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Vorsicht, ich boome noch!

Ich war also Studentin an der Uni Köln, wo ich die Kunstwissenschaften links liegen ließ und mich ganz auf die Scheine konzentrierte, die es in Germanistik und Theaterwissenschaften zur Zwischenprüfung brauchen würde.

Ich durfte ein weiteres Stück mit Ruth Drexel und Hans Brenner machen, doch diesmal war es kein Kroetz sondern ein KarlValentinAbend mit dem schönen Titel „Das Leben ist wie eine Lawine – einmal rauf und einmal runter“.

Und diesmal betreute ich nicht die Requisite, sondern ich durfte mit“spielen“, wie auch die Regieassistentin und die Souffleuse, einfach jeder irgendwie Beteiligte wurde in Kostüme gesteckt und eingebaut. Ein echtes Familienstück eben.

In einer Szene gab ich eine Frau, die mit ihrem Gatten im Publikum saß und der bei dem chaotischen Versuch, einen Scheinwerfer zu reparieren, eine Schraube in den Ausschnitt fiel, worauf sie nach den vergeblichen Bemühungen des Handwerkers, diese wieder herauszuholen, empört unter Protest den Saal verließ. Ich hatte in den vielen Vorstellungen diverse Ehemanndarsteller an meiner Seite, einmal sogar meinen Bruder. Und selbst der wunderbare Peter Simonischek mimte einmal mit viel Vergnügen meinen erbosten Gatten.

Und dann gab es noch die Szene, in der alle Beteiligten als familiäre Alpengesangstruppe einen Auftritt hinlegen, der natürlich komplett aus dem Ruder läuft. Ich gab, als mit Abstand Jüngste im Ensemble, die Oma…mit grauer Perücke, schauerlich auf alt geschminkt

und in dem einzigen Dirndl, das ich in meinem Leben je tragen sollte.

Meinen Gatten spielte Walter Spiske und unser Part bestand eigentlich nur darin, uns an den Händen zu halten und heftig mit denselben zu zittern, egal, was sonst noch so um uns herum passierte.

Walter war aber die zweite Besetzung der Rolle, denn auch die Proben für diesen urkomischen Abend wurden von einem tragischen Vorfall überschattet. Eigentlich sollte der Inspizient des Stücks den Opa geben, aber er erschien eines Morgens nicht zur Probe. Und wie ich gleich noch erzählen werde, hatten wir in den vergangenen Wochen schon gelernt, in solchen Fällen immer gleich das Schlimmste anzunehmen. Tatsächlich fand man ihn tot in seinem Bett. Bei aller Erschütterung und Trauer mußte die Theaterarbeit trotzdem weitergehen, das war auch in meiner kleinen Theaterfamilie nicht anders. Am nächsten Tag probte ich meinen Tremor mit Walter und das war’s.

Silvester 1978 sollte eine Doppelvorstellung stattfinden. Die erste am späten Nachmittag. Gegen Mittag fing es an zu schneien und ich machte mich vorsichtshalber früh zu Fuß auf den Weg, um rechtzeitig im Theater zu sein. Nicht alle hatten den Wetterernst der Stunde erkannt oder wohnten so fußläufig zum Theater wie ich. Als die erste Vorstellung begann, war der eigentlich ausverkaufte Zuschauerraum erst halb gefüllt und unser Tontechniker war auch noch nicht im Haus. Also machte der Inspizient zusammen mit der Regieassistentin die benötigten Geräusche auf der Seite ganz traditionell von Hand. Die restlichen Zuschauer trafen nach und nach im Verlauf der Vorstellung ein und gaben immer wieder Anlaß zu kleinen Improvisationen.

Überhaupt war in dieser Inszenierung jede Panne eigentlich ein Segen, weil sie einfach nur die Vorlage für einen neuen Gag bot. Und es war wirklich nicht immer einfach, den Nullgesichtsausdruck der Oma beizubehalten und nicht selber in Lachen auszubrechen.

