Mutterbild.
Mir gehen ja diese eher späten Mütter gewaltig auf den Zeiger, die, kaum daß sie ein Kind geboren haben, mit Büchern und Programmen auf den Markt drängen, in denen es darum geht, wie böse die Gesellschaft mit ihnen umspringt und sie mit dem angeblich herrschenden Mutterbild unter Druck setzt
Ich werde ja den Eindruck nicht los, daß Kebekus oder Lehfeldt oder wie sie alle heißen, da eher gegen das Mutterbild anschreiben, daß sie selber im Kopf hatten, solange sie noch keine Mütter sein wollten.
Jetzt, wo sie welche sind, aber natürlich auch weiter Karriere machen wollen, merken sie, daß das so einfach nicht geht. Und das kann natürlich nicht daran liegen, daß man schon rein rechnerisch nicht zwei Sachen zu 100% machen kann, sondern es muß jemand schuld sein. Und da liegt die Gesellschaft als Sündenbock ja immer schön rum.
Ich kann mir schon vorstellen, daß es nervt, wenn man als Frau dauernd gefragt wird, wie man Beruf und Kind unter einen Hut bringt, während Männern diese Frage nie gestellt wird. Und Männer auch nie für schlechte Väter gehalten werden, nur weil sie nicht 24/7 für ihre Kinder bereit stehen, sondern einem Beruf nachgehen.
Und ich kann mir auch vorstellen, daß man schier durchdreht, wenn in der KindergartenWhatsAppGruppe jeder besser zu wissen glaubt, was Du Deinem Kind verbieten und erlauben solltest, als Du selber, oder ein Scherbengericht empörter Mütter über Dich hereinbricht, weil Dein Kind einen Keks in der Brotdose hatte.
Aber nichts davon kann einen doch in seinem Selbstverständnis als Mutter ernsthaft erschüttern. Oder? Zumindest doch nicht diese gut situierten Karrierefrauen, die immer gerne demonstrieren, wie eigenbestimmt sie leben. Die sich angeblich auch sonst eher nichts vorschreiben lassen, weder von der Gesellschaft, noch vom Zeitgeist. Und die sich ja sehr bewußt entschieden haben, in dieser Gesellschaft Mütter zu werden.
Meine Mutter hätte wirklich Grund gehabt, über das Frauen-und Mutterbild zu klagen, daß zu ihrer Zeit herrschte.
Hat sie nie getan. Aber hätte sie können.
Sie wurde 1923 geboren. Als zweitälteste Tochter in eine Familie mit irgendwann 10 überlebenden Kindern.
Wäre sie 50 Jahre später geboren, der zweite Weltkrieg und das Naziregime wären ihr erspart geblieben.
Sie hätte angesichts ihrer Fähigkeiten mit Sicherheit das Gymnasium besucht. Das mathematische Talent in der Familie stammt nämlich eindeutig von ihr. Und vermutlich hätte sie studiert. Naturwissenschaften. Oder Pharmazie und wäre selber die Apothekerin geworden, als die sie mich gerne gesehen hätte.
So war es eigentlich schon ein Wunder, daß sie nach der Schule eine veritable Ausbildung machen konnte und zwar nicht zur Sekretärin oder Telefonistin, sondern zur Textillaborantin. Ein Beruf, den sie geliebt hat, wie mir ihre Aufzeichnungen aus dieser Zeit beweisen.
Doch der Krieg sorgte dafür, daß sie diesen Beruf nicht lange ausüben konnte, also arbeitete sie in einer Fabrik. Und als Verkäuferin.
Dann lernte sie nach dem Krieg meinen Vater kennen. Die beiden heirateten Anfang der 50er Jahre und ein Jahr später kam mein Bruder zur Welt.
Und damit kam das damals herrschende Mutterbild ins Spiel. Denn in den 50ern arbeiteten Mütter in Westdeutschland nicht gegen Lohn, sie arbeiteten als Hausfrauen und Mütter zuhause. Und das tat auch meine Mutter. Erst recht, nachdem dann fünf Jahre später auch noch ich dazu kam.
