vorsichtichboomenoch

Vorsicht, ich boome noch!

Nun, wie das so ist mit alten Menschen, sie erinnern sich gerne und ausführlich. Das ist Teil ihres Weiterboomens. besonders, wenn sie noch im Neuerfindungsprozeß der Frischverrentung sind. 😉

Ich hab erzählt, wie die Katzen nach und nach in unser Leben traten.

Heute erzähle ich, wie der Katzenvater da hinein geriet.

Es war 1998. Langsam, ganz langsam zogen PCs und mit ihnen das frühe Internet in die Wohnungen ein. Kompakte Bildschirmmonster mit eckigen PCkästen darunter, unhandliche Modems, die im Falle der erfolgreichen Verbindung eingängige Tonsignale von sich gaben.

Meine Tochter und ich hatten noch keinen Computer. Und wenige Monate, bevor ein solcher dann doch bei uns Einzug hielt, hängte ich mich bei einer Diskussion im Theater weit aus dem Fenster und behauptete, Internetbekanntschaften seien nur etwas für Leute mit starken Sozialdefiziten.

Dann vererbte uns der Vater eines Nachhilfekindes meiner Tochter seinen alten PC. Und mein Bruder schenkte mir sein erstes Modem. Dazu gab es zu der Zeit in jeder Zeitschrift eine eingeklebte WerbeCD eines Internetanbieters und das unwiderstehliche Angebot, einen Monat kostenlos ins Internet einzusteigen.

Beim Discounter mit A ging ein Computer in den Verkauf. Und plötzlich saßen die jüngeren Kollegen im Theater morgens mit tiefen Rändern unter den Augen auf der Probe, weil sie die ganze Nacht „Myst“ gespielt hatten.

Das geschenkte Modem wollte nicht so recht. Also kaufte ich ein neues. Der Computer und ich konnten nicht viel gemeinsam, aber ins Internet zu gehen, schafften wir.

Es war die Zeit der Disketten. Der Computerprogramme, die man im Falle eines GAUs selber wieder aufspielen konnte. Der PCs, in denen man eigenhändig Speichererweiterungen einbaute und andere Basteleien vornahm, obwohl man davon so gut wie gar keine Ahnung hatte. Die Zeit des mickrigen Speicherplatzes, weswegen man manchmal Mails löschen mußte, um überhaupt weiterzumachen.

Das Internet konnte noch nicht viel. Es gab noch keine Suchprogramme. Und schon gar keine Partnerbörsen oder Onlinehandel. Aber es gab Chaträume.

Im Grunde waren sie wie virtuelle Kneipen. Man betrat sie und befand sich in bunter Gesellschaft, nur eben nicht aus dem eigenen Viertel, sondern aus der ganzen Republik.

Alle trugen sogenannte Nicknames, die man auch wechseln konnte, wenn man lieber wieder von vorne beginnen wollte mit den Bekanntschaften und den Plaudereien. Oder auch nur über den Nickname eine andere Botschaft in den Raum stellen.

Es gab Chaträume, in denen nur geplaudert und geflirtet wurde. Aber auch solche, in denen Quiz veranstaltet wurden oder über bestimmte Themen diskutiert.

Ich nahm die GratisCD zur Hand und tauchte ein in diese scheinbar unbegrenzte Welt. Ich lernte unzählige neue Leute kennen, aus Städten und Ländern, in denen ich noch nie gewesen war. Ich saß nachts um 11 am PC und unterhielt mich mit einer Frau in Australien, die gerade ihr Frühstücksei briet. Alles schien möglich.

Ich weiß nicht, wieviele Beziehungen damals zerbrachen. Nebenan schlief der langweilig gewordene Ehemann und die Frau saß am Computer und chattete die halbe Nacht mit irgendwelchen zumindest online attraktiven Kerlen. Das gleiche Szenario mit schlafender Ehefrau. Große Dramen spielten sich ab. Wortgewandte Sexsüchtige hatten die Zeit ihres Lebens. Unzählige Reisen wurden gemacht, um die Onlineliebe im realen Leben zu beglaubigen. Und unendlich viele endeten unglücklich.

Ich suchte keinen Partner. Und langweilte mich auch mit keinem. Ich war 40, seit fast 17 Jahren alleinerziehende Mutter und schon im wahren Leben oft genug mehr oder weniger unglücklich verliebt, als daß ich das nun auch noch online suchen mußte. Aber ich konnte gut schriftlich plaudern. Und da die Internetnutzung nach Ablauf der kostenlosen Frist enorm ins Geld ging, zusätzlich zu den ebenfalls gewaltigen Telefonkosten, nahm ich das Angebot an, einige Onlineforen als Admin zu betreuen. So kostete zumindest das Internet nichts.

