Spielzeit 93/94. Wir hatten uns längst alle aneinander gewöhnt. Der Intendant schon längst für weitere fünf Jahre unterschrieben. Ich war aus dem Team Schroeter ins Team Mouchtar-Samurai gewechselt worden. Aus der Regieassistentin Karin Beier war im erwarteten Eiltempo die erfolgreiche Regisseurin Karin Beier geworden, die in dieser Spielzeit das inzwischen auch längst gewonnene Publikum mit einem wunderbaren „Romeo und Julia“ begeisterte. Wenn ich mich recht erinnere, wurde zu diesem Anlaß das Haus zum ersten Mal farbig angestrahlt. Und als besonderen Werbegag inzenierte man im Vorfeld die Hochzeit zwischen Juliadarstellerin Caroline Ebner und ihrem Romeo Matthias Leja und ließ die beiden medienbegleitet in der Hochzeitskutsche durch die Düsseldorfer Innenstadt fahren. So setzt man Gerüchte in die Welt, die Zuschauer anlocken. 🙂 Die Inszenierung wurde auch überregional ein rauschender, viel beachteter Erfolg und brachte dem Haus eine der eher spärlichen Einladungen zum Berliner Theatertreffen ein.
Für mich begann die Spielzeit auf der Oberbilker Probebühne mit Mouchtar-Samurai und Shakespeares „Troilus und Cressida“. Irgendwie stand die Inszenierung des ohnehin nicht sehr zugänglichen Stücks von Anfang an unter keinem wirklich guten Stern. Die Chemie zwischen Hauptdarstellerin und Regisseur stimmte nicht. Auch die beiden Titelfiguren untereinander taten sich schwer. Und so wollte der Abend nicht so richtig gelingen.
In diese Proben fiel auch ein tragischer Vorfall im Probebühnenumfeld. Die Fabrikhalle neben der unseren sollte abgerissen werden. Doch als ich nach einem besonders konfliktreichen Vormittag die Probebühne verließ, war das ganze Gelände voller Feuerwehr-und Krankenwagen. Bei den Abrißarbeiten war eine Decke eingestürzt und hatte zwei Arbeiter unter sich begraben. Einer konnte nur noch tot geborgen werden. In diesem Moment fand ich die scheinbar lebensentscheidende Verbissenheit, mit der auf unseren Proben um Inhalte, Interpretationen und Geltungsansprüche gerungen wurde, endgültig völlig absurd angesichts der realen Tragödie, die sich währenddessen, von uns unbemerkt, gleich nebenan ereignet hatte.
Über meiner Spielzeit schien irgendwie eh erstmal kein guter Stern zu stehen. Denn die Inszenierung, die ich eigentlich zum Einstieg soufflieren sollte, „Das Alpenglühen“ von Peter Turrini, wurde erst meine zweite. Beim ersten Anlauf war die Chemie zwischen Darstellern und Regisseur auch hier keine gute. Man mißverstand und mißtraute sich gegenseitig aufs Feinste. Und ich saß dazwischen, fühlte mich unwohl und verstand es so wenig wie der Dramaturg zu vermitteln. Die Produktion wurde abgebrochen und ein paar Monate später mit neuem Regisseur und neuer Hauptdarstellerin noch einmal angegangen. Ein skurriles Dreipersonenstück, das auf einer Berghütte einen blinden Mann, eine Prostituierte und einen Jungen zusammenführt. In unserem Fall gab es auch noch ein lebendes Huhn unter den Darstellern. Helga. Helga war eine hochbegabte Schauspielerin. Sie durfte sich auf der Bühne frei bewegen und trug erstaunlicherweise meistens durchaus sinnvolle Aktionen zum Bühnengeschehen bei. Wenn sie müde wurde, kletterte sie von der Bühne auf meinen Schoß, rollte sich dort zusammen und machte ein Schläfchen. Helga und ich hatten in diesem zweiten Anlauf eine sehr gute Zeit miteinander. Und diesmal gelang auch die Regie und die Düsseldorfer Urgesteine Alphons und Reinbacher spielten miteinander einen schönen Erfolg ins Kleine Haus.
Nach dieser relativ entspannten Zeit mit Huhn blieb ich im Kleinen Haus, aber wieder mit Mouchtar und Kleists „Amphytrion“. Mein allererster Bühnenbildner, Heinz Hauser, gestaltete die Szene, ein Spielrechteck, an dessen Seiten sich die Schauspieler niederließen, wenn sie Spielpause hatten. Und Mouchtar kam auf die grandiose Idee, auch mich in der Vorstellung am Spielfeldrand zu platzieren. Ich wurde also auch in ein Kostüm gesteckt und lagerte mit meinem Textbuch mehr oder weniger bequem am Rande.
Und ich hatte ein erstes Mal mit Thomas Huber zu tun, der mir schon als Tybalt in Beiers „Romeo und Julia“ so angenehm aufgefallen war und über die nächsten sieben Jahre in vielen gemeinsamen Produktionen ein lieber Kollege und Freund werden sollte.