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Vorsicht, ich boome noch!

Der neue Intendant war also Schwede. Staffan Holm. Seines Zeichens Regisseur und bereits zweimal Leiter eines Theaters gewesen, in Malmö und Stockholm.

Die Düsseldorfer hatten sich für ihn entschieden, weil sie das Schauspielhaus internationaler machen wollten.

Das war schon das erste Mißverständnis. Holm verstand darunter, verstärkt europäische Theaterleute und -produktionen nach Düsseldorf zu holen. Die Düsseldorfer meinten aber eher, daß sie wieder zusammen mit dem Theater auf Gastspiel durch die Welt reisen wollten.

Das zweite Mißverständnis war größer und betraf den Intendantenposten. Offenbar hatte sich Holm als Intendant in Schweden um viele Dinge nicht kümmern müssen, die in Düsseldorf zu seiner Jobbeschreibung gehörten. Und diese war wohl nicht eindeutig genug kommuniziert oder aber auch nicht richtig verstanden worden. Alles Administrative, das Ringen mit Aufsichtsrat und Politik nervte Holm dem Vernehmen nach schon im Vorbereitungsjahr offenbar so sehr, daß er zwischendurch überlegte, einfach hinzuwerfen.

Die prekäre Finanzlage des Hauses, die sich im Verlauf der letzten beiden Intendanzen dramatisch zugespitzt hatte, uns allen aber noch nicht bekannt war, kam vermutlich erschwerend hinzu.

Wir erlebten mit Holm aber zunächst einen sehr sympathischen zugewandten Menschen, offen, kommunikativ und feierfreudig. Und auch als Regisseur machte er mir durchaus Spaß.

Wir probierten also den HAMLET mit Aleksandar Radenković in der Titelrolle und dem, seit dem Film „Das weiße Band“ über das Theater hinaus bekannten, Rainer Bock als König und Geist. Der Bühnenraum war ein riesiger leerer goldener Kasten, ein sprichwörtlicher goldener Käfig. Wir konnten zwar auf der Bühne proben, aber um uns herum tobten immer noch die Sanierungsarbeiten. Und wir mußten die Premiere dann auch um zwei Wochen verschieben, doch Anfang November war es endlich soweit.

Noch am Vormittag wurde im Saal und im Foyer gearbeitet, letzter Teppich verlegt, letzte Birnen eingeschraubt, letzte Sessel montiert.

Ich habe immer gesagt, man hätte diese ganzen Renovierungsarbeiten fotografisch dokumentieren müssen und zur Wiedereröffnung des Hauses, also unserer Premiere, eine Ausstellung davon unten im Foyer zeigen sollen. Dann hätte auch das Publikum einen Eindruck von dem gewaltigen Arbeitsaufwand gehabt. So kam das Premierenpublikum ins Haus, sah sich um und fand, so aufwendig könne das alles doch gar nicht gewesen sein, sah doch so aus wie vorher. Aus Denkmalschutzgründen stimmte das ja auch: Von den Glühbirnen in der Decke bis zum 70erJahreOrange des Teppichbodens war alles wie gehabt. Daß die teure Holzverschalung im Zuschauerraum erneuert und zur akustischen Optimierung verändert und der Raum selber in der Tiefe um 200 Plätze verkleinert worden war, fiel noch dazu auch kaum auf.

Die Reaktion von Publikum und Kritik auf den Abend war eher verhalten bis ablehnend und ließ im Grunde schon nichts Gutes ahnen. Den einen war zu wenig Zeitkritik, den anderen zu wenig Tiefe, selbst die schauspielerische Leistung wurde nur teilweise gewürdigt. Im Nachhinein erwies sich der Auftakt als Menetekel.

Es gab noch andere Aspekte, die einen, bei aller Sympathie für den Chef, ein bißchen skeptisch stimmten. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, daß da kein besonders hilfreiches Team zusammengekommen war. Ja, eigentlich nicht einmal ein Team. Man wurde das Gefühl nicht los, daß einige Leute in der Leitungsetage hauptsächlich entschlossen waren, ihr eigenes Süppchen zu kochen und es sich derweil vom immerhin gut zahlenden Düsseldorfer Schauspielhaus anständig würzen zu lassen. Die einen wollten eigentlich nach Berlin, der andere vor allem sein Beziehungsnetz weiterknüpfen, die russischen Kontakte ausbauen und die eigene Karriere vorantreiben. Mit Stadt und Publikum hatte das alles eher weniger zu tun.

