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Vorsicht, ich boome noch!

Die Spielzeit 89/90 begann nicht nur für mich, sondern für alle mit einer Inszenierung von Walter Adler, „Unbeständigkeit auf beiden Seiten“ von Marivaux. Es geht um ein Experiment, daß zwei gelangweilte Hofmenschen mit zwei verliebten Dörflern veranstalten, die sie zuguterletzt tatsächlich auseinander bringen und in sich selbst verliebt machen. Ich erinnere mich vor allem an unschöne Kämpfe zwischen dem Regisseur und seinem damals sehr film-und fernsehbekannten Prinzendarsteller, bei denen ich manchmal einfach rausgehen mußte, um mich nicht, wenig hilfreich, aber eben emotionalisiert, auch noch einzubringen. Hinzu kam noch eine Schauspielerin mit heftigen psychischen Problemen und so war das mal wieder eine Arbeit, bei der ich jeden Tag aufs Neue dankbar war, daß ich NICHT die Regielaufbahn eingeschlagen hatte.

Zwischendurch sprang ich vorübergehend bei „Penthesilea“ ein, die Herbert König im kleinen Haus inszenierte. Herbert war 1983 aus der DDR, wo er Arbeitsverbot erhalten hatte, in den Westen gekommen und sofort von Beelitz an unser Haus geholt worden. Ich arbeitete jetzt das erste Mal mit ihm. Und auch bei diesem Stück gab es Probleme mit Schauspielern, die sich während der Proben unübersehbar als komplett überfordert erwiesen. Aber Herbert sagte immer, er habe die Besetzung gewollt, also käme jetzt auch eine Umbesetzung nicht in Frage, es sei an ihm, die Probleme zu handlen. Das fand ich eine sehr respektable Haltung, auch wenn sie für ihn und auch das Endergebnis nicht unbedingt optimal war.

Als nächstes bekam ich aber dann einen echten Spaß serviert, Achternbuschs „An der Donau“. Ein herrlicher Quatsch, den Stephan Barbarino auf die Bühne zauberte. Eins der Stücke, von denen ich eigentlich nur noch erinnere, daß wir auf den Proben eine Menge Spaß hatten mit dieser skurrilen bayrischen Dystopie.

Und dann stand wieder Schroeter ins Haus mit keinem geringeren Stück als Skakespeares „Lear“.

Die Titelrolle sollte Hermann Lause spielen, damals ein absoluter Star in Hamburg und auch in Film und Fernsehen bestens beschäftigt. Ich war mal wieder schon im Vorfeld tief beeindruckt und bat ihn bei der Konzeptionsprobe, mir einfach zu sagen, wie er sich die Soufflage vorstellte. Er schaute mich nur freundlich an und meinte:“Mach einfach das, was Du immer machst, ich komm bestimmt damit klar.“

Ohnehin eine Erfahrung, die ich über die Jahre immer wieder machen durfte: Je bekannter und angesehener ein Schauspielkollege war, desto unkomplizierter und freundlicher war er im Umgang. Die wirklichen „Stars“ haben es eben nicht nötig zu beweisen, daß sie welche sind, indem sie es das niedere Volk auch spüren lassen.

LEAR ist ein großes Stück, die Titelrolle auch für einen hervorragenden Schauspieler eine echte Herausforderung, das Stückensemble zahlreich, der Text hochkomplex. Karin Beier war als Regieassistentin dabei. Unter den Schauspielern herausfordernde Persönlichkeiten wie Eva Schuckardt und Peter Kern. Daß während der Proben noch klar wurde, daß einer der jungen Darsteller an Aids erkrankt war, warf zudem einen großen Schatten auf die Produktion.

Überhaupt verloren wir in diesen Jahren viele junge Kollegen an diese schreckliche Krankheit. Als erster ging einer meiner Kollegen aus der Requisite. Er wollte bis zuletzt nicht zugeben, wie schwer er erkrankt war. Und vor allem, an was. Noch war nach dem Ausbruch medizinisch wenig zu tun und die Betroffenen erkrankten zeitnah an schwersten Infektionen oder verschiedensten Krebsvarianten Es war einfach nur tragisch zu sehen, wie diese begabten jungen Männer aufs Erbärmlichste zugrunde gingen. Und nun wußten wir, daß auch unserem Edmund ein solches Schicksal bevorstand. Er versuchte, es zu verdrängen, und stürzte sich umso hemmungsloser in die Arbeit.

Ich jedenfalls war gefordert wie selten.

Schroeter hatte, das wurde früh klar, eine sehr eigene, stark sexualisierte Sicht auf das Stück. Doch im geschützten Raum der Proben, in den acht gemeinsamen Wochen, in denen sich alle und alles nur ums Stück drehten, folgten die Beteiligten Schroeter mit voller Überzeugung und Inbrunst.

