Mit dem MEDEAGastspiel habe ich aber gestern ein ganzes Jahr vorgegriffen, noch war Jahreswechsel 88/89 und MEDEA hatte gerade erst Premiere.
Laut Planung waren für mich nun wirklich mal zwei Wochen keine Proben vorgesehen, aber wie das Theaterleben so spielt, wurde Fred Berndt für seine Inszenierung von „Warten auf Godot“ wieder jene Kollegin zudisponiert, deren Name allein bei ihm inzwischen schon Abwehr auslöste.
Das Stück sollte auf dem Vorplatz des Theaters stattfinden, damals ein riesiger, unwirtlicher und darum auch unbelebter Betonplatz, auf dem meist die Fallwinde der umliegenden Häuser tobten, vor allem die vom wirklich hohen Dreischeibenhaus gleich nebenan. Premiere sollte Mitte März sein. Um die ungemütliche Unbehaustheit der Godotschen Figuren spürbar zu machen, sicher eine schöne Idee. Um auf dem Vorplatz zu proben und zu spielen, bei winterlichen Temperaturen und zusätzlich gebeutelt von den besagten Winden, eine echte Herausforderung. Wladimir und Estragon wurden von Michael Altmann und Hans Werner Krähkamp gespielt, Altmann Mitglied des Ensembles, Krähkamp als Gast dazu geholt, waren die beiden doch schon lange ein eingespieltes Team. Meine Kollegin, vom Regisseur eh ungeliebt, kapitulierte schon nach wenigen Tagen sowohl vor dem herausfordernden Krähkamp als auch vor den Wetterbedingungen.
Und ich hatte gerade erst meine Premiere absolviert und bekam nun die Ansage, daß jetzt eben ich dieses Stück zu betreuen hätte.
Das war der berühmte Tropfen, der das Fass der Überforderung zum Überlaufen brachte. Noch am selben Abend schrieb ich einen geharnischten Brief an Intendant und Künstlerische Direktorin und beschwerte mich über die maß-und rücksichtslose Ausbeutung. Wenn das das Ende meines Souffleusendaseins sein würde, dann sollte es eben so sein. Ich war nach Wochen und Monaten ohne freie Tage , mit zahllosen Vorstellungen und Abstechern und anspruchsvollen Proben einfach durch.
Natürlich erschien ich dennoch am nächsten Tag zu den GODOTProben, sehr zur Freude des Regisseurs und der Darsteller, denn zumindest Krähkamp brauchte bei den Proben eine Souffleuse wirklich dringend. Ich glaube, er lernte den Text einfach immer erst beim Machen. Und da saß ich also, dick eingepackt, mit zusätzlichen Decken und Wärmekissen versehen und von Altmann immer wieder mit wollenen Stirnbändern und Mützen versorgt, auf der eigens aufgebauten hölzernen Vorplatztribüne und brüllte die Texte über den spätwinterlichen Platz.
Meine Briefe aber zeigten Wirkung und der Intendant bat zeitnah zum Gespräch. Darin zeigt er Verständnis, gelobte Besserung und bot mir eine nicht unerhebliche Gagenerhöhung an. Freie Zeit hatte ich damit zwar erstmal nicht gewonnen. Aber ich fühlte mich immerhin wahr- und ernstgenommen. Das hilft ja manchmal auch schon ein bißchen.
Beckett ist einer meiner absoluten Lieblingsdramatiker. GODOT und ENDSPIEL gehören zu meinen Lieblingsstücken. Und unterm Strich ist auch dieser besondere GODOT eine der schönen Erinnerungen, auch wenn ich immer noch kalte Füße bekomme, wenn ich daran denke.
Mit dem Duo Krähkamp/Altmann hatte es übrigens in der vorigen Spielzeit einen völlig absurden und mir bis heute unverständlichen Premierenskandal in Düsseldorf gegeben. Gespielt wurde im Großen Haus eine bereits in München und Berlin gefeierte Inszenierung der irischen Komödie „Das Ende vom Anfang“ von Tragelehn. Das Stück ist eine liebenswert chaotische Groteske, voll von clowneskem Slapstick und, wenn mit heiligem Ernst gespielt, unglaublich komisch. Ein gefundenes Fressen für die beiden Schauspieler, die grandios aufspielten. Doch das Düsseldorfer Theaterpublikum zeigte sich von seiner schlechtesten, humorlosesten Seite und begann nach kurzer Zeit zu murren und den Raum zu verlassen. Der Unmut gipfelte schließlich in dem Zuruf „Wir sind doch hier nicht bei Millowisch!“ Der höchste Ausdruck der Verachtung, der einem Düsseldorfer Schauspielhausabonnenten über die Lippen kommen konnte. Die beiden Schauspieler ließen sich nicht verdrießen, sondern spielten umso mehr auf, was die Düsseldorfer natürlich umso mehr verbitterte. Das Stück, in München und Berlin gefeiert und vor ausverkauften Häusern gespielt, geriet in der Düsseldorfer Premiere zum Fiasko. Ich habe nie begriffen, warum der Humor des Stücks und der clowneske Witz der wunderbaren Schauspieler das Publikum in Düsseldorf so überhaupt nicht erreicht hat.
Mit „Warten auf Godot“ war die Spielzeit für mich aber noch nicht zuende. Klaus Weise wartete noch einmal mit „Made in Bangkok“, einem britischen Wellmadeplay über westliche Touristen In Thailand. Es sollte sein letztes in Düsseldorf sein, denn er erkletterte die nächste Karrierestufe und wechselte nach Darmstadt.
Auch eins der Stücke, an die ich ungerechterweise wenig Erinnerung habe.
Das ist überhaupt verrückt. Manche Produktionen habe ich quai vergessen und erinnere mich erst wieder undeutlich an sie, wenn ich lese, daß sie in dem Jahr gegeben wurden. Von manchen Stücken weiß ich nur noch besondere Probenmomente oder Vorkommnisse während der Vorstellungen oder erinnere mich wenigstens an die einen oder anderen beteiligten Schauspieler. Aber es gibt auch Inszenierungen, die ich noch komplett nacherzählen und bei denen ich Zitate daraus sofort zuordnen könnte. Es sind nicht mal unbedingt meine liebsten und oft auch nicht die gelungensten, aber sie haben sich, und ich weiß nicht immer warum, einfach tiefer eingegraben in die Erinnerung.
Die verständnisvollen Versprechungen des Intendanten änderten übrigens wenig…..auch in der nächsten Spielzeit standen für mich 4 Produktionen an.
Und eine davon hatte das Zeug zum ganz großen Skandal.