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Vorsicht, ich boome noch!

Die Spielzeit 97/98 wurde eine sehr turbulente für mich, im Theater, aber auch privat.

Und sie begann mit dem Stück des Jahres und Peter Hailer.

Die 90er waren ja irgendwie das BWLJahrzehnt. Der Kapitalismus schickte sich in an, den Turbo zu zünden. Plötzlich redeten Schauspieler im Garderobengang über Aktienkurse und Fonds.

Und der Computer zog auch privat in die Wohnzimmer der Kunstschaffenden ein. Regieassistenten und junge Schauspielkollegen erschienen morgens übernächtigt zur Probe, weil sie in der Nacht durch leere MystLandschaften geirrt waren.

Globaler Wirtschaftsboom und Digitalisierung machten auch vor unserem Elfenbeinturm nicht halt.

1996 hatte Urs Widmer das Stück „Top Dogs“ zusammen mit Regisseur Volker Hesse und einer Handvoll Schauspieler in Zürich entwickelt und damit einen durchschlagenden Erfolg gelandet. Die Inszenierung wurde nach Berlin eingeladen und TheaterHeute ernannte das Werk zum Stück des Jahres.

Als eines der ersten deutschen Theater spielten nun auch wir es in Düsseldorf. Und ich meldete mich heftig und Gottseidank erfolgreich für die Soufflage. Sehr zur Überraschung von Hailer, der zum Ende der letzten Saison noch mit einem Brechtstück gefloppt und davon ausgegangen war, daß auch ich nun nicht mehr mit ihm arbeiten wollte. Weit gefehlt.

Eine Gruppe von Topmanagern, die überraschend entlassen werden, versuchen in einer OutplacementAgentur wieder zu sich und ihrem Selbstbewußtsein zurückzufinden, um so, wieder fit für den Arbeitsmarkt, neue Jobs ergattern zu können. Die Manager, die sich jahrelang ausschließlich über ihre Spitzenjobs definiert haben, müssen mit Fassungslosigkeit und Verletzung, mit Wut und Depression, mit Vereinsamung und Hoffnungslosigkeit klarkommen und machen in ihrer abgrundtiefen Verzweiflung auch die sinnlosesten Rollenspiele mit, die ihnen die Agentur anbietet.

Wir besuchten, sehr skeptisch, eine OutplacementAgentur in Düsseldorf. Beste Innenstadtlage, teuerste Innenausstattung. Doch nach unseren Erfahrungen auf den Proben und nach einem sehr angenehmen Gespräch und einer Führung durch die Agentur, waren wir uns zu unserer eigenen Überraschung eigentlich alle einig: Sollte uns eine Kündigung überraschend den Boden unter den Füßen wegziehen, wären wir alle dankbar, wenn wir uns eine solche professionelle Begleitung leisten könnten.

Wir besuchten auch alle zusammen einen KendoKurs, was vor allem die jungen Kollegen schwer begeisterte.

Da das Stück keine feste Struktur hatte, sondern die einzelnen Szenen nach Bedarf in eine schlüssige Abfolge gebaut werden konnten, experimentierten wir viel an Aufbau und Ablauf und ich konnte mich zu meiner großen Freude weit mehr einbringen als nur mit Text Vorsagen. Die Arbeit war ein großer Spaß und die Inszenierung ein großer Erfolg.

Als nächstes hatte ich mal wieder eine Regisseurin, noch kam das ja eher selten vor. Thirza Bruncken inszenierte, auch im Kleinen Haus, Alexander Ostrowski „Tolles Geld“. Alter russischer Adel, luxusverwöhnt,aber verarmt, versucht sich durch die Verheiratung der Tochter mit einem aufstrebenden Unternehmer über Wasser zu halten, hat aber nicht mit dessen Sparsamkeit gerechnet. Ich erinnere mich, daß ich in den Proben viel Spaß an Hauptdarsteller Jörg Pose hatte und das Ganze am Ende eher skurill turbulent geriet.

Meine BesetzungsGlückssträhne hielt erstmal an . Ich blieb im KleinenHaus und erbte aus Gründen, die ich nicht mehr weiß, „Indien“ von Josef Hader. Ein österreichisches Kammerspiel über zwei Restaurantkritiker, deren anfängliche, konkurrenzbedingte Abneigung sich zu einer echten Männerfreundschaft entwickelt, bis einer von beiden an Krebs erkrankt und stirbt. Inszeniert hatte das Stück ein ehemaliger Regieassistent, Titus Georgi, und der wunderbare Helmut Mooshammer gab den Kollegen Fellner, Georg Marin seinen Freund Brösel und Hans-Georg Gregor verkörperte alle Nebenrollen wie den Kellner oder den Arzt. Es war ein kluges kleines Stück voll bösem österreichischen Humor und anrührender Tragik. Und ich erinnere mich an eine Vorstellung, in der sich der sonst so textsichere Mooshammer irgendwie im Text verlor, nach vorne an die Rampe trat und sagte:“ Herrje, jetzt hab ich mich da doch völlig verspielt. Sag mal, Eva, wie geht’s richtig weiter?!“ Ich sagte es, er bedankte sich, das Publikum freute sich und es ging weiter. 🙂

Doch dann. Großes Haus, Molière, Tartuffe. Kroatischer Regisseur. Eigenwilliges Konzept.

