Mein erstes Stück in der zweiten Spielzeit unter dem neuen Intendanten Volker Canaris war ein Einpersonenstück im Kleinen Haus, wo Boris Mattern Kafkas „Bericht für eine Akademie“ gab. Boris war ein Schauspieler der alten Schule, der sich schwer damit tat, wenn die Souffleuse nicht im Kasten, sondern in der ersten Reihe saß, erst recht im Kleinen Haus, wo er befürchtete, daß im unwahrscheinlichen Fall eines Hängers auch noch die letzte Reihe das Einsagen mitbekommen würde. Also baute mir die Technik einen Kasten unter den Bühnenboden.
Ich habe in meinen ersten Souffleusenjahren ein paar Mal im Kasten sitzen dürfen und habe es immer geliebt. Man besteigt ihn von der Unterbühne aus über eine steile Treppe oder Leiter, hat darin einen Sitz, ein Tischchen und eine funzelige Lampe, die nicht auf den Bühnenboden hinausscheint, und ist vor den Blicken, Fragen und sonstigen Zumutungen der Zuschauer komplett geschützt. Ein Schauspieler, der Hilfe benötigt, kann sich unauffällig näherspielen, und weil man dann tatsächlich meistens flüstern kann, muß man nicht in Sekundenbruchteilen überlegen, was jetzt peinlicher ist, das Einhelfen oder die Hängerpause. Ich habe es geliebt! Aber den Bühnenbildnern war der Kasten, obwohl in Düsseldorf nicht einmal eine dekorative Muschel, sondern wirklich nur ein flaches schwarzes Rechteck, ein immerwährender Dorn im Auge und so wanderten wir armen Souffleusen zunächst an die unmöglichsten Plätze im Proszenium oder auf der Seitenbühne, von wo aus man oft nicht mal die halbe Bühne überschauen konnte und im Falle eines ausbleibenden Textes nicht wußte, ob der Kollege gerade verzweifelt hing, sich nur den Schnürsenkel richtete oder gar überhaupt nicht aufgetreten war. Irgendwann setzte sich dann doch die erste Reihe Mitte durch, weil sie zwar vielleicht nicht der diskreteste Einsageort war, aber immerhin Übersicht und die Möglichkeit zum Blick- und sonstigen Kontakt bot.
Für den Monolog des Affen aber bekam ich einen Kasten gebaut. Und Boris war es zufrieden. Nach der zweiten oder dritten Probe nahm er mich beiseite und sagte:“Du blätterst ja sogar lautlos um, das hab ich auch noch nie erlebt.“ Wieder einer jener Momente, wo ich das Gefühl haben durfte, ich sei nicht ganz falsch in meinem Beruf.
Mit dem Monolog wurden wir auch zu einem ganz besonderen Abstecher eingeladen, nämlich ins Affenhaus des Krefelder Zoos. Auf Tondokumenten dieses Abends kann man hören, wie die echten Affen akustisch mit dem Darsteller interagieren. Boris und ich waren danach sogar noch beim Zoodirektor auf ein Glas Wein eingeladen und ich genoß den ersten Prosecco meines Lebens. War lecker.
Das Affenhaus mit fast allen seinen Insassen sollte fast dreißig Jahre später in der Silvesternacht 2019/20 niederbrennen, nachdem eine Himmelslaterne tragischerweise auf dem Dach gelandet war. Nur zwei Schimpansen überlebten, die sich verletzt in einen geschützten Bereich hatten retten können.
Vom Monolog ging es nahtlos in meine erste Arbeit mit dem zweiten Hausregisseur, Klaus Weise, der im Großen Haus „Liliom“ auf die Bühne brachte. Und in diesem Fall wurde wieder meine Spielverpflichtung ausgenutzt und ich durfte einen der beiden Schutzengel geben, die Liliom in den Himmel und zurück begleiten. Der Regieassistent, ungefähr genauso groß und schlank wie ich, spielte den zweiten Engel, uns wurde beiden ein dreiteiliger Herrenanzug maßgeschneidert (beim Maßnehmen mokierte sich der Herrenschneider zu meinem Leidwesen ausgiebig darüber, daß Frauen immer so schief gebaut seien) und die Kostümbildnerin zog uns zu allem Überfluß auch noch Kothurnen an, die sie irgendwo im Fundus ausgegraben hatte. Als hätte ich auf der Bühne nicht schon genug mit meinen wackligen Knien zu tun. Es dauerte viele Vorstellungen, bis der Regenschirm, den ich in einer Szene über Liliom und mich zu halten hatte, nicht mehr leise zitterte und meine Knie auch nicht, irgendwann machte das Ganze sogar Spaß.
