vorsichtichboomenoch

Vorsicht, ich boome noch!

Irgendwie war die Erkenntnis, daß es aufwandmäßig wenig Unterschied macht, ob man nun drei oder vier Katzen hat, bei mir hängengeblieben.

Und als die nächste Kittensaison anstand und dringend Pflegestellen in Deutschland gesucht wurden, um die bulgarischen Pflegestellen frei zu machen für den Nachschub, beschloß ich, mich auch einmal als Pflegestelle zu versuchen.

Der Katzenvater war minder begeistert.

Aber mir begegnete beim online Blättern diese hübsche Namensvetterin:

Abgesehen davon, daß ich fand, die Hübsche sah aus, als hätte Picasso persönlich sie entworfen, saß sie unbegreiflicherweise schon seit vier Jahren ohne jede Anfrage auf der Pflegestelle, wo man wenig über ihre Vorgeschichte wußte, nur, daß sie wohl mal ein Zuhause hatte, in dem es auch Hunde gab.

Ich war verliebt.

Der Katzenvater sagte nicht deutlich genug nein.

Und so stand ich wieder irgendwann auf einem abendlichen Rasthofparkplatz im Nirgendwo, kam mir vor wie ein Drogendealer oder sonst ein zwielichtiger Ganove und war heilfroh, als noch ein, zwei andere Auto parkten, mit durchaus Vertrauen erweckenden Insassen darin und Transportkörben auf der Rückbank.

So reiste Eva an. Nicht nötig zu sagen, daß sie unterm Buffet verschwand. Allerdings erst, nachdem sie das Ankunftszimmer ausgiebig begutachtet hatte.

Eva war unbestechlich. Sie rührte die Leckerlis, die ich ihr unter den Schrank schob, nicht an. Sie duldete keine Berührung oder auch nur zu nahes Heranrücken. Und sie blieb eisern drei Tage in wechselnden Verstecken, so lange wir uns in der Wohnung bewegten.

Dann versteckte sie sich auf dem Balkon. Und dann kam sie heraus.

Mehr oder weniger.

Sie hatte schnell begriffen, ihr Ansprechpartner war ich. Der Katzenvater ignorierte sie weitgehend. Und die Katzen blieben mißtrauisch.

Am vierten Tag stiefelte sie das erste Mal zu mir auf den Schreibtisch und gab Köpfchen. Aber anfassen durfte ich sie nicht. Fehlverhalten dieser Art meinerseits wurde mit Krallen und leichten Bissen ihrerseits geahndet. Es war klar: Sie bestimmte den Grad und die Schnelligkeit der Annäherung. Und so hielt sie es auch mit den anderen Katzen. Sie zeigte sich wehrhaft. Und machte sich damit nicht sonderlich beliebt. Die Herren gingen ihr lieber gleich aus dem Weg. Julchen behauptete ihren Platz. So richtig friedlich begann es nicht.

Ich vermute, Evchen hatte die letzten Jahre auf einer Pflegestelle verbracht, auf der die Tiere zwar gut versorgt wurden, aber menschlicher Kontakt nicht sonderlich intensiv vorkam. Ihre Art zu kommunizieren, ihre Grenzen klar zu machen oder Zuneigung zu zeigen, war eindeutig kätzisch, nicht menschenvertrauter Art. Es dauerte ein halbes Jahr, bis sie mich einmal leise anmiaute. Diese Art der Kommunikation mußte sie erst von den anderen lernen.

Nach ein paar Tagen aber hatte sie beschlossen, daß ich ihr gehöre. Ihr allein. Sie reagierte eifersüchtig, wenn die anderen Katzen mich beanspruchten. Nachts schlief sie geradezu an mich geklammert mit im Bett. Ihre Zuneigung hatte etwas Ausgehungertes und Verzweifeltes. Und ich begann zu ahnen, daß es nicht einfach werden würde mit der kleinen Calico Cat. Aber da man diese ja auch Glückskatzen nennt, blieb ich zuversichtlich. Und spürte tief in meinem Innern gleichzeitig, daß ich als Pflegestelle vermutlich eine Versagerin sein würde.