Während dieser Proben, die größtenteils auf unserer kürmeligen Oberbilker Probebühne stattfanden, wo es immer einen ganz besonderen Zauber hatte, wenn Maria Callas durch die Räume schmetterte, gab es übrigens noch einen sehr außergewöhnlichen Moment. Morgens hieß es, irgendwann im Verlauf des Vormittags müßten wir die Probe unterbrechen, Isabelle Huppert sitze im Flieger nach Düsseldorf, um den Meister zu treffen. Es kam dann auch Bescheid, sie sei gelandet, und wir wurden alle gebeten, die Probebühne zu räumen und uns solange im Aufenthaltstraum zu platzieren, Madame Huppert sei sehr scheu. Tatsächlich huschte sie wenig später mit hochgeschlagenem Mantelkragen herein und auf direktem Weg auf die Probebühne. Und wenig später huschte sie, ebenso nahezu unsichtbar, wieder hinaus. Ein Jahr später hatte dann Schroeters wohl bekanntester Film „Malina“ mit Huppert in der Hauptrolle in Cannes Premiere und sollte in der Folge unter anderem mehrere Deutsche Filmpreise abräumen. Wir fühlten uns geradezu von Hollywood berührt. 😉

Dann kam im März 1990 die LEARPremiere.

Und zum ersten Mal hörte ich schon vor der Pause ein Publikum von 1000 Menschen vor Wut und Empörung vernehmlich zischen.

Daß die Figur des Edgar, der als Verstoßener jahrelang in der Wildnis lebt, nackt dargestellt wird, ist nichts sonderlich Originelles. Auch daß Lear, wenn er wahnsinnig über die Heide und durch den Sturm irrt, die Kleider abwirft, steht sogar so im Stück. Das hätte dem Düsseldorfer Publikum mit seiner traditionellen Nacktphobie zwar vielleicht nicht gefallen, aber doch nicht dieses Ausmaß an Ablehnung provoziert.

Aber während ich jetzt auf meinem Platz erste Reihe Mitte zusammen mit dem Düsseldorfer Premierenpublikum auf unser Stück blickte, fiel mir tatsächlich zum ersten Mal auf, daß wirklich nahezu jeder männliche Darsteller an diesem Abend irgendwann blank zog oder zumindest einem Kollegen mit eindeutiger Absicht in die Hose griff.

Was der Abend tatsächlich alles über Männlichkeit und Machtmißbrauch, Liebe und Haß, intrigante Lüge und schonungslose Ehrlichkeit, über Wahn und Wahnsinn, Gier und Hemmungslosigkeit zu erzählen hatte, das alles verschwand für die Düsseldorfer Zuschauer hinter offensivem Gesexe.

Das hatten sie so nicht erwartet. Nicht mal von Schroeter. Und vor allem wollten sie das nicht sehen.

Ich wußte ja immer genau, wann der nächste Aufreger um die Ecke kommen würde und sah also jedesmal die nächste Empörungswelle schon anrollen. Es gab knallende Türen, wütende Zwischenrufe und hysterisches Kichern.

Und ich wünschte mich von ganzem Herzen ganz weit weg.

In der Pause rannte Lause im Bademantel durchs Foyer und suchte nach Schroeter, um ihn, wie er sagte, zu verprügeln. Auch die Schauspieler auf der Bühne spürten natürlich deutlich die Ablehnung und Abneigung der Zuschauer und Lause fühlte sich von Werner verraten und verkauft.

Die jungen Kollegen neigten eher zum JetztErstRecht: Die Zuschauer regen sich auf, prima, wir haben Relevanz.

Ich war nur froh, daß mich im Zuschauerraum niemand ansprach. Stattdessen wurde auch ich mit Verachtung gestraft.

Das Buhkonzert beim Applaus war ohrenbetäubend.

Der Skandal war perfekt.

In der Folge wurde in der Presse verlangt, daß die Vorstellung abgesetzt würde. Ihr wurde Sittenwidrigkeit vorgeworfen.

Peter Kern und ich wurden zu einem Radiointerview eingeladen und mußten uns dort zur Arbeit äußern.

Kern hatte die Inszenierung mit der Kamera begleitet und brachte einen Film mit dem schönen Titel „Sex, Lear und Schroeter“ heraus.

Regional kostete die Veranstaltung ein paar Abonnements, Sponsoren und Auslastungszahlen. Überregional wurde der Abend gefeiert und mehrte nur Schroeters Ruf.

Und der Intendant wehrte sich gegen den Vorwurf der Sittenwidrigkeit und den Ruf nach Absetzung des Stücks, indem er betonte, daß Theater auch radikal und provokant sein darf, ja muß. Und daß Schroeter letzten Endes nur die exzessiven Shakespearschen Charaktere und ihre Handlungen wirklich ernst genommen und auf die Bühne gestellt habe.

Es sollte 15 Jahre dauern, bis das Haus wieder einen Skandal dieser Größenordnung erleben durfte. Und auch da ging es um Shakespeare und nackte Männer.

Für mich endete die Spielzeit dann mit Fred Berndts Uraufführung von Elfriede Müllers „Glas“, eine arg ausgedachte Geschichte über eine Silvesterparty in der gehobenen Mittelschicht, bei der magische Glasksulpturen für eine kollektive Entgrenzung sorgen. Die Inszenierung war alles in allem das ziemliche Gegenteil vom exzessiven Lear. Außerdem spielte mit Wolfgang Arps auch noch der männliche Darsteller mit, den die Düsseldorfer schon seit Jahrzehnten zu ihren absoluten Lieblingen zählten. In diesem Fall war also nicht wieder mit großen Protesten zu rechnen. Eher fand man den Abend ein bißchen öde und langweilig, nichtssagend um eine nette Idee herum gebaut, wenn auch durchaus ästhetisch elegant präsentiert.

Nach dieser nicht nur für mich, sondern für das ganze Theater turbulenten Spielzeit konnte ich die nächste gut gebrauchen….sie sollte mit Beckett beginnen und mir dann meine erste Operette bescheren.


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