Mitte.
Mitte finde ich gut.
Ich bin zwar nicht mittelgroß, sondern größer.
Und auch nicht mehr mittelalt, sondern älter.
Aber ansonsten bin ich für die Mitte immer sehr zu haben.
Ich mag mittlere Temperaturen, also irgendwas zwischen 10 und 25°. Unter 0 und über 30 wird es furchtbar.
Ich mag auch ein gesundes Mittelmaß. Von allem genug und von nichts zuviel. Damit lebt es sich am bequemsten. Und am glücklichsten. Behaupte ich jedenfalls.
Ich brauche die großen Ausschläge nicht, die Kicks, die Amplituden. Es darf gerne mal etwas Anderes, etwas Neues, etwas Unbekanntes sein. Das ist mir Herausforderung und Kick genug. Aber das darf sich dann alles gerne innerhalb meiner Wohlfühlzone abspielen und innerhalb meiner Grenzen. Ich gerate nicht so gerne außer mich.
Die Wohlfühlzone heißt ja nicht umsonst so. Und die Wahrscheinlichkeit, daß sich jenseits dieser Zone eine Nochwohlerfühlzone auftut, ist erfahrungsgemäß deutlich geringer als die, daß jenseits des Wohlfühlens ein Unwohlfühlen wartet, daß ich wirklich nicht brauche, um mein Leben interessant genug zu finden.
Ich bin auch so mittel begabt. Ein paar Sachen kann ich ganz gut. Aber es gibt immer Leute, die es viel besser können. Ein paar Sachen kann ich auch gar nicht. Und manches tue ich, obwohl mir die Begabung dafür fehlt, einfach, weil es getan werden muß. Das mache ich dann mal mittelgut und mal mittelschlecht. Immerhin ist es dann getan und niemand hat’s geschadet.
Ich mag auch mittlere Landschaften.
Ich mag das Meer, aber am liebsten vom Strand aus. Und die Berge mag ich auch, aber lieber so von unten. Am liebsten mag ich Landschaften, die einen weiten Blick erlauben, von einem mittleren Hügel aus übers weite grüne Land bis hinaus aufs Wasser.
Ich mag es, wenn Speisen warm sind, aber nicht heiß.
Ich mag es, wenn Musik Volumen hat, ohne so laut zu sein, daß es Krach wird.
Ich mag Auseinandersetzungen, die nicht ausarten. Sonst muß ich mich danach schämen, obwohl ich doch immer noch denke, daß ich recht hatte.
Ich habe lange Zeit gedacht, in mir drin sei eine kleine zierliche Französin mit dunklen Haaren, einem leidenschaftlichen Herzen und dem Drang zum Drama. Bis mir klar wurde, in mir drin ist genau das, was draußen drauf ist: Eine große kräftige Flämin, nicht leidenschaftlich, sondern fürsorglich, nicht dramatisch, sondern bodenständig. Die Blondine gewordene Pragmatik, keine Zigarettenspitze in der Hand oder Dopenadel, sondern eine mittelgroße Forke, um den Kuhstall auszumisten. Nichts zerbrechlich Gefährdetes und nichts dramatisch Überwältigendes, nur etwas Lebenspraktisches im mittleren Bereich.
Ich bewege mich im Mittelmaß. Selbst die Dinge, in denen ich wirklich gut bin, sind nur mittelmäßig relevant.
Ich finde immer noch, daß die bürgerliche Mitte ein sehr guter Ort wäre, einer mit Werten und Liberalität, mit Charakter und Toleranz, mit Problemen und mit Lösungen. Keine Extreme, sondern Vernunft.
Aber dieser Raum ist klein geworden, diese bürgerliche Mitte. Den einen ist sie zu gestrig, zu miefig, zu mittelmäßig. Die anderen finden es schon hier zu herausfordernd. Da kommen die einfachen Antworten auf komplexe Probleme von den Rändern gerade recht.
Und es gibt eine fatale Tendenz, die Eigenverantwortung der Mitte abzugeben an ein Rechts oder ein Links, das behauptet, es könne die Geschicke bestmöglich lenken, und doch nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist.
Wenn die Mitte sich nicht auf ihre Kraft besinnt und darauf, daß sie das größte Teilstück ist, dann wird sie einfach untergehen. Wenn sie sich so schwach gebärdet, wie die Extremisten sie einschätzen, dann hat sie keine Chance mit ihrer mittellauten Stimme und ihren Kompromissen und ihren ausgleichenden Regeln.
Aber wer in der Mitte steht, der hält die Balance.
Ich mag die Mitte.
Außer im Restaurant. Da sitze ich meistens lieber am Rand. Da hat man mehr im Blick.