So erledigte ich, wenn ich abends von Probe oder Vorstellung wieder zuhause war, meine Adminaufgaben und ging dann meistens noch kurz in den großen Chatraum und guckte, wer von meinen üblichen Gesprächspartnern vor Ort war.

Man wußte ja erstmal nie, wer hinter einem Chatnamen steckte, ob Mann oder Frau, alt oder jung, auf der Suche nach einem Flirt oder nur einer kleinen Plauderei.

Einer im Raum nannte sich „Sehnsucht nach Schnee“. Das reizte mich nicht zur Kontaktaufnahme. Ich bin kein Freund von Winter und Schnee. Daß derjenige das auch nicht war, sondern der Name dem Umstand geschuldet, daß er gerade mit jemand namens „Schnee“ in Flirtkontakt stand, erfuhr ich erst später. Nämlich nachdem er sich umbenannt hatte in „Wind in seinem Haar“, was ich so schön fand, daß ich ihn eines Abends anquatschte.

Dieses erste Gespräch dauerte vielleicht eine Viertelstunde. Wir tauschten die Links zu den hinterlegten Fotos und verabredeten uns für einen der nächsten Abende. „Wind in seinem Haar“ mußte ins Bett, er fing am nächsten Morgen früh an in seinem Job als Arbeitsanleiter in Stuttgart.

Ich weiß noch, meine Tochter war noch auf und quittierte meine Begeisterung angesichts der Fotos mit ausgestellter Fremdscham. Sie fand mich nur peinlich.

Ich dagegen fand den jungen Mann, der mich da von zwei Bildern anguckte, ausgesprochen sympathisch und attraktiv und hoffte nur, mein Bild hatte ihn jetzt nicht abgeschreckt.

Am nächsten Abend chatteten wir wieder. Er hatte auf einem Foto sehr sportlich ausgesehen und als er mich fragte, ob ich Sport mache, klaubte ich alle sportlichen Aktivitäten zusammen, die ich jemals in meinem Leben betrieben hatte. Dann stellte sich heraus, daß er auch nicht sportlich war. Aber gerne und viel las. Wir plauderten online. Wir erzählten immer ehrlicher von uns und unserem Leben. Und wir verliebten uns, was ich noch Tage zuvor für völlig unmöglich erklärt hatte.

Knapp zwei Wochen später reiste er an. Am 1. Mai. An diesem Tag feierten wir traditionell den Geburtstag meiner Tochter zwei Tage zuvor, weil es außer Heiligabend der einzige Tag im Jahr war, den ich zuverlässig frei hatte. 1998 fiel er auf einen Freitag. Und die geladene Familie mußte um 18h gehen, weil sich die Onlinebekanntschaft aus Stuttgart für 18.30h angemeldet hatte und verständlicherweise nicht gleich den ganzen Familientross mit kennenlernen wollte.

Der zukünftige Katzenvater wäre beinahe auf der Autobahm wieder umgedreht, traute sich dann aber doch und stand zur verabredeten Zeit tatsächlich vor der Tür. Meine Tochter feierte weiter Geburtstag in unserer Wohnung, diesmal mit ihren Freunden, und meine Onlineliebe und ich suchten mit dem nächsten Programmkino neutralen Boden auf. Von dem WoodyAllenFilm, der in Paris spielte und in dem fortwährend gesungen wurde, bekamen wir wenig mit. 😉 Am nächsten Tag frühstückten wir in der Altstadt und fuhren bei eher winterlichen Temperaturen mit dem Boot ins nahegelegene Kaiserswerth. Touristenprogramm. Als er sich sonntags aufmachte, wieder nach Stuttgart zurückzukehren, waren wir auch im richtigen Leben verliebt. Und ein Paar.

Anderthalb Jahre lang kam er fast jeden Freitag nach Düsseldorf und fuhr Sonntagsabends wieder zurück. Er legte sich eine Katze zu. Meine Tochter gab unserer Beziehung ihren Segen. Wenn ich selber mal länger frei hatte, besuchte ich ihn in Stuttgart. Und dann kündigte er seinen Job und zog zu uns nach Düsseldorf.

Hier eine neue Arbeit zu finden, stellte sich als sehr viel schwieriger heraus, als wir angenommen hatten. Finanziell gestaltete sich das Leben zwischenzeitlich kompliziert. Aber wir schafften es. Mit dem Zusammenleben, mit den Finanzen, mit dem Job. Und mit der Liebe.

2005 beschlossen wir zu heiraten. Ich, die sich das nie hatte vorstellen können, fand jetzt, daß es nur die logische Konsequenz sei. Im folgenden Herbst gab es sogar noch eine wunderbare kirchliche Trauung im Kloster mit einer epischen Feier auf der Klosterwiese in strahlendem Sonnenschein.

Und so kam der Katzenvater in unser Leben.

Und blieb dort.

Gottseidank.


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