vorsichtichboomenoch

Vorsicht, ich boome noch!

Es war mein erster Intendantenwechsel und dem sollten ja noch einige folgen. Aber im Grunde ist der Vorgang immer mehr oder weniger derselbe und er ist nicht wirklich schön.

Der alte Intendant geht und nimmt sein Leitungsteam mit, seine Dramaturgen und Regisseure, auch den einen oder anderen Schauspieler. Und der Neue behält in der Regel zwar das Fußvolk wie uns Souffleusen und Inspizienten und die Kollegen aus den Gewerken, aber ansonsten hat er ein komplett anderes Theater im Gepäck.

Man selber sitzt in „seinem“ Haus und sieht die einen davon gehen und die anderen einziehen und es fühlt sich ein bißchen so an, als würden Fremde sich im Wohnzimmer breit machen und behaupten, das gehöre jetzt ihnen.

Ein, zwei Spielzeiten braucht es immer, bis die Gebliebenen und die Gekommenen sich aneinander gewöhnt haben, vertrauensvoll und vorurteilsfrei miteinander arbeiten können. Und ungefähr genauso lange braucht es, bis das Publikum sich gewöhnt hat.

Vor allem wenn die vorausgegangene Intendanz eine erfolgreiche war und nicht nur das Feuilleton, sondern auch das heimische Publikum von sich überzeugt und in seine Arbeit verliebt gemacht hat, sieht das Publikum den Intendanten und vor allem das Ensemble mit Wehmut, ja mit echtem Trennungsschmerz und Liebeskummer scheiden. Und ist demzufolge dem Neuen und seiner Mannschaft gegenüber zunächst skeptisch, wenn nicht gar feindselig eingestellt. Will man doch erstmal sehen, ob der das auch so gut kann, ob die Schauspieler auch so grandios aufspielen, ob überhaupt jemand dabei ist, den man ins Herz schließen möchte.

Volker Canarais hatte es also nicht leicht. Und daß einer seiner zwei Hausregisseure gleich die Eröffnungspremiere in den Sand setzte, half auch eher nicht. Während die „Roten Nasen“ Publikum und Kritik also eher verärgerten und gleichzeitig der andere Hausregisseur eine „Nora“ ins Kleine Haus inszenierte, die mit über 100 ausverkauften Vorstellungen ausgesprochen erfolgreich werden sollte, hatte ich es mit einem distopischen Stück des zeitgenössischen Dramatikers Harald Müller zu tun, das in einem atomar verseuchten Deutschland spielte. Ein Thema, das nach der TschernobylKatastrophe natürlich mächtig Fahrt aufgenommen hatte. Die Regie machte ein sonst eher beim Fernsehen beschäftigter Kollege, die Hauptrolle spielte der sehr junge und schauspielerisch sehr unerfahrene Ingolf Lück, der aber seine Defizite mit jugendlicher Chuzpe ganz gut wettzumachen verstand. Ich erinnere mich nicht an viel vom Stück, aber an eine angenehme Probenzeit schon. Der neue Intendant war mir auch ganz sympatisch, soweit ich ihn schon mitbekommen hatte. Und als Jérôme Savary im Großen Haus mit Ute Lemper in der Hauptrolle ein finanziell ruinöses, aber sensationell erfolgreiches CABARET hinzauberte, arbeitete ich ein erstes Mal mit dem zu Beginn so grandios gescheiterten Hausregisseur zusammen, sowie mit dem aus Film und Fernsehen bekannten Ernst Jacobi und zwar an Brechts GALILEO GALILEI. Es war eine schöne Arbeit, nicht nur weil ich mich in einen Schweizer Schauspielkollegen verliebte, was im Nachhinein auch nur eine semigute Geschichte werden sollte, aber mich natürlich zunächst mal vollumfänglich mit der neuen Intendanz versöhnte, und nicht nur, weil wir neben der Arbeit auch gruppendynamisch wertvolle Kochevents veranstalteten, ich mochte auch den Regisseur und seine Arbeitsweise und freute mich in der Folgezeit immer, wenn es uns wieder zusammendisponierte.