Ich hab mich auf der Bühne eigentlich selten wohl gefühlt, wenn ich mitspielen mußte, aber dieser Abend war ein reines Vergnügen.

Das Stück wurde ein umjubelter Renner. Wir spielten 99 ausverkaufte Vorstellungen. Und daß es nicht auch noch eine Hundertste gab, war eine letzte Verbeugung vor dem großen Komiker Valentin, dem das gefallen hätte.

Mein absolutes Lieblingsstück zu dieser Zeit war aber eines im Großen Haus, an dem ich nicht beteiligt war, das ich aber bis heute als eine der schönsten Inszenierungen aus 50 Jahren in Erinnerung habe: „Kabale und Liebe“ in der Inszenierung von Roland Schäfer mit Peter Simonischek und Charlotte Schwab.

Die Aufführung trug wesentlich dazu bei, daß ich mich wieder einmal verliebte. Gegen Simonischek war einfach kein Kraut gewachsen, da half nicht einmal seine wunderschöne Frau.

Ich war immer schon eine große platonisch Liebende. Je unwahrscheinlicher, daß die großen Gefühle irgendwelche realen Konsequenzen nach sich ziehen würden, desto größer die Liebe. Und desto schöner die Gedichte. 😉 Ich war eben doch noch sehr jung mit meinen 20 Jahren.

Die Inszenierung war allerdings auch verknüpft mit der tragischen Phase, die das Düsseldorfer Schauspielhaus über ein paar Jahre aushalten mußte. Die umjubelte Darstellerin der Lady Milford erschien kurze Zeit nach der begeistert aufgenommenen Premiere nicht zur Vorstellung. Und wie sich herausstellte, hatte sie sich das Leben genommen.

Das war der erste von den schrecklichen Selbstmorden, die das Ensemble erschütterten.

Und er erschütterte auch mein Gefühl, daß das Theatervolk eigentlich eine große Familie sei.

Die Schauspielerin war tot. Die Rolle wurde in aller Eile umbesetzt. Schon die nächste angesetzte Vorstellung ging wieder „normal“ über die Bühne.

Ich war entsetzt. Und fand das herz-und pietätlos.

Doch der Vorhang mußte hochgehen. Und er tat es. Ohne Rücksicht auf Gefühle.

Die Inszenierung war äußerst erfolgreich, immer ausverkauft. Und sie ging im Sommer 1978 zusammen mit der „Kleinbürgerhochzeit“ auf Tournee nach Moskau und Tiflis.

Teil der Inszenierung war eine große Hofszene, für die zahlreiche Statisten gebraucht wurden. Und diese Statisten bewegten sich auch zusammen mit den Schauspielern vor der Vorstellung und in der Pause im höfischen Kostüm und entsprechend geschminkt zwischen dem Publikum im Foyer.

Nun konnten natürlich nicht alle Statisten einfach mal so im Sommer für knapp drei Wochen auf Gastspiel gehen. Und deshalb konnte man sich für einen überschaubaren Betrag als Ersatzstatist in die Inszenierung einkaufen und mitreisen.

Als Ersatzstatist hatte ich ja schon Erfahrung. Es gab kein Halten mehr.

Und so saß ich im Sommer 78 das erste Mal in einem Flugzeug und reiste mit gen Moskau.

Gastspiele sind manchmal wie kleine Familienausflüge, aber oft sind sie auch wie Klassenfahrten. Alle genießen die aufregenden Freiheiten von Zuhause, von Familie und Arbeitsalltag. Es wird ordentlich über die Stränge geschlagen. Es wird sich auch fremdverliebt, gerne in Personen vor Ort. In unserem Fall gehörte zum Beispiel der Dolmetscher Valery zu den umkämpften Objekten, und ich erinnere mich, wie ich Zwanzigjährige mit zwei Dramaturgiekolleginnen in den Dreißigern, die sich heftig um den attraktiven Russen stritten, im Aufzug stand und mich fragte, wie man in diesem doch schon recht fortgeschrittenen Alter noch so albern sein konnte.