Es gab eine Phase, in der Eva immer kurz, bevor es bei uns ans Schlafen ging, anfing, Cedric und Juri durch die Gegend zu jagen, in der Hoffnung, sie so aus dem Schlafzimmer vertreiben zu können. Ich „bestrafte“ das eine Weile konsequent damit, daß sie selber ausgesperrt wurde und die Jungs die Nacht über rein- und rausgelassen wurden, je nach Wunsch. Es war meinem ohnehin schon theaterbedingten Schlafdefizit nicht zuträglich, aber irgendwann hatte sie es soweit verstanden. Und je länger sie da war, desto mehr begriff sie auch, daß man keine anderen Katzen vertreiben und anzicken mußte, um zu seinem Recht zu kommen, weder auf dem Schoß, noch am Futternapf oder eben was den Schlummerplatz im Bett betraf. Irgendwann konnte sie auch entspannt an mich geschmiegt schlafen, während Cedric weiter unten in der Kniekehle kuschelte und Juri auf seinem Lieblingsplatz unterm Fenster schlummerte. Julchen zog es eh immer schon vor, im Arbeitszimmer zu nächtigen. Das Schlafzimmer ist ihr bis heute nicht ganz geheuer, warum auch immer.

Ich legte gemeinsame Spielrunden ein mit Angeln und Wollmäusen. Ich machte jedesmal deutlich, daß ich Streiten, Fauchen und gar Angreifen nicht duldete.

Ein Jahr dauerte es.

Die Katzenfee hatte inzwischen ohne große Zwischenfälle die vier gehütet. Der Katzenvater hatte zähneknirschend eingewilligt, daß das Pflegekind offiziell adoptiert wurde, weil er auch zugeben mußte, daß es eigentlich keinen Unterschied machte, ob drei oder vier Katzen durch die Wohnung schlichen.

Und weil Evchen dazu lernte. Jeden Tag ein bißchen mehr.

Inzwischen ist es so, daß sie sich gerne mit den anderen Katzen richtig anfreunden würde. Doch die erinnern sich noch an die Krallen der ersten Zeit und bleiben vorerst mißtrauisch. Hin und wieder aber wird schon gemeinsam gespielt oder am Fummelbrett gearbeitet. Und wenn irgendetwas passiert, ein Katzenkumpel irrtümlich aus-oder eingesperrt wird, irgendwas umfällt oder zu Bruch geht, dann kommen sie auch in trauter Gemeinsamkeit angetrabt. Sie teilen Futternäpfe und fliegende Sommerbeute wie Motten und Fliegen.

Und ich habe angefangen zu glauben, daß es diesmal kein Moritzfiasko 2.0 gibt. sondern daß das im Laufe der Jahre und der Erfahrungen doch zugenommene Katzenverständnis diesmal die Früchte trägt, die ich anpeile.

Vermutlich wird Evchen die letzte Katze sein, die ich adoptiert habe. Es ist ja euch eine Altersfrage. Also meines Alters. Wenn meine derzeitigen Katzen ein durchschnittliches Katzenalter erreichen, werde ich an die 80 sein.

Vorausgesetzt, ich wäre dann noch geistig fit und körperlich in der Lage, mich zu Futternäpfen und Katzenklos zu bücken, lassen sich Tierschutzorgas oder Tierheime vielleicht noch auf SeniorenWinWinVermittlungen ein: Betagte Katzen, die ihre Dosenöffner verloren haben, an betagte Katzenhalter weiterzureichen, die ihnen noch eine liebevolle Zeit bereiten können.

Aber das ist eine Zukunft, die gefühlt in weiterer Ferne liegt, als sie es tatsächlich tut. Und so konzentriere ich mich lieber auf das Gefühl als die Realitäten. Und auf die neue Rentnerfreiheit, die mir ja auch mehr Zeit für die Katzen einräumt.

Mein nächstes Ziel ist keine fünfte Katze, sondern eine Katzenfreundschaft zwischen meinen Mädels. Und daß unser herzkranker alter Herr, der inzwischen unglaubliche 17 Jahre auf dem roten Buckel hat, vielleicht trotz allem noch die 20 schafft.

Ich arbeite dran.


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