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Vorsicht, ich boome noch!

Die Probebühne in Oberbilk.

Sie begleitete uns Jahrzehnte lang und eigentlich war sie ein ganz eigener kleiner Kosmos.

Ein flaches Gebäude auf einem heruntergekommenen Fabrikgelände, wo einmal eher kleine Firmen ihren Sitz gehabt hatten, direkt an den Gleisen der S-Bahn, die auch mit schöner Regelmäßigkeit vorbeirauschte.

Kaum ein Regisseur, der nicht irgendwann in der Probenzeit erwog, das Rattern der Züge in die endgültige Stückgeräuschkulisse einzubauen.

Es gab zwei Probebühnen, eine kleine Treppe führte hoch zu einem Aufenthaltsraum und dem kleinen Büro, in dem Horst thronte, der einzige Bühnenarbeiter vor Ort und König von Oberbilk, der durch die Fenster seines Regierungssitzes jeden sehen konnte, der das Gebäude betrat oder verließ, jeden auf die Probenbühne gehen und von dort kommen sah.

Es war eher staubig bis dreckig, immer wieder waren Mäuse und Ratten ein Problem, im Winter wurde es zu kalt, im Sommer zu warm, aber hier wurde gearbeitet, bis es dann irgendwann, ein, zwei Wochen vor der Premiere, auf die Bühne ging.

Vorne fuhren die Straßenbahnen, hinten die Züge. Ein paar Schritte weiter gab es einen Kisok, wo man Zigaretten, Kaffee und überdurchschnittlich leckere KäseSandwichToasts erstehen konnte.

In diese Probenräume wollte ich also an meinem ersten Arbeitstag als Souffleuse mit Festvertrag, verlief mich aber erstmal und kam tatsächlich zu spät, was mir normalerweise nie passierte.

Stefan Wiggers, Regisseur und Hauptdarsteller des TucholskyAbends, bekannt auch aus Film und Fernsehen, war kein, sagen wir mal, ganz einfacher Mensch. Schon gar nicht gegenüber einer ebenso jungen wie unerfahrenen Souffleuse. In diesen ersten Wochen lernte ich, was man alles falsch machen konnte…zu früh, zu spät, zu laut, zu leise, zu sensibel, zu grob….und daß man ein bißchen was wegstecken mußte, ohne es allzu persönlich zu nehmen. Manchmal war es gar nicht der eigenen Unzulänglichkeit geschuldet, sondern irgendeinem anderen Probenfrust oder Kollegenunmut. Aber ich biß mich durch.

Bei einer Bühnenprobe rief ein Schauspielkollege, der zum Zuschauen gekommen war, von hinten aus den Zuschauerreihen „Mensch, Stefan, lern den Text, dann mußt Du auch nicht die Souffleuse quälen!“ Ich hätte ihn knutschen können.

Die Probenzeit war kurz, nur vier Wochen, die Vorstellungen fanden ohne Souffleuse statt. Und ich bekam nach dieser kleinen Aufwärmübung eine richtige Aufgabe vorgesetzt:

„Don Karlos“.

Regisseur war als Gast der damalige Schauspieldirektor des Dresdners Staatsschauspiels, Horst Schönemann. Den Carlos spielte meine aktuelle heimliche Liebe. Als Elisabeth war die junge, ebenfalls schon fernsehbekannte Susanne von Borsody engagiert.

Es war meine Feuerprobe.

Wenn ich diese Produktion hinter mich brachte, ohne daß alle den Eindruck gewännen, ich sei eine Fehlbesetzung, dann konnte es was werden in diesem Beruf.

Ich war immer noch keine gute Souffleuse, vieles wußte ich einfach nicht, weil es mir auch keiner sagte, ich mußte selber herausfinden, wer was von mir erwartete. Und das war von Schauspieler zu Schauspieler verschieden….die einen hatten am liebsten, ich schlug jeden Satz an, andere wollten auf keinen Fall gestört werden, es sei denn, sie fragten nach, manche brauchten nur ein Wort, andere die halbe Passage….und nicht immer unterschied ich richtig zwischen Kunstpause und Hänger, nicht immer war der Text so schnell eingesagt, wie der Schauspieler es am liebsten gehabt hätte.

Schillertext ist noch dazu eine echte Herausforderung. Für den Schauspieler und damit auch für die Souffleuse.

Aber ich wurde besser.

Und ich hatte auch schon begriffen, daß die auf allen Proben durchgehend anwesende Souffleuse eben auch eine gruppendynamische Aufgabe hatte. Und eine psychologische. Sie mußte loyal sein, mit Regie und Schauspielern. Sie mußte sich und ihre Befindlichkeiten zurücknehmen können. Sie mußte ausstrahlen, daß sie in jeder Sekunde zur Hilfe bereit war und daß man ihr hunderprozentig vertrauen konnte. Wenn einem der Text abhanden kommen sollte, sie würde die Katastrophe oder auch nur die Peinlichkeit verhindern. Und wenn alle im Zuschauerraum einen haßten, sie würde einen lieben. Und verstehen.

Ich merkte auch, daß ich wirklich gerne im Team zuarbeitete. Konkurrenz war schon auf der Schule nichts gewesen, was mich antrieb. Ein Team von Leuten, die das, was sie taten, beherrschten und gut machten, da fühlte ich mich wohl und brachte mich gerne ein. Daß ich dabei auch öfter mal bei dramaturgischen Fragen mitredete, nahm man mir erstaunlicherweise nicht übel.

Insofern hatte ich während der durchaus herausfordernden Produktion zunehmend das Gefühl, daß die Entscheidung zum Souffleusendasein vielleicht doch keine ganz schlechte gewesen war.

Und daß auch diese Mitarbeit am Don Karlos mir ein halbes Jahr später noch eine in jeder Hinsicht besondere Gastspielreise einbringen würde, wußte ich da ja noch gar nicht.


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