Was ich auch direkt in meinem ersten halben Jahr als fest angestellte Souffleuse lernte, war, daß es sich um einen sehr zeitintensiven Beruf handelt. Damals probierten wir an sechs Tagen in der Woche, an fünf davon vormittags und abends. Und wenn am Sonntag auch noch eine Vorstellung anstand, hatte sich der freie Tag.
Samstags Premiere und montags Konzeptionsprobe fürs nächste Stück war auch keine Seltenheit.
Der frühe Morgen und der Nachmittag waren fürs Töchterlein reserviert, freie Sonn-und Feiertage auch. So wurden dann die Nachtstunden zwischen 23h und 2h früh zu denen, die ich für mich selber hatte. Ein dauerhaftes Schlafdefizit wat also unausweichlich.
„Don Karlos“ jedenfalls feierte erfolgreich Premiere und wurde viel gespielt. Auch zu kleineren Gastspielen lud man uns ein, unter anderem nach Friedrichshafen am Bodensee. Ich erinnere mich vor allem daran, daß neben dem Hotel ein kleiner Nachtclub war, der draußen mit einem Plakat für Dickie Dickson warb, die, dem Foto nach zu urteilen, durchaus zu Recht so hieß. Susanne von Borsody und ich beschlossen, einmal in unserem Leben einen Nachtclub zu besuchen, schnappten uns, ich weiß nicht mehr welchen Mann aus dem Ensemble, uns zu begleiten, und wagten nach der Vorstellung das Abenteuer. Ich glaube, es war der deprimierendste Besuch irgendeines Etablissements, den wir beide je in unserem Leben machen sollten. Wir kamen in einen kleinen halbdunklen Raum, in dem absolut niemand saß. Wir klemmten uns hinter einen kleinen Tisch und orderten das teuerste Wasser unseres Lebens, unser Begleiter gönnte sich wenigstens ein Bier. Und weil ja nun Kundschaft im Laden war, mußte auch Dickie Dickson ran. Auf einer sehr kleinen Bühne stand ein Stuhl, auf dem sich Dickie Dickson dann vielleicht eine Viertelstunde räkelte und streckte und dabei ihre durchaus beeindruckenden Pfunde zeigte. Und wir wußten gar nicht, wohin mit uns, vor lauter Unbehagen und Mitleid und Fremdscham. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir unsere kostspieligen Wasser nicht einmal ausgetrunken, sondern uns so schnell wie möglich wieder verdrückt. Damit hatte sich für mich, und ich vermute auch für Susanne, das Thema Nachtclub fürs Leben erledigt.
Nach „Don Karlos“ wartete das nächste große Stück auf mich: Die Uraufführung von Tankred Dorst’s „Heinrich oder die Schmerzen der Phantasie“ in der Regie von Volker Hesse und mit dem sehr jungen Ulrich Matthes in der Titelrolle. Es war ein großes Ensemble, ein großer Text und weil ich ja Spielverpflichtung im Vertrag hatte, mußte ich auch noch in der Statisterie mitmischen. Der Kostümbildner verpaßte mir eine Aufsteckfrisur und ein enges Kleid, das mir einen JenniferLopezHintern verlieh, den aber damals ja noch keiner kannte und den ich wohl auch deshalb nicht wirklich zu schätzen wußte. Aber ich mimte brav die ausladende Gesellschaftsdame beim Bombenangriff.
Gegen Ende der Proben sagte Ulrich einmal zu mir, ich sei die beste Souffleuse, die er kenne. Ich wußte, das war dem Umstand geschuldet, daß er noch nicht so viele Kolleginnen erlebt hatte. Er benötigte auch selten meine Unterstützung, schon bei den Proben nicht, noch weniger bei den Vorstellungen. Trotzdem habe ich mich über dieses Lob damals unheimlich gefreut. Vielleicht konnte ja doch noch was aus mir werden.
