Auch wenn die Spielzeit 85/86 von dem historischen Austauschgastspiel dominiert wurde, war es trotzdem auch eine ganz normale Spielzeit. Das heißt, normal war sie nur, was die Zahl der Neuproduktionen anging, in Wirklichkeit aber war sie meine erste Abschiedspielzeit. Der Intendant Günther Beelitz verließ nach zehn Jahren hoch erfolgreicher Leitung des Hauses Düsseldorf und ging nach München. Man hatte ihm eine Intendanz auf Lebenszeit angeboten, doch ihn zog es ans Residenztheater. Er nahm eine außerordentliche Bilanz, aber auch einige Schauspieler mit. Und wie es bei Intendantenwechseln so üblich war, wurde ein Großteil des übrigen noch kündbaren Ensembles nicht verlängert. Es hieß also Abschied nehmen von vielen liebgewonnenen Kollegen.
Zum Beispiel von meinem Karlos. Den ich irgendwann meiner kleinen Tochter in der Kantine vorgestellt hatte: „Schau, das ist der Beat.“ Mein Tochter sah ihn schweigend an, wandte sich dann zu mir und meinte:“Den will ich erst kennen, wenn ICH groß bin.“ Als sie dann groß war, lebte Beat längst wieder in der Schweiz, hatte zwischenzeitlich ein Medizinstudium abgeschlossen, eine Familie gegründet und eine Arztpraxis eröffnet. Aus dem Kennenlernen wurde also nichts.
Noch bevor es auf große Fahrt in die DDR ging, hatte ich jedenfalls noch zwei Produktionen zu betreuen.
Mit der ersten schloß sich ein erster Kreis, denn ich machte mit dem Regisseur, der mein allererstes Stück inszeniert hatte, Rolf Stahl, auch sein vorletztes am Düsseldorfer Schauspielhaus und es war eine Produktion, die ich sehr geliebt habe. Er inszenierte die deutsche Erstaufführung eines erfolgreichen Brodwaystücks von Harvey Fierstein, das im Original „Torch Song Trilogie“ hieß und bei uns „Einesteils und andererseits und außerdem“. Es erzählt von Arnold Beckoff, einem jüdischen Homosexuellen in New York, der dort als Drag Queen arbeitet, und seinen turbulenten Beziehungen. Eine Geschichte, die angesichts der inzwischen auch bei uns ankommenen Aidsepidemie an tragischer Bedeutung gewann, auch wenn wir da noch gar nicht ahnten, wieviele junge Kollegen wir in den folgenden Jahren an die Krankheit verlieren würden.
Es war ein wundervoller Abend mit herrlichen Liedern. Wolf-Dietrich Berg spielte die tollste Dragqueen, die man sich denken konnte mit den schönsten Beinen, die Highheels jemals gezaubert haben. Und ich habe jede einzelne Vorstellung genossen. Auch wenn ich zum ersten Mal erleben mußte, wie ein junger Kollege nicht nur einen Hänger hatte, sondern vor lauter Schreck und Adrenalin gleich einen kompletten Blackout. Man hätte ihn nach seinem Namen fragen können, er hätte ihn nicht gewußt. Aber auch das brachten wir relativ glatt über die Bühne.
Meine zweite Produktion Beginn 1986 war ebenfalls die Adaption eines englischsprachigen Erfolgsstücks, „Bitterer Honig“, mit dem ein langjähriger Regieassistent des Hauses, Fritz Groß, seine erste Regiearbeit ablieferte. Er realisierte also das, was ich ursprünglich einmal für mich im Sinn gehabt hatte, aber ich neidete es ihm nicht. Inzwischen kam es häufiger vor, daß ich aus Dankbarkeit ein Kerzlein anzündete, weil mich das Leben rechtzeitig von diesem Plan abgebracht hatte. Allzu oft, schien mir, bestand das Regieführen doch weniger aus fröhlichem miteinander Erfinden, Entdecken und Ausprobieren, als aus heftigen, mehr oder weniger verdeckten Kämpfen um die Deutungshoheit und komplexe Geschmacksfragen. Das strengte mich schon beim Zuschauen so maßlos an, daß ich zunehmend dankbar war für meine mitarbeitende, aber eben nicht leitende Funktion.
Anfang Mai jedenfalls stand dann endlich der Gegenbesuch der Dresdner an. Doch er wäre beinahe noch ins Wasser gefallen, denn zur gleichen Zeit ging in der Sowjetunion ein Atomreaktor in die Luft und so hätte die UDSSR dem deutschdeutschen Kulturaustausch fast noch einen Riegel vorgeschoben.