Unter jedem Intendanten und jeder Intendantin gab es immer ein, zwei, drei Regisseure, mit denen ich besonders häufig und besonders gerne gearbeitet habe. Bei Canaris sollten das Walter Adler, Werner Schroeter und Mouchtar-Samurai sein. Und Fred Berndt, der sich sogar in seinen Vertrag schreiben ließ, daß ich ihm als Souffleuse garantiert wurde, was aber weniger damit zu tun hatte, daß ich nun über Nacht zur Superflüsterin mutiert wäre, sondern mehr damit, daß er eine Kollegin damit unbedingt vermeiden wollte.

Manchmal können sich zwei Menschen einfach nicht im selben Raum bewegen, ohne daß tiefe Abneigung entsteht. Erst recht natürlich wenn man sechs oder acht Wochen oder noch länger jeden Tag viele Stunden miteinander auf relativ kleinen Probebühnen hockt. Manchmal reicht eine Stimme oder ein Lachen oder schon die Art, in der Stille zu atmen, und die Zusammenarbeit ist eine Qual, ohne daß einer der Beteiligten wirklich etwas dafür könnte. Und dann gibt es natürlich auch noch die Regisseure, die immer einen brauchen, den sie quälen können, um sich auf den Proben gut und entspannt zu fühlen. Auch da eignen sich als Opfer neben den Regieassistenten die Souffleusen besonders gut, weil sie immer zur Hand sind und man ihnen, wenn man nur will, nahezu alles, was sie tun, ankreiden kann: Daß sie soufflieren, daß sie nicht soufflieren, daß sie zu laut sind oder zu leise, zu schnell oder zu langsam, daß sie überhaupt leben und anwesend sind. Ich hatte das Gottseidank nur einmal und da schwebte ich privat gerade dermaßen auf Wolke Sieben und war außerdem schon mit soviel Berufserfahrung gesegnet, daß das Bashing völlig an mir abtropfte. Der Regisseur ließ darum auch alsbald von mir ab, besetzte eine Rolle im Stück kurzerhand um und ließ sie nun von seiner Frau spielen. Und quälte diese. Da das aber Bestandteil ihres Beziehungsentwurfs zu sein schien, hatten damit unterm Strich alle gewonnen. Nur der Produktion nutzte es wenig, die gelang trotzdem nicht sonderlich.

Aber ich greife vor.

Als dritte Produktion dieser ersten Spielzeit durfte ich noch bei Walter Adler die „Komödie im Dunkeln“ soufflieren, in der netterweise auch mein Schweizer mitspielte und die auf der hübschen Idee basiert, daß sie während eines Stromausfalls spielt und die Schauspieler also so mimen müssen, als wären sie im Dunkeln, während der Zuschauer natürlich alles im Hellen verfolgen kann. Der Plot war lustiger als die Umsetzung, aber das Publikum und wir hatten trotzdem unseren Spaß.

Zum Ende der Spielzeit folgte dann noch eine „Stella“ mit Wolf-Dietrich Sprenger, der immer von mir sagte, ich sei sein eigentlicher Dramaturg. Tatsächlich hatte ich mir im Laufe der Zeit immer selbstverständlicher angewöhnt, auch zu dramaturgischen oder sonstwie inhaltlichen Fragen meinen Senf dazuzugeben. Und solange ich im Auge behielt, ob die Situation gerade dazu geeignet war, das zu tun, oder ob es besser war, mit der eigenen Meinung hinter dem Berg zuhalten, ob es hilfreich sein könnte, sich an der Diskussion zu beteiligen, oder ob man sich besser mit der eigenen Idee in einem stillen Moment an den wirklichen Dramaturgen oder gleich an den Schauspieler wandte, wurde diese Art von Mitarbeit erstaunlich gut aufgenommen.

Die zweite Spielzeit stand ins Haus.

Sie sollte mir ganze fünf Stücke und ein halbes Jahr lang nicht einen freien Tag bescheren.

UND das in vieler Hinsicht ganz besondere Erlebnis Werner Schroeter.


Kommentar verfassen

Entdecke mehr von vorsichtichboomenoch

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen