Wir hatten die alte Probebühne in Oberbilk, die immer mehr verfiel. Und wir hatten Fundus über die ganze Stadt verteilt.
Nun wurde die alte Post neben dem Hauptbahnhof gekauft und dort entstand unser neues Proben-und Gewerkezentrum, das Central. Der absolute Luxus…drei Probebühnen mit den Maßen der Bühne im großen Haus, eine davon sogar mit Drehbühne. zwei kleinere Probebühnen und eine richtige kleine Spielbühne mit Zuschauerraum. Außerdem Räume für die Gewerke, der große Malersaal zur Herstellung der Bühnendekorationen, Kostüm-und Schuhfundus. Bis das allerdings alles fertig gebaut war, balancierten wir zeitweise an offenen Baustellen vorbei auf unsere Rohbauprobebühnen, wo man sich im Winter den Hintern abfror und im Sommer vor Hitze zugrundeging. Die Klimaanlage sollte auch im fertigen Central ein Problem bleiben. Aber das Gesamtkonzept rettete uns, als ein paar Jahre später die Komplettsanierung des Hauses nötig wurde, buchstäblich vor dem Untergang.
Bei einer Renovierung und Neubestuhlung des Großen Hauses hatte man nämlich dummerweise festgestellt, daß seinerzeit Spritzasbest verbaut worden war. Das machte in absehbarer Zeit größere Sanierungsarbeiten nötig.
Doch erstmal probten wir wie gehabt für eine Premiere im Großen Haus, „Familie Schroffenstein“ von Kleist unter der Regie von Stephan Rottkamp, Bühnenbild, wie meistens bei ihm, von Robert Schweer. Das weniger bekannte Stück Kleists beschreibt den tragischen Untergang zweier verfeindeter Familien, deren Kinder sich heimlich ineinander verlieben. Eine Art schwäbische Romeo&JuliaVariante, die Rottkamp in einem düsteren Bühnenraum mit Doppelbesetzung und Durchbrechen der vierten Wand eher formal erzählte.
Sensationell bei Proben mit Stephan Rottkamp waren übrigens immer seine Bergfeste. Traditionellerweise feiert man im Verlauf der Probenarbeit gerne ein sogenanntes Bergfest, entweder dann, wenn man die Hälfte des Stücks anprobiert hat, oder aber nachdem man einmal durchs ganze Stück gestolpert ist, das variiert. Manchmal auch einfach ungefähr zur Hälfte der Probenzeit. Bei Rottkamp sahen diese Feste folgendermaßen aus: Ein Ensemblemitglied stellte seine Wohnung zur Verfügung, es wurden Bierbänke und -tische darin aufgestellt, jeder brachte Teller, Besteck und Glas selber mit, um große Spülarien für den Gastgeber im Anschluß zu vermeiden, das Leitungsteam kümmerte sich um die Getränke und dann steuerten die Beteiligten das Essen bei. Manchmal gab es ein stückverwandtes Thema, zu dem die Mahlzeiten zu passen hatten, manchmal einfach ein frei gewähltes. Und so kamen dann alle Beteiligten beim Bergfest zu einem mittelschweren Gelage zusammen mit mehreren Gängen, viel Weinbegleitung und bester Laune. Das ging gerne bis in die frühen Morgenstunden, egal, ob am nächsten Tag wieder Probe war oder nicht. „Wer feiern kann, kann auch arbeiten.“ war Rottkamps Devise. Und so hielten wir es auch.
Nach den Schroffensteins erwartete mich eine andere Familie und ein ganz besonderes Großprojekt. Wolfgang Engel, der zu Zeiten unseres legendären DDRGastspiels Regisseur in Dresden gewesen war, brachte Thomas Manns vierbändigen Roman „Josef und seine Brüder“ in einer eigens angefertigen Theaterfassung von John von Düffel auf die Bühne und das im wörtlichen Sinne, denn das Publikum saß in dieser Inszenierung mit im Bühnenraum, rings um eine boxringähnliche mittige Spielfläche von Olaf Altmann. Michele Cuciuffo spielte den Joseph. Sechs Stunden dauerte die Inszenierung, aufgeteilt in drei Abschnitte mit zwei Pausen dazwischen. In einer der Pausen wurde das Publikum im Foyer mit Linsensuppe, Brot und Wein bewirtet. Der Abend geriet lang, aber durchaus kurzweilig, und wenn das Publikum nach den sechs Stunden in begeisterte Standing Ovations ausbrach, dann beklatschte es immer auch sich selbst und sein eigenes Sitzfleisch.
Nach diesem Mammutwerk war ich wieder bei Stephan Rottkamp, diesmal im Kleinen Haus, in einem Stück von Kathrin Röggla, das sich mit dem Entführungsopfer Natascha Kampbusch und der Zeit nach ihrer erfolgreichen Flucht beschäftigte. Dazu wurden im kleinen Haus sechs schwarze Boxen auf die Bühne gebaut, in denen jeweils ein Schauspieler mit einem Teil des Publikums saß. Die Zuschauer erlebten also immer nur einen Darsteller live, die anderen sahen sie lediglich auf den Bildschirmen. Ich arbeitete zum ersten Mal mit einem Headset, so daß ich mit in einer der Boxen sitzen, aber dennoch allen Schauspielern im Bedarfsfall ins Ohr soufflieren konnte. Die Spielanordnung machte den Zuschauer zum direkten Beteiligten und damit Mitverantwortlichen eines Livegeschehens, das kritisch vorführte, wie Medien und Umfeld Nataschas Leidensgeschichte im Nachgang hemmungslos ausgenutzt hatten. Publikum und Kritiker waren gleichermaßen begeistert davon, wie kongenial Regie samt Bühnenbild das aktuelle Thema umgesetzt und so die distanzierte Sprache Rögglas erlebbar gemacht hatte. Und so wurden wir dann auch zu den Stücketagen in Mühlheim eingeladen.
Auch Autor und Dramaturg Jonigk veranstaltete während der Intendanz Niermeyer jährlich Autorenwettbewerbe und der jeweilige Gewinner wurde dann in der folgenden Saison inszeniert.
So bekamen wir es gegen Ende der Spielzeit noch mit dem Stück „Verlassen“ von Tina Müller zu tun, das die ehemalige Regiassistentin Daniela Löffler auf der kleinen Spielbühne im Central umsetzen sollte. Drei in Alter und Lebensgeschichte sehr unterschiedliche Frauen werden von ihren Männern verlassen und finden miteinander sehr verschiedene Wege, damit umzugehen. Lisa Arnold, Claudia Hübbecker und Anke Hartwig gaben die drei Damen inmitten eines bunten Blumenbeetes, das im Stückverlauf mächtig zerrupft wurde. Und keine der Beteiligten war wirklich glücklich mit dem Text. Er kam ein bißchen daher wie von der Kummerspalte einer Frauenzeitschrift abgeschrieben. Es wurde dann aber dank der Schauspielerinnen doch ein anrührender kleiner Abend, mit dem sich die Bühne im Central ein erstes Mal ins Zuschauerbewußtsein spielte. Wie zentral sich das Central dort noch verankern sollte, ahnten wir da alle noch nicht.
Die Intendantin jedenfalls hatte, anders als ihre Vorgänger im Amt, nicht noch einmal verlängert, die nächste Spielzeit würde also schon ihre vorletzte sein, und eine Findungskommission machte sich bereits daran, einen neuen Intendanten aufzuspüren.
Ich verbrachte derweil diesen Sommer u.a. auf Sizilien.
Und es war gut, daß ich bestens erholt in die erste Produktion der neuen Spielzeit starten konnte.