1994/95.
Karin Beier eröffnete die Saison mit einem spektakulären „Kaufmann von Venedig“. Auf dem legendären Plakat dazu schwebte das Haus über einem komplett überschwemmten Vorplatz.
Für mich galt in meinem zehnten Jahr als fest angestellte Souffleuse wieder Mouchtar Samurai und erneut Pirandello. Diesmal das unvollendete „Die Riesen vom Berge“.
„Die Riesen vom Berge“ erzählt von einer verarmten herumziehenden Theatertruppe, die das unverständliche Stück eines verstorbenen Dichters aufzuführen versucht, das aber niemand wirklich sehen will. Sie landen in der Villa des Magiers Cotrone, wo Zauber und Phantasie herrschen, und werden eingeladen zu bleiben. Doch Ilse, die Leiterin der Schauspieltruppe, will keine Kunst machen, die niemand zu sehen bekommt. Ein Auftritt vor den Riesen vom Berge, die aber zu beschäftigt sind und nur ihre Arbeiter schicken, gerät zum Fiasko und die aufgebrachte Menge tötet Ilse. Diese Parabel über den schweren Stand von Poesie, Kunst und Kultur im industrialisierten Kapitalismus blieb auch in Mouchtars Inszenierung eher schwer und unzugänglich. Auch wenn Barbara Nüsse eine wirklich anrührende Ilse auf die Große Bühne stellte.
Gleich darauf ging es als nächstes wieder mit Mouchtar ins Kleine Haus. Und nun kam die Produktion auf die Bühne, die ich bis heute als die perfekteste Inszenierung in Erinnerung habe, an der ich je teilhaben durfte.
„Samstag, Sonntag, Montag“ von De Fillipo. Eine temporeiche italienische Familienkomödie mit allem, was dazugehört: Eine Mama, die zum Osterfest entnervt in der Küche wirbelt, um ihr berühmtes Ragout zu kochen. ein grundlos eifersüchtiger Vater, aufmüpfige Kinder, lästige Nachbarn und ein schrulliger Opa. Alle Figuren wurden ernst genommen und genau daraus entstanden Humor und Witz. Jede Besetzung , jeder Ton , jede Situation stimmte, jede Pointe saß, ja selbst die Umbauten waren grandios durchchoreographiert, wenn zum Beispiel aus einem komplett mit Lebensmitteln und Kochwerkzeugen überladenen Küchentisch im buchstäblichen Handumdrehen und im Rhythmus der begleitenden Musik tänzerisch eine festlich gedeckte Tafel für 15 Gäste samt Spaghetti und Ragout entstand.
Der absolute Knüller des Abends aber war Caroline Ebner, bislang in Hauptrollen als Julia und Jessica unterwegs, die hier ein weitgehend stummes Dienstmädchen gab und sich damit hinreißend nicht nur ins Zentrum der Aufführung, sondern auch in die Herzen der Zuschauer spielte. Wie sie in jeder Sekunde des Abends die Geschehnisse lenkte, kommentierte, begleitete, verhinderte, konterkarierte, war ein wirklich sehenswertes Kabinettstück und eine Hauptrolle der ganz besonderen Art.
Ich saß in jeder einzelnen der vielen Vorstellungen, die wir mit diesem Stück bis zum Ende der Intendanz Canaris haben sollten, und dachte jedes Mal nur selig:“Es ist perfekt“.
In den 50 Jahren hatte ich einige heiß geliebte Stücke. Und die meisten davon waren wirklich sowohl inszenatorisch, als schauspielerisch außergewöhnlich gut gelungen. Aber diese besondere Perfektion hatte tatsächlich keine andere Inszenierung, die ich je begleiten durfte.
Meine dritte Produktion in dieser Spielzeit war dagegen eine besonders kuriose Veranstaltung. Parallel zu Dimiter Gottscheffs Inszenierung „Der Kirschgarten“ im Kleinen Haus sollte der bulgarische Regisseur Stefan Moskov im Großen Haus vier Einakter von Anton Tschechov unter dem Übertitel „Schwanengesänge“ auf die Bühne stellen.
Zum Ensemble gehörten Dieter Prochnow und Samuel Finzi. Und wir probierten, obwohl das Stück später auf der Drehbühne des Großen Hauses gespielt werden sollte, in Oberbilk. Das hieß, um die Drehung der Bühne, die an diesem Abend unablässig in Bewegung sein würde, zu imitieren, liefen die Schauspieler nicht nur während der Proben dauernd im Kreis herum, was beispielsweise auf Skiern über einen Betonboden äußerst kompliziert sein konnte, sondern bewegten dabei auch noch die vielen Requisiten, die am Abend von der Bühne an den angedachten Platz gedreht werden würden. Das Ganze war ein chaotisches Spektakel, eine clownesk komische Ansammlung absurder Momente, zusammengehalten eigentlich nur von der Musik des ebenfalls bulgarischen Pianisten. Wir hatten zwar sehr viel Spaß bei den Proben, auch des sprachlichen Durcheinanders und der daraus entstehenden Misßverständnisse wegen, waren aber selber davon überzeugt, daß der eher improvisiert und unfertig wirkende Abend bei der Premiere vermutlich grandios Schiffbruch erleiden würde.
Doch weit gefehlt.
Das Düsseldorfer Premierenpublikum, sonst eher humorlos, skeptisch abwartend und gerne mal überkritisch, vor allem, wenn das, was es zu sehen bekommt, nicht seinen Erwartungen entspricht, schloß den skurrilen Abend mit der verlorenen Handvoll verrückter Spielhansel auf der riesigen, leeren, sich drehenden Bühne vom ersten Augenblick an ins Herz. Niemand war überraschter darüber als wir. Und zum guten Schluß feierten sie ihn tatsächlich mit Bravos und nicht enden wollendem Applaus. Wir waren platt. Offenbar hatte der chaotische Spaß, von uns weitgehend unbemerkt, seinen ganz eigenen berührenden Charme entwickelt.
Die nächste Spielzeit war dann schon wieder eine Abschiedssaison. Canaris hatte zehn Jahre am Düsseldorfer Schauspielhaus ausgehalten und sich bei Presse und Publikum durchgesetzt. Nun sollte zum ersten Mal eine Frau die Intendanz übernehmen, Anna Badora, die zuvor fünf Jahre lang durchaus erfolgreich Schauspieldirektorin in Mainz gewesen war.
Ich hatte Canaris gemocht. Er war ein freundlicher, höflicher Mensch, den ich nie laut oder außer sich erlebt habe. Er war stets sachlich und korrekt, sein Wort galt, und er stand zu hundert Prozent hinter seinen Regisseuren und Schauspielern, auch wenn es zu Skandalen oder Mißstimmungen in der Stadt kam.
Mit Badora würde in einem Jahr eine Intendantin kommen, die auch selber inszenierte. Schon das war neu für mich. Und wieder einmal durfte man gespannt sein auf Team und Ensemble, das sie mitbrachte.
Doch noch blieb uns eine letzte Spielzeit, um unsere jetzige Theaterfamilie abzufeiern.