Meine Mutter nahm ihre Aufgabe sehr ernst. Sie wuppte den Haushalt, was damals noch deutlich mehr Herausforderung war als heute, sie war für unser Wohlergehen und unsere Erziehung verantwortlich, sie regelte die Haushaltskasse.
Sie kochte jeden Tag. Frisch und regional. Und das sehr gut. Ohne Rezept. Sie machte die besten Frikadellen und die besten Kohlrouladen der Welt. Grandiose Pfanne-und Reibekuchen. Und ihre Sonntagsbraten waren köstlich. Ich versuche jetzt seit 50 Jahren, da ranzukommen, aber es will mir nicht gelingen. Nur im Urlaub kochte sie nicht. Das war ihre einzige Bedingung an die Reisen in den Sommerferien: Sie wollte nicht nur weiter ihre Arbeit tun, wenn auch an anderen Orten. Im Urlaub wollte sie sich mal bedienen lassen. Und dieser Wunsch wurde zuverlässig erfüllt.
Sie war mit ganzem Herzen Hausfrau und vor allem Mutter. Und als der Haushalt einfacher wurde und wir größer, suchte sich sich Ehrenämter, in denen sie tätig werden konnte.
Aber ich glaube, sie hätte sehr, sehr gerne gearbeitet.
Doch als wir größer waren und sich der Zeitgeist diesbezüglich zu ändern begann, da war sie schon zu lange heraus aus dem Berufsleben und traute sich nicht mehr.
Sie führte viele Jahre lang zusammen mit meinem Vater die Leihbibliothek der Pfarrgemeinde. Sie war die tragende Stütze eines Besuchsdienstes im benachbarten Altersheim.
Als wir aus dem Haus waren, belegte sie Sprachkurse. Und versuchte, sich noch in den Gebrauch des PC einzuarbeiten.
Sie hat nie geklagt. Oder gejammert, wie schwer oder gar unmöglich ihr die Gesellschaft mit ihrem Frauen-und Mütterbild das Leben gemacht habe.
Aber es war völlig klar, daß ich die selben Ausbildungschancen bekam wie mein Bruder. Und als ich mitten im Studium alleinerziehende Mutter wurde, unterstützten mich meine Eltern uneingeschränkt in allem, so daß ich mein Studium abschließen und danach am Theater arbeiten konnte.
Meine Mutter hätte gerne gesehen, daß ich Apothekerin oder Juristin geworden wäre. Aber nie hat sie meine beruflichen oder familiären Entscheidungen in Frage gestellt oder bemängelt, wenn sie ihrem Frauen-und Mutterbild oder dem der Gesellschaft nicht entsprachen.
Und so sorgten meine Eltern dafür, daß ich mich um vielleicht herrschende Mütterbilder nicht kümmerte, als ich in den 80ern Mutter wurde. Ich war Mutter. Und ich war berufstätig. Und ich hatte Hilfe. Und natürlich merkt man, daß einiges nicht geht. Und das nicht immer alles so optimal läuft, wie man es sich vorstellt.
Aber man vertraut auf sich und macht das Beste draus.
Ist ja nicht so, daß Frau Lehfeldt und Frau Kebekus und all die anderen Mutterbildjammerfrauen das nicht auch täten. Und auch deshalb habe ich immer das Gefühl, ihre Kritik an jenen, von denen sie sich nicht genug gewürdigt, nicht genug respektiert, nicht genug unterstützt, nicht genug wahrgenommen fühlen, heißt im Grunde nur: Guck, ich mache alles richtig und wenn es nicht Deinen Vorstellungen entspricht, dann müssen Deine Vorstellungen falsch sein.
Kann man denken.
Aber muß man darüber wirklich als eindeutig priviligierte Frau öffentlich rumjammern?