In dieser Produktion lernte ich auch meinen Theatersohn Bastian Trost kennen, heute längst ein gestandener Schauspieler von auch schon über 50 Jahren, der damals die himmlischen Szenen mit seinem zauberhaften Harfenspiel begleitete. Vier Jahre später sah ich ihn als 17jährigen Romeo in der schönsten und anrührendsten „Romeo und Julia“Inszenierung meines Lebens, die die damals noch weitgehend unbekannte Karin Beier in der KolbHalle in Köln mit ihrer Studententheatergruppe auf die Beine gestellt hatte. Ein absolut zauberhafter Abend, der vor allem von der verletzlichen Jugendlichkeit der beiden Hauptdarsteller lebte. Hätte ich nicht, als Karin Beier im selben Jahr als Regieassistentin zu uns kam, sowieso schon auf den allerersten Blick erkannt, daß gegen ihre Karriere kein Kraut gewachsen sein würde – nachdem ich diese Inszenierung gesehen hatte, wäre ohnehin kein Zweifel mehr daran gewesen.
Doch zurück zum Liliom. Weil ich ja zwischen Mitmimen und Soufflieren wechseln mußte, ging der Platz in der ersten Reihe diesmal nicht und ich saß stattdessen wieder im linken Proszenium. In der Premiere hatte Manuela Alphons, die die Frau Muskat spielte, einen fulminanten Hänger, genau am gegenüberliegenden Proszenium, bestimmt 20 Meter entfernt. Sie schritt, langsam und majestätisch, über die ganze Bühnenbreite bis in meine Nähe, so daß ich den fehlenden Satz tatsächlich flüsternd mitteilen konnte, und dann genauso langsam und majestätisch wieder zurück, während ich betete, sie möge den Text unterwegs nicht vergessen. Wieder drüben angekommen, sagte sie den Satz, als sei nichts gewesen, und niemand im Publikum konnte den Moment für etwas Anderes als inszeniert halten.
Mit zum Stückensemble gehörte auch Mariechen Alex, die Grande Dame des Theaters, damals bereits 92 Jahre alt, seit Anfang des Jahrhunderts am Düsseldorfer Schauspielhaus engagiert, in den 20er Jahren alleinerziehende Mutter von Zwillingen, eine wunderbare alte Dame, die fast bis zu ihrem Tod 1992 noch auf der Bühne stand und weder von ihrem täglichen Altbier, noch von ihren Zigaretten ließ. Einmal auf der Probe sagte sie aus dem Nichts heraus zu mir:“Du bist eine sehr gute Souffleuse!“
Wenn das über 70 Jahre Theatererfahrung zu Dir sagen, dann ist das der ultimativee Ritterschlag .
Horst Schönemann, unser Gast aus Dresden, der seinerzeit den „Karlos“ inszeniert hatte, kehrte noch einmal zurück und brachte nun Oscar Wildes „Lady Windermeres Fächer“ auf die Bühne. Ich durfte wieder dabei sein und sogar in den Souffleurkasten im Großen Haus abtauchen. So hatte es Frau Alphons als Lady auch viel leichter, sich im Notfall elegant an mich heranzuspielen.
Nach dem Motto, bloß keine Pausen lassen, folgte dann wieder ein Monolog im Kleinen Haus, wo mein eigentlich so gutbürgerlicher Liliom Michael Greiling in „Der Ledermann“ in die Rolle des Autors Eppendorfer schlüpfte, der seine skandalöse Vergangenheit als verurteilter Raubmörder und schreibende Kiezgröße in dem Text verarbeitet hatte.
Und zuguterletzt traf der Regisseur Fred Berndt bei seiner Arbeit an John Osbornes „Der Entertainer“ mit dem fernsehbekannten Uwe Friedrichsen in der Titelrolle auf meine besagte Kollegin, die binnen kürzester Probenzeit ein rotes Tuch für ihn und den Hauptdarsteller werden sollte. Also war es wieder nichts mit ein bißchen probenfreier Zeit, sondern ich stieg in die dritte Probenwoche ein und kam erfreulicherweise mit beiden Herren ganz gut aus.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Probenmoment, der viel darüber aussagt, wie Schauspieler auf der Bühne manchmal so ticken: Wir probten eine Szene, in der Uwe Friedrichsen parallel zum Text Eiswürfel aus dem Kühlschrank auf den Tisch räumen sollte. Der Kühlschrank war während der Probe noch leer und Friedrichsen tat also nur so, als nähme er etwas heraus und stelle es auf dem Tisch ab. Der Regisseur unterbrach und korrigierte irgendwas und während Friedrichsen ihm zuhörte, räumte er die imaginären Eiswürfel wieder vom Tisch in den Kühlschrank, ohne überhaupt zu bemerken, was er da tat.
Auch das war eine Vorstellung, in der ich aus dem Kasten heraus soufflieren durfte. Eine der letzten. Man hatte ihn allerdings ein bißchen nach links aus der Mitte in den Orchestergraben hineingebaut, damit der Entertainer für seine Programmeinlagen freie Bühnenmitte hatte. Danach sollte es viele, viele Jahre dauern, bis man das inzwischen schon völlig vergessene Teil noch einmal für mich wiederbelebte.