Selbstoptimierung.
Klingt ja erstmal gut.
Früher hätten wir es „das Beste aus sich machen“ genannt.
Talente nutzen, Potential ausschöpfen, Positives hervorheben, Negatives wegarbeiten oder kaschieren, je nach dem, was möglich ist.
Ach Gottchen, damals.
Da hatten wir ja auch noch keine Ahnung von Selbstfürsorge oder Achtsamkeit.
Wir haben uns einfach nur ab und zu mal was gegönnt und auch mal innerlich drauf gehört, ob uns das auch wirklich gut tut oder nicht.
Aber so einfach kommen wir jetzt nicht mehr weg.
Selbstoptimierung hat sehr wenig mit Selbst-Bewußtsein oder gar Selbst-Akzeptanz zu tun.
Die Sache läuft eher so:
Man erzählt Dir lange und ausführlich, daß Du so, wie Du bist, nicht genügst.
Du bist zu groß oder zu klein, zu dick oder zu dünn, zu leise oder zu laut, zu farblos oder zu bunt, auf jeden Fall falsch.
Du bist nicht genug im Trend. Du bist nicht nah genug dran am Zeitgeist. Du hast zu wenig Glow und zu wenig Glimmer.
Du hörst einfach zu wenig zu, wenn Influencer und Industrie zu Dir reden.
Unterm Strich sagen sie Dir alle: Du könntest so toll sein! Wenn Du bloß ganz anders wärst.
Das ist wie ein Partner, der Dir nach einiger Zeit sagt: Ich liebe Dich ja wirklich. Aber Du müßtest halt ganz anders sein.
Als Selbstoptimierung gilt, bei Licht besehen, eigentlich nur etwas, wozu Du Dich zwingen mußt und was Dich komplett verändert.
Und was Dich Geld kostet, weil Du bestimmte Mittelchen und Operationen und Kurse und Werkzeuge dazu brauchst und den teuren Rat von selbst ernannten Fachleuten.
Eine andere Nase. Andere Wangenknochen, anderes Kinn, andere Augenlider. Am liebsten auch noch eine andere Brust und andere Schamlippen.
Fragt man sich ja schon, warum dann nicht gleich jemand anders und mich so lassen, wie ich bin.
Keine lieb gewonnenen Gewohnheiten und Rituale mehr, die Dein Leben bisher angenehm gemacht haben, sondern neue Routinen.
Du bist immer noch Langschläfer, wenn man Dich läßt? Geht gar nicht.
Steh morgens um 5 auf, auch an Wochenenden, und laufe 5 Kilometer um den Block, dann schreibe 5 Dinge in Dein Daybook, die Dir heute wichtig sein sollen, trinke einen Matcha Latte und pack Dir eine ChiaBowl mit ganz viel Protein ein für die Mittagspause, in der Du 10 Minuten meditieren darfst. Und nach der Arbeit, husch, husch, aufs Laufband im Gym und an die Gewichte.
Kann man ja machen, wenn einen das freut.
Aber was soll daran optimal sein, wenn ich es nur tue, weil mir irgendjemand, der völlig anders als ich tickt, nichts über mich weiß und sich auch null für mich interessiert, behauptet, dann ginge es mir besser, sähe ich besser aus und würde bestimmt viel länger leben.
Longevity. Auch so ein Ding.
Möglichst gesund leben, nicht rauchen, wenig oder gar kein Alkohol, aber viel Wasser, ausgewogen essen, genug schlafen, sich bewegen, auch geistig, und soziale Kontakte pflegen. Alles prima.
Versuchen die meisten. Zumindest von denen, deren Lebensumstände es zulassen, darüber nachzudenken und eine Auswahl aus dem Überfluß zu treffen.
An irgendwas hapert es allerdings oft.
Zum Beispiel zu wenig Schlaf. Weswegen um 5 Uhr aufstehen bei vielen Leuten einfach eine saudumme Idee ist, vor allem, wenn sie erst gegen Mitternacht von der Arbeit kommen.
Oder die sozialen Kontakte, wenn man ein eher introvertierter Single mit Vereinsallergie ist.
Aber im Prinzip könnte man sich auf diese Eckpfeiler eines möglichst gesunden und möglichst langen Lebens einigen.
Damit ist es bei Longevity aber natürlich nicht getan.
Da muß auf jeden Fall auch schmerzlich verzichtet werden. Auf böse Nahrungsmittel. Und auf Genußmittel sowieso. Und behauptet werden, das sei ja kein Verzicht, sondern gewonnene Freiheit, kein weniger an Genuß, sondern ein Mehr an Selbstkontrolle.
Da erzählt einem eine Endsechzigerin des Öffentlichen Lebens, die objektiv betrachtet nicht jünger aussieht, als sie ist, im Brustton der Überzeugung, wie befriedigend es sei, mittags seit Jahren nur Salat zu essen und auf Salz und Zucker komplett zu verzichten.
Mal ehrlich, wer will denn so älter werden als alt?!
Da muß nach der Stoppuhr geschlafen und gesportelt werden.
Da müssen die Gene analysiert werden, damit ich schon 50 Jahre vorher weiß, welche Alterserscheinungen möglicherweise auf mich zukommen.
Und da wird so getan, als sei Krankheit immer nur die Strafe für ein zu wenig gesundheitsbewußtes Leben.
Und der Tod ebenso.
Wer immer brav is(s)t, der stirbt nie.
Mal abgesehen davon, daß Unsterblichkeit nicht zu meinen Wunschträumen gehört. Auch wenn ich mir gerne vorstelle, daß ich immerhin so lange leben darf, daß ich selber finde, jetzt sei es eigentlich genug.
Wenn ich nur sehr lange leben und mich als optimale Version meiner selbst fühlen darf, wenn ich ganz anders lebe und aussehe und mich verhalte, als es meiner Person eigentlich entspricht, dann finde ich nicht, daß das irgendetwas in meinem Leben optimiert.
Am wenigsten mein Selbst.