vorsichtichboomenoch

Vorsicht, ich boome noch!

Wir waren bei Mohrle und Felix stehen geblieben und wie das Leben sie zufällig zusammenführte und wir von Einzelkatzenhaltern zu Mehrkatzenhaltern wurden.

Im Laufe der Zeit lernte ich dann auch, daß Katzen nicht die Einzelgänger sind, als die sie häufig beschrieben werden. Bis auf sehr wenige Ausnahmen schätzen sie kätzische Gesellschaft. Das liegt auch daran, daß ihr schlimmster Feind in Wohnungshaltung die Langeweile ist. Auch das lernte ich im Laufe der Zeit. Fensterplätze, Catwalks über unterschiedliche Höhenflächen bis rauf auf die BillyRegale, Kratz-und Kletterbäume, Höhlen aller Art und vor allem Kartons….Felix und Mohrle wurden diesbezüglich aus Unkenntnis noch eher knapp gehalten. Auch blieb der Balkon der nächsten Wohnung sträflicherweise weiterhin unvernetzt, aber immerhin fiel dankenswerterweise keiner mehr hinunter.

Irgendwann starb unser Mohrle, zuhause, umgeben von Felix, Tochter und mir. Und wenig später zog die Madame bei uns ein, wieder aus dem örtlichen Tierheim. Eine sogenannte KuhKatze, weiß mit grauen Flecken. Sie war gänzlich hemmungslos, was den Körperkontakt mit völlig Fremden anging, konnte aber Unordnung nicht leiden und hat deshalb sogar einmal einer zeitweisen Mitbewohnerin aus erzieherischen Gründen aufs Kopfkissen gekackt. Ansonsten war sie völlig unkompliziert und lebte friedlich neben Felix her. (Daß es von ihr keine Fotos gibt, liegt nicht daran, daß sie unfotogen gewesen wäre, aber zu der Zeit war Fotografieren bei uns mangels Fotoapparat nicht angesagt.)

Wir zogen dann in eine Wohnung ohne Balkon, aber wieder im fünften Stock. Kurz zuvor hatte ein Computer und mit ihm die frühe Form des Internets Einzug gehalten. Und bald darauf lernte ich in einem Chatforum meinen zukünftigen Mann kennen, der in Stuttgart wohnte und dem ich wohl aus vielen Gründen niemals begegnet wäre, hätte er in besagtem Forum nicht „Wind in seinem Haar“ geheißen, was ich so schön fand, daß ich ihn irgendwann zu fortgeschrittener Stunde anchattete….aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Jedenfalls reiste er zwei Wochen später das erste Mal an. Und danach beinahe jedes Wochenende. Und das mit den Katzen gefiel ihm so gut, daß er sich auch eine zulegte, ein weibliches Herbstkatzenexemplar aus dem Tierschutz, das von einem Bauernhof weggerettet worden war, die buchstäblich kleine getigerte Paula.

(Der neue Mann in unserem Leben hatte einen Fotoapparat und nutzte ihn auch gerne.)

Paula kam dann mit ihm zusammen häufiger zu Besuch und zog anderthalb Jahre später mit ihm zusammen bei uns ein und so hatten wir nun also drei Katzen.

Felix wurde alt und krank und daß wir ihm damals aus finanziellen Gründen nicht die tierärztliche Pflege angedeihen lassen konnten, die er weiß Gott verdient hätte, macht mir bis heute ein furchtbar schlechtes Gewissen. Und ist mit der Grund dafür, daß ich inzwischen monatlich viel Geld für Tierversicherungen ausgebe, um im Notfall auf alle Ausgaben vorbereitet zu sein.

Trotzdem zog bald nach Felix‘ Tod wieder eine dritte Katze bei uns ein und das lag an einer Kleinanzeige, die ich im Stadtanzeiger gelesen hatte. Da wollte eine Familie in Gelsenkirchen einen kleinen Kater wieder loswerden, weil ihr großer Kater auf ihn losging und er seit Tagen nur noch im Badezimmer hauste. Also rief ich an und fuhr zwei Tage später ins Ruhrgebiet, um den kleinen Mann zu befreien. Was ich vorfand, war eine vierköpfige Familie in einer kleinen Mietwohnung mit einem großen schwarzen Hund und einem großen und unkastrierten schwarzen Kater, die sich einen 5 Wochen alten roten Kater geholt hatten, weil er farblich irgendwie cool war zu den schwarzen Viechern und man ihn Garfield nennen und mit Nudelresten aus der Küche füttern konnte. Der kleine rote Kater, der mit mir nachhause fuhr, war also gerade mal 6 Wochen alt, viel zu früh von seiner Mutter weggeholt worden und hatte bislang wenig Liebe und Verständnis erfahren.

Mein Katzenverständnis hatte zwar nachwievor auch noch sehr viel Luft nach oben, aber zumindest hatte der kleine Kater sich diesbezüglich ein wenig verbessert.

Nie werde ich vergessen, wie die Madame und Paula nebeneinander am einen Ende unseres 10 Meter langen Flures standen und ebenso fassungslos wie mitleidig den kleinen roten Kerl am anderen Ende betrachteten, der verzweifelt versuchte, sich mit seinem mageren Buckel größer zu machen und die Damen mit sehr kindlich klingenden Katergesängen zu beeindrucken. Wir nannten ihn fürs erste Caruso.

Einen Monat später begann der kleine Mann die Madame zu belästigen und die Zimmerpflanzen zu markieren, weshalb ich ihn zum Tierarzt schleppte, der ihn in Augenschein nahm und meinte:“Ein bißchen frühreif, der junge Mann, wir sollten nicht zu lange warten.“ Und so wurde Caruso zeitnah zum Kontertenor.

Es dauerte nicht lange, bis er auch seinen Namen wechselte. Die Katergesänge waren nun Geschichte, dafür neigte er dazu, überall kleine schmutzige Pfotenabdrücke zu hinterlassen. Und so bekam er den Namen Willy Schmutzfuß, kurz Schmutzi.

Schmutzi dachte Zeit seines Lebens, er sei ein Mensch. Er lebte nicht mit anderen Katzen zusammen, er besaß mit uns zusammen Katzen. Er war der liebste, sanfteste Kater, den man sich denken konnte, eine wahre Schönheit und die einzige meiner Katzen, die sich gerne fotografieren ließ. Er hatte echte Modelqualitäten, beherrschte fotogene Posen und seine grünen Augen flirteten mit der Kamera.

Er hatte Probleme mit den Zähnen und mußte einige beim Tierarzt lassen im Laufe der Zeit. 16 Jahre war er bei uns. Und zuletzt erkrankte er an einer ebenso schmerzhaften wie fortschreitenden Wirbelsäulendeformation und wir mußten ihn gehen lassen.

Aber bevor das passierte, haben wir viel mit ihm und unseren gemeinsamen Katzen erlebt. Damit geht es morgen weiter. Und dann kommen wir auch endlich zur Katzenfee.


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