vorsichtichboomenoch

Vorsicht, ich boome noch!

Der lebensentscheidende Griechenlandurlaub muß noch ein bißchen warten.

Denn beinahe hätte ich eine ganz wichtige Produktion unterschlagen.

Das Theater trug mir nämlich das Assistentenfiasko und meine großmäulige Präpotenz nicht nach und fragte Anfang 1980 wieder an, ob ich als Souffleuse einspringen könne.

Es ging um „Verbannte“ von James Joyce. Der Regisseur war Hans-Dieter Jendreyko und zur Besetzung zählte der damals fest in Düsseldorf engagierte Jürgen Prochnow.

Ich sagte zu.

Es war eine weitere Produktion, die von einem Selbstmord überschattet wurde.

Damit hatte eine Mehrheit der Mitwirkenden von „Krankheit der Jugend“, 1976 in der Regie von Peter Löscher in Düsseldorf aufgeführt, im Verlauf der letzten Jahre Suizid begangen. Es war unheimlich, wie das düstere Stück offenbar nachhaltig etwas im echten Leben der Darstellenden ausgelöst hatte, was sie anders nicht wieder los wurden.

Eigentlich sollte ich nur die zwei Wochen einspringen, in denen eine festangestellte Souffleuse noch ein anderes Stück zur Premiere bringen mußte, aber nach den zwei Wochen bestand das Stückensemble darauf, mich zu behalten. Ich war zwar noch immer keine gute Souffleuse, aber ich war doch noch immer jung und nett. Und ein kleines Bißchen dazugelernt hatte ich vielleicht auch.

Ich erinnere mich sehr gut an die Proben, an die Vorstellung weniger.

Zur Abwechslung verliebte ich mich mal wieder, nicht in Prochnows blaue Augen, sondern in den Regisseur. Dessen minderjähriger Sohn verliebte sich in mich. Alles wie meistens rein platonisch. Der Tochter des Regisseurs wurde mein Fahrrad gestohlen. Objektiv betrachtet wieder eher eine Familien-, als eine Liebesgeschichte.

Ich erinnere mich an Proben, die erst um 22h begannen und bis in die frühen Morgenstunden dauerten. Und auf denen irgendwann alle so übermüdet waren, daß ernsthafte Bemühungen in endlosen Lachflashs endeten. Und an solche, auf denen die Darsteller ihre Rollen als Tiere darstellten. Es waren halt die 80er.

Die Proben wurden von einem Produktionsdramaturgen begleitet, der oft mit dem Regisseur zusammenarbeitete, tatsächlich auf allen Proben anwesend war und immer beratend tätig wurde, wenn es nicht nur darum ging, wie gesprochen wurde, sondern auch was. Der Produktionsdramaturg war schon damals eine aussterbende Art. Der Trend bei Dramaturgen ging zunehmend zum Theaterpolitiker, das endgültige Berufsziel war immer öfter die eigene Intendanz. Mir aber wurde zum ersten Mal klar, daß ich vielleicht eher ein guter Produktionsdramaturg, als ein großer Regisseur werden könnte, ging ich an die Sache doch immer eher vom Sprachlichen als vom Spielerischen heran. Aber zur Theaterpolitik fehlte mir leider jede Lust und jedes Talent. Also schob ich den Gedanken erstmal beiseite.

Prochnow erzählte uns von seinem nächsten Filmprojekt, das im zweiten Weltkrieg und vornehmlich in einem U-Bott spielen sollte. Daß so seine Weltkarriere beginnen würde, ahnten wir da alle noch nicht.

Zum Programmheft steuerte ich Probenzeichnungen bei.

Es war eine schöne Zeit.

Und der Regisseur und ich verblieben so, daß ich, wenn dann noch in Düsseldorf, auch bei seinem nächsten Stück in der kommenden Spielzeit mitwirken sollte.

Wenn dann nicht der griechische Sommer dazwischengekommen wäre…


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