues Zuhause: Juri.

Auch ein Roter. Mit bernsteinfarbenen Augen. Und einem Blick, der mir sagte: Das ist ein DoppelMatch! Mit dem einsamen Schmutzi UND mit dem trauernden Katzenvater.

Es folgten diverse Telefonate mit Juris Katzenmama, Nachfragen, Empfehlungen….und eines Sonntags reiste Juri an und verschwand, kaum daß er dem Transportkorb entkommen war, unter dem Wohnzimmersofa. Da blieb er. Drei Tage. Ich kroch mehrfach täglich näher an ihn heran und bestach ihn mit Thunfisch. Sicher traute er sich auch nachts längst heraus, aber eben nicht, solange wir uns durch die Wohnung bewegten. Schmutzfuß betrachtete das alles gelassen und mit der Geduld eines erfahrenen Katzenhalters.

Am Abend des dritten Tages war es soweit….Juri schoß unter dem Sofa hervor und sofort hinauf in die roten Vorhänge an der Balkontür. Und ich dachte: „Okay. Jetzt haben wir also so einen.“ Die Vorhänge wurden ab-und nie wieder aufgehängt. Und ich machte mich schlau, was die Vernetzung des Balkons anging. Zweieinhalb Meter hohe Teleskopstangen mit Kabelbindern an die Eckpfosten getackert und mit Katzennetz bespannt. Dankenswerterweise ließ mich Juri auch zunächst in dem Glauben, das würde reichen.

Jedenfalls, kaum hatte Juri sein schützendes Versteck aufgegeben, übernahm Schmutzi die pädagogische Leitung. Er zeigte dem Jüngeren, was man wo tat oder ließ, wann man sich wo einfand und wo man sich ungefährdet niederlassen konnte. Das jugendliche Ungestüm des neuen Freundes nahm er dabei mit sehr erwachsener Gelassenheit hin.

Wir jedenfalls spannten vorsichtshalber auch stabile Fliegengitter in die zum Lüften zu öffnenden Fenster. Und schon in der ersten Woche erlitt die Nachbarin von gegenüber fast einen Herzstillstand, als sie Zeuge wurde, wie sich Juri in vollem Galopp, alle viere von sich gestreckt, ins Netz warf. Erstaunlicherweise hielt es tatsächlich Stand.

Wir fuhren nach China und die Katzenfee hatte nur Gutes zu berichten von den beiden roten Katern und ihrem Zusammenleben. Und kaum waren wir zurück, kam irgendein Herr zur Besichtigung der Wohnung und uns wurde mitgeteilt, daß wir sie bis zum Herbst zu verlassen hätten. Das kam unvorbereitet. Aber es half ja nichts, ich machte mich auf Wohnungssuche. Und so landeten wir wieder im alten Stadtteil, in einer Wohnung über einem Spielsalon, was den Vorteil hatte, daß nächtliche Springwettbewerbe der Kater keinen Nachbarn um den Schlaf bringen würden, und mit einem großen Balkon, in dessen Seitenwände bereits Halterungen für ein Katzennetz eingelassen waren.

Der Balkon wurde vernetzt, der Hausstand in 90 Umzugskartons verpackt, zur Begeisterung der kartonliebenden Mitbewohner, und am Umzugstag wurden Schmutzi und Juri trotz relativ unfreundlichen Wetters mit Decken und Körben auf den Balkon verbannt, von wo aus sie in gemeinsamer Empörung zuguckten, wie unsere Möbel aus dem Haus getragen wurden.

Als alles im neuen Zuhause angekommen war und die Umzugstruppe wieder verschwunden, fuhren wir zurück in die alte Wohnung, in der nur noch ein grüner Sessel übrig geblieben war, der auf den Sperrmüll sollte, und ließen die beiden Kastrater wieder herein.

Ensetzen, pures Entsetzen trieb sie Seite an Seite durch die leeren Räume: Weg, alles weg! Wir wurden bestohlen! Wie konntet Ihr das zulassen? Was soll nun werden? Alles dahin!

Es war gar nicht so einfach, die beiden Herren in die Transportboxen zu bekommen, so aufgedreht waren sie angesichts der kompletten Katastrophe.

Doch als sie dann im neuen Zuhause wieder raus durften und alles vorfanden, die Möbel, die Kartons, die Gerüche und dazu neue tolle Plätze, war schnell alles wieder gut und die Herren bestätigten sich gegenseitig, daß sie sich nun abregen und gemütlich irgendwo niederlassen konnten, um diesen gräßlichen Tag schlummernd zu verarbeiten.

Wie sich Juri dann in der neuen Wohnung in Windeseile den Beinamen „Krawallwutz“ verdiente, mir beibrachte, daß ein vernetzter Balkon noch lange kein gesicherter Balkon sein muß, und das Herz des Katzenvaters komplett gewann, das erzähle ich morgen. 🙂


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