Und da ist der Düsseldorfer sensibel, das spürt er und das nimmt er übel. Das Gefühl, nicht wirklich gemeint zu sein. Das Gefühl, daß eher fürs überregionale Feuilleton produziert wird als fürs lokale Publikum. Der Düsseldorfer registriert es. Und reagiert vergrätzt.

Für mich persönlich aber hielt diese erste Spielzeit trotz allem ein echtes Geschenk bereit: Der Pariser Theaterleiter Stéphan Braunschweig inszenierte das norwegische Stück „Tage unter“ von Arne Lygre, mit Udo Samel in der Hauptrolle. Ein „Der Besitzer“ genannter Mann hat zwei Frauen entführt, gespielt von Claudia Hübbecker und Bettina Kerl, und hält sie in einem unterirdischen Bunker gefangen. Als ein junger Mann dazukommt, eskaliert die Situation. Zuguterletzt könnten alle entkommen, doch die Frauen kehren freiwillig in den Kerker zurück, nach Jahren der Abhängigkeit von ihrem Entführer sind sie zu einem Leben in Freiheit und ohne ihn nicht mehr fähig.

Udo Samel kannte ich ja noch aus meinen Urzeiten, wir waren zusammen auf meiner ersten Gastspielreise in Russland unterwegs gewesen. Inzwischen war er ein absoluter Star der Theaterszene und dem Publikum auch von Film und Fernsehen bekannt. Er galt als anspruchsvoll und schwierig, aber wir beide kamen gut miteinander aus. Das lag vor allem daran, daß Samel die Souffleuse durchaus ab und an brauchte und darum immer mit einem Ohr auf sie fokussiert war, so daß man ihm im Zweifelsfall ebenso ansatzlos wie dezent weiterhelfen konnte.

Nicht nur, daß die Arbeit großen Spaß machte, wir verbrachten mit der Produktion auch noch zwei wundervolle Wochen im winterkalten Paris, durften mit dem Stück für zwei Wochen nach Berlin und hatten ein ganz zauberhaftes Gastspiel in Straßburg, wo Samel, der Feinschmecker und Weinkenner, uns in ein entzückendes kleines Lokal entführte.

Danach arbeitete ich wieder mit dem Chef, der seine Stockholmer Inszenierung von „Richard III“ zu covern gedachte. Die fertige Inszenierung wurde aus dem Düsseldorfer Ensemble neu besetzt und sozusagen nachgespielt. Zunächst mal keine wirklich dankbare Aufgabe für die Schauspieler. Wir sahen uns die Aufführung auf Video an und dann wurde sie Stück für Stück nachgearbeitet. Aber natürlich veränderte sie sich durch die neuen Darsteller, die auch zu Recht vieles hinterfragten und anders machten. Das Bühnenbild bestand aus einer Art Wartesaal mit an der Wand entlang aufgestellten Stühlen, auf denen alle Darsteller Platz nahmen und zu ihren Auftritten auf die Spielfläche traten. An der Wand war mit Kreide der komplizierte Stammbaum der Yorcks und Lancasters aufgemalt und immer, wenn wieder jemand den Tod gefunden hatte, stieg einer auf die Stühle und strich den Namen durch.

Ich hatte es mit wunderbaren neuen Schauspielern wie Jonas Anders oder Florian Jahr zu tun und alten Bekannten wie Rainer Galke, Claudia Hübbecker, Karin Pfammater oder Manuela Alphons. Und ich lernte, daß es auch in der neuen Dramaturgie einen ebenso kompetenten wie loyalen Kollegen gab, den wunderbaren Daniel Richter.

Wieder reagierten lokale Presse und Publikum eher mäkelig. der Abend war ihnen vor allem zu laut und zu wenig elegant.

Man ahnte, es würde schwer für Holm werden, es ihnen recht zu machen.


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