vorsichtichboomenoch

Vorsicht, ich boome noch!

Zu Beginn der Spielzeit 79/80 trat ich also zum ersten Mal als Souffleuse in Aktion. Zumindest durfte ich mich laut meines ersten richtigen Arbeitsvertrages so nennen.

Ich war eine schreckliche Souffleuse.

Ich hatte keine Ahnung, wie man diesen Beruf wirklich hilfreich ausübt. Aber ich war jung. Ich war nett. Und ich war nicht dumm. Mein Stückensemble war nachsichtig mit meiner Unprofessionalität und hatte mich trotzdem lieb. Der Regisseur wollte mich sogar heiraten. Jedenfalls behauptete er das.

Von der Inszenierung selber habe ich nicht mehr so richtig viel in Erinnerung. Aber ich weiß noch, daß wir nur sehr wenig Probenzeit hatten und noch weniger Bühnenproben. Und so entschied die Produktion, die vorletzte Probenwoche gemeinsam auf der Insel Juist zu verbringen. Dort sollte natürlich eigentlich gearbeitet werden. Aber außer, daß wir ein paar Mal den Text durchgegangen sind, fand Arbeit eher nicht statt. Wir machten Radausflüge über die autofreie Insel. Ich überwand an einem ungemütlichen Tag nach einer Strandwanderung meine Abneigung gegen warmen Milchreis mit Zimt. Wir taten knisternden Kandis in unseren Tee und behaupteten, so eine gruppendynamische Übung wie eine Woche gemeinsamer Nordseeurlaub sei auch ein konstruktiver Probenbeitrag. Jedenfalls starteten wir sehr erholt in die Endprobenwoche. Und soweit ich mich erinnere, bin ich weder in der Premiere, noch in einer Vorstellung je zum Flüstereinsatz gekommen.

Überhaupt waren die zwischenmenschlichen Verwirrungen zu dieser Zeit viel aufregender als das Bühnengeschehen. Liebes-und Eifersuchtsdramen ohne Ende. Ich eigentlich, wenn überhaupt, nur als Nebenfigur betroffen, aber immer mitten drin. Es war aufregend.

Man fragte mich, ob ich die Regieassistenz beim Weihnachtsmärchen übernehmen wollte, „Rotkäppchen“, eine gemeinsame Produktion von Schauspielhaus und angeschlossenem Kindertheater. Das Konzept war im Gegensatz zu den üblichen Produktionen des Kindertheaters sehr modern und politisch. Das kam schon im Vorfeld nur minder gut an. Noch dazu hatten einige Schauspieler des Erwachsenentheaters überhaupt keine Lust auf Weihnachtsmärchen. Und anders als heute gab es nicht auch noch Assistenten für Bühne und Kostüm, sowie Hospitanten zum Kaffeekochen und für die niederen Dienste. Das stand alles ganz allein auf meiner Agenda.

Ich war schon keine gute Souffleuse gewesen, aber immerhin eine Bereicherung bei der Probenarbeit. Von heute aus betrachtet würde ich sagen, als Regieassistentin war ich zwar ziemlich gut organisiert, aber trotzdem heillos überfordert, zumal einige Darsteller und die Leitung des Kindertheaters nicht sonderlich kooperativ auftraten. Mein Regisseur war noch dazu mehr mit seinen Beziehungsquerelen in München befaßt, als mit der Probenarbeit vor Ort und ich verbrachte halbe Nächte damit, ihm seine halbernsten Selbstmordpläne auszureden.

Vom privaten Dramapotential her eine tolle Arbeit, vom Ergebnis her schon im Ansatz gescheitert.

Die Produktion wurde abgebrochen und mit einem anderen Team und einem anderen Konzept fortgesetzt. Ich hatte aus lauter Solidarität mit dem Regisseur eine ziemlich große Klappe, die auch nicht gut ankam. Das Weihnachtsmärchen wurde ein konventionelles Märchengedöns, das ich mir selbstredend nicht ansah. Und meine Assistentenkarriere in Düsseldorf brach ab, ehe sie richtig begonnen hatte.

Ich arbeitete aber weiter neben dem Studium in der Requisite. Und das RotkäppchenDesaster brachte meine Karriereplanung auch nicht großartig ins Wanken.

Ich meldete mich für die Zwischenprüfung an.

Und bewarb mich an diversen Theatern um eine Assistentenstelle.

Im Frühsommer 1980 bestand ich die Prüfung.

Es gab einen aussichtsreichen Kontakt zum Bremer Schauspiel.

Dann fuhr ich für vier Wochen nach Griechenland in Urlaub.

Und diese Ferien sollten sich zu einer klassischen 80erJahreStory entwickeln, die mein Leben und meinen Werdegang sehr, sehr grundsätzlich veränderte.


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