Moskau war riesig und heiß. Es gab Vanilleeis, das auf den Straßen in handlichen Blöcken verkauft wurde, aber kaum Obst oder nichtalkoholische Getränke. Schauspielkollegen sprangen beim Empfang in der Villa des deutschen Botschafters zur Abkühlung angekleidet in den Pool. Wir besuchten das berühmte Bolschoitheater. Ich war alleine auf den gigantischen UBahnrolltreppen unterwegs. Und im Rahmen meiner Statistentätigkeit wurde ich nicht nur vor jeder Aufführung sehr schön geschminkt und dabei einmal sogar vom deutschen Fernsehen gefilmt, sondern durfte auch das erste und einzige Autogramm meines Theaterlebens geben. Die Zuschauer wußten ja vor der Vorstellung noch nicht, wer von den Kostümierten im Foyer bedeutend war und wer nicht.

Dann ging es weiter nach Georgien und wir landeten in jeder Hinsicht im Paradies. Auch dort war es heiß. Und mittags wurde im Hotel meistens das Wasser abgestellt für den Rest des Tages. Aber anders als in Moskau lernten wir hier jede Menge Theaterkollegen und andere Kulturschaffende kennen samt ihrer Familien und Freunde. Die Gastfreundschaft war überwältigend. Die Tische bogen sich unter Früchten und köstlichen Mahlzeiten, es wurde für uns alles aufgetischt, was Garten, Küche und Vorratsräume hergaben. Und der köstliche Wein! Ganz abgesehen vom allgegenwärtigen Wodka, aus Wassergläsern getrunken und bitte auf ex. Wir waren alle durchgehend betrunken. Ein wunderbarer georgischer Männerchor sang für uns in einem sonst leeren Theater mitten am Tag. Der Intendant trank mannhaft Wodka aus einem dargereichten Stiefel. Zusammen mit Reinhard Firchow, dem Wurmdarsteller der Vorstellung, hatte ich die lebensgefährlichste Taxifahrt meines Lebens hinunter ans Meer. Beim großen offiziellen Empfang hoch über der Stadt eröffnete der Kultusminister mit mir erklärter Nichttänzerin das Programm mit einem leichtfüßigen Walzer (da kann man sich jetzt vielleicht das tatsächliche Ausmaß der allgemeinen Alkoholisierung genauer vorstellen 😉 ). Irgendwann allerdings schlug dieses wunderbare Lotterleben dann doch auf Magen und Darm durch, im Hotel kam nachts der Notarzt vorbei und bei einer Aufführung der „Kleinbürgerhochzeit“, bei der eigentlich alle Darsteller fast durchgehend auf der Bühne zu sein hatten, kam es zu einem schauspielerlosen Moment, weil alle zur gleichen Zeit Richtung Toilette unterwegs waren.

Was meine damalige große Liebe betraf, gab es immerhin ein paar schwer romantische Momente und eine Knutscherei im Aufzug. Ich fand, das ließ sich gegenüber der Ehefrau, die ich ja auch sehr mochte und verehrte, noch gerade so vertreten.

Alles in allem war es eine großartige Zeit.

Ein paar Jahre später, zum Ende dieser Intendanz, in der es viele grandiose Auslandsgastspiele gab, an denen ich allerdings nicht mehr teilnahm, kam es noch einmal zu einem ganz besonderen Gastspiel, als wir 1985 als erstes deutsches Theater mit mehreren Aufführungen in die DDR reisten, unter anderem mit „Heinrich oder die Schmerzen der Phantasie“ mit dem sehr jungen Ulrich Matthes in der Titelrolle, das ich soufflierte und in dem ich außerdem meiner vertraglich festgeschriebenen „Spielverpflichtung“ nachkam, weshalb ich auch wieder dabei sein durfte.

Aber bis wir da angekommen sind, passieren ja noch eine ganze Menge anderer sehr entscheidender Dinge.


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