Schon bei der Konzeptionsprobe ahnte man, daß das schwierig werden könnte. Nicht nur der Sprachverwirrung wegen. Der Regisseur sprach kein Deutsch. Ein Großteil der Besetzung kein oder nur schlecht Englisch. Es war also schon schwierig genug, sich gegenseitig zu erklären, was man von Stück und Inszenierung erwartete. Doch selbst in diesem sprachlichen Chaos wurde schnell klar, daß sich die teilweise sehr etablierten Kollegen etwas Anderes unter ihren Rollen und dem Abend vorstellten als der Regisseur.

Wir begannen zu proben. Die älteren Kollegen kamen nicht nur mit angelerntem Text, sondern auch mit den zuhause ausgedachten Spielvorschlägen, die sie für sehr viel besser hielten. als alles, was der Regisseur sich so vorstellte. Sehr schnell entstand eine sich gegenseitig hochschaukelnde Schauspielerfront gegen den armen Mann. Und wenn einmal umgesetzt wurde, was er zu inszenieren gedachte, dann nur, um ihm zu demonstrieren, daß es so nun wirklich nicht gehe. Und wenn ein Schauspieler das vorführen will, dann kann er es, egal wie genial die Regieidee auch sein mag. Nie habe ich soviel Widerstand von Schauspielern gegen eine Regie erlebt und das von der ersten Sekunde an. Es wurde nicht einmal in Erwägung gezogen, sich auf sein Konzept einzulassen. Die Rebellion der älteren Kollegen eskalierte, täglich saß einer von ihnen oben in der Intendanz und behauptete, daß es so keineswegs etwas werden könne. Und so kam es, wie es kommen mußte, dem armen Regisseur wurde die Regie entzogen und die Chefin schickte sich an, das Werk zuende zu inszenieren. Das war ja schon schlimm genug. Aber der arme Regisseur mußte, wollte er seine Gage mit nachhause nehmen, jeden Tag mit auf den Proben sitzen und zusehen, wie die Intendantin auch noch die letzten schönen Ansätze seiner Konzeption ausmerzte, die bieder-konventionellen Vorschläge der älteren Kollegen allesamt widerstandslos aufgriff und so einen mäßig interessanten Abend zusammenrührte, während die vormals doch so rebellischen Schauspieler gar nicht mehr aufhören konnten mit demütigem Speichellecken.

Ich war empört.

Ich soufflierte die Szenen, aber immer wenn die Chefin zu inszenatorischen Ausführungen ansetzte, ging ich raus aufs Klo.

Bei der Premiere hängten die Assistenten und ich zusammen mit der Kostümbildnerin ketzerische Plakate in der Kantine auf, mit denen wir die unmenschliche und ungerechte Behandlung des kroatischen Kollegen anprangerten.

Und den älteren Schauspielkollegen habe ich eigentlich nie mehr verziehen, was sie da angerichtet hatten. Es war dumm, es war eitel, es war unkünstlerisch. Und es war noch dazu im Ergebnis leider gar nicht gut.

Die Premiere war im Januar.

Erholen durfte ich mich von diesem vor allem menschlichen Desaster bei einem Solo, „Notizen aus dem Untergrund“, das Thomas Huber für sich selber in den unwirtlichen Katakomben der Tiefgarage einrichtete. Ich durfte wieder einmal auch dramaturgisch mitarbeiten und das tat doppelt gut nach dem vorangegangenen Erlebnis.

Im März hatte dann auch mich die Digitalisierung ergriffen, ich hatte einen PC zuhause und Internet und abends nach den Vorstellungen ging ich daheim noch in den Chatroom, wo ich im April, zu meiner eigenen grenzenlosen Überraschung, meinen zukünftigen Mann kennenlernte. Die Prioritäten im Leben verschoben sich wieder einmal. Die Arbeitspläne und Zeitfenster machten wie immer nur bedingt bis garnicht mit.

Aber zunächst fanden die bedeutenden Inszenierungen der Saison ohne mich statt. Die Chefin selber stellte mit „Bankers Opera“ eine zwar nur mittelgut besprochene, aber doch publikumswirksame Revue auf die Große Bühne, in der MackyMesser zum Bankier wird und die sich nahtlos in die Spielzeitthematik einbettete. Und Dietrich Hilsdorf zauberte eine ebenso monumentale wie monströse „Maria Stuart“ auf die Bühne mit einer grandiosen glatzköpfigen Anke Hartwig als Elisabeth und einer im Käfig hockenden Myriam Schröder als Maria.

Für mich war nach der desaströsen TartuffeErfahrung klar, daß mein ohnehin eher nicht vorhandenes Verhältnis zur Chefin auch endgültig keines mehr werden würde. Ich hoffte, nie wieder mit ihr arbeiten zu müssen, und freute mich über eine weitere kapitalismuskritische Inszenierung von Peter Hailer im Kleinen Haus zum Saisonende.

Mamets Stück „Die Verkäufer“ zeigt den brutalen Existenzkampf einer Gruppe von Immobilienmaklern, die durch einen internen Wettbewerb, bei dem es um Prämien, aber auch Entlassungen geht, aufeinandergehetzt werden und denen jedes Mittel recht ist, um ihre Haut zu retten.

Diese gelungene Inszenierung schloß auch thematisch den Kreis zu den TopDogs am Anfang der Saison.

Nun hatte ich sechs Wochen Sommerferien Zeit, mich ganz aufs Private zu konzentrieren.

Und danach wartete unter anderem wieder Hailer.

Aber auch Wortmann.


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