Die Premiere fand zum Ende der Spielzeit statt. Ich mußte mich sechs Wochen arbeitslos melden, was mein einziger Besuch im Arbeitsamt bleiben sollte. Und ich unterschrieb einen Zweijahresvertrag.
In der nächsten Spielzeit wurde ein Gastspiel geplant, daß in jeder Hinsicht außergewöhnlich sein würde.
Wir würden im Februar 1986 als erstes bundesdeutsches Theater während der laufenden Spielzeit mit mehreren Stücken und dem halben Ensemble im Gepäck für zwei Wochen zu einem Austauschgastspiel mit dem Staatsschauspiel Dresden in die DDR reisen, zunächst nach Dresden, dann nach Leipzig.
Und weil ich mit dem Dresdner Gastgeber Horst Schönemann im Karlos gearbeitet hatte UND weil ich im Heinrich ja nicht nur soufflierte, sondern auch mitspielte, durfte ich als Souffleuse mit auf Tour gehen.
Es wurde ein in jeder Hinsicht unvergeßliches Gastspiel. In Dresden wurden wir so begeistert und liebevoll empfangen, wie wir es im Traum nicht erwartet hatten. Jeder einzelne im dortigen Ensemble hatte für sein bundesdeutsches Pendant ein Willkommenspaket vorbereitet, das wir bei der Ankunft im Theater vorfanden. Die Kollegen hatten sich ein Programm für uns überlegt und fuhren mit uns zusammen durch Dresden und das Umland, um uns alles Sehenswerte zu zeigen. Es herrschten -20°, überall Schnee und Eis, aber eine Woche lang strahlender Sonnenschein. Schon am ersten Abend tranken wir mit den Kollegen im Rathauskeller das Radeberger Pils alle.
Die Vorstellungen wurden frenetisch gefeiert. Wir registrierten überrascht, daß das DDRPublikum auf ganz andere Dinge reagierte, an anderen Stellen lachte, vieles ganz anders aufnahm als unser Publikum zuhause.
Wir durften an spielfreien Abenden hauseigene Inszenierungen anschauen und waren begeistert von Spielweise und Publikumsreaktion.
Und nach kürzester Zeit war nahezu jeder im Ensemble mit einem Kollegen vor Ort verbandelt. Nachts im Hotel ging es zu wie auf einer Klassenfahrt, heimliches Huschen durch die Gänge, Anrufe, bei denen es verdächtig im Hörer knackte, nächtliches Ausbleiben. Ich glaube, die Stasi kam zuletzt gar nicht mehr hinterher.
Aber viel zu bald mußten wir, nach einem wundervollen Abschiedsabend, an dem uns besonders das Zwingertrio, gebildet von zwei Schauspielern des Dresdner Theaters und dem Radebeuler Winnetoudarsteller (in den ich mich, man ahnt es schon, bereits am ersten Abend verliebt hatte), noch einmal hellauf begeisterte, weiterziehen nach Leipzig.
Der Intendant sammelte die Reisepässe ein, damit niemand heimlich von Leipzig nach Dresden ausbüchsen konnte.
Und wir alle hätten es gerne getan.
Denn in Leipzig war es nicht nur kalt und wintergrau, sondern wir wurden auch eisig empfangen. Den Kollegen war untersagt worden, mit uns in Kontakt zu treten. In der Kantine trafen wir nur Stasikollegen an. Es war trostlos, vor allem nach den herzlichen und in jeder Hinsicht liebevollen Begegnungen in Dresden.
Aus Leipzig traten wir gerne die Rückfahrt nach Düsseldorf an.
Doch wir freuten uns schon auf den Gegenbesuch der Dresdner, der Anfang Mai folgen sollte. Mindestens ebenso sehr, wie die DDRFührung dieses Gastspiel fürchtete, bestand doch durchaus Grund zur Sorge, daß der eine oder andere die Gelegenheit zur Republikflucht nutzen könnte.
Davon dann morgen mehr.