Und wieder begann eine Spielzeit mit Herbert König und Beckett und ich nahm das als gutes Zeichen. Der zauberhafte Hans Schulze und DDRStar Winfried Glatzeder spielten die Hauptrollen und es wurde ein wunderbarer Theaterabend im Großen Haus.
Ich saß mal wieder auf der Seitenbühne, aber immerhin mit Einblick aufs Geschehen. Und normalerweise verliefen die Vorstellungen auch ohne Flüsterei. Aber an einem Abend machte Hans Schulze einen gut anderthalb Seiten weiten Sprung im Text. Glatzeder, das wußte ich, reagierte immer nur aufs Stichwort, der würde einfach mitspringen. Das Problem war aber, daß Schulze den Part übersprungen hatte, in dem ein Stoffhund ins Spiel kam und von Glatzeder auf die Bühne gebracht werden mußte, um den es dann noch eine ganze Weile gehen sollte. Mein Adrenalin stieg gewaltig und ich überlegte verzweifelt, an welcher Stelle ich dorthin zurücksoufflieren könnte, wo der Hund seinen Auftritt hatte, und ob die beiden Schauspieler die Situation auch erkennen und mich nicht nur einfach für endgültig durchgeknallt halten würden. Doch kurz vor dem Satz, den ich für mein Eingreifen ausgewählt hatte, sprang Schulze, dem der Fehler inzwischen selber bewußt geworden war, zurück zum Hundeabschnitt und holte ihn nach, um dann nahtlos wieder dort einzusteigen, wo er die Rückwärtskurve eingebaut hatte. Ich war nicht nur erleichtert, sondern auch schwerst beeindruckt, wie Schulze, ohne daß man seinem Spiel irgendetwas angemerkt hätte, so mit dem Text zu jonglieren vermochte.
Wahre Profis sind eben einfach eine große Freude.
Seit der vorigen Spielzeit gab es einen neuen Regisseur am Haus, David Mochtar-Samurai. Er hatte bereits ein viel beachtetes „Traumspiel“ inszeniert und zauberte nun einen fast vierstündigen turbulenten und bildgewaltigen „Peer Gynt“ mit Joachim Bliese und Herbert Fritsch in der Titelrolle ins Kleine Haus. Eine Aufführung, die über 100 Vorstellungen erleben sollte und sogar nach Oslo eingeladen wurde. So um die Fünfzigste herum erbte ich das Werk von meiner Kollegin und liebte es, trotz der enormen Länge, bis zur allerletzten Vorstellung. Nicht zuletzt auch der wunderbaren Musik von Edvard Grieg wegen.
Doch in dieser Spielzeit sollte ich es auch noch selber mit Mouchtar-Samurai zu tun bekommen und trotz einigen unheilvollen Flurfunks ahnte ich nicht, was da auf mich zurollte.
David war ein israelischer Regisseur, in Bagdad geboren. Er war laut und impulsiv und sprach eine skurrile Mischung aus Deutsch und Englisch, die, besonders wenn er in Aufregung geriet, eigentlich nur zu verstehen war, wenn man sich bereits in das Kauderwelsch eingearbeitet hatte.
Und Mouchtar-Samurai hatte seine ganz eigene Arbeitsweise: Er verbot den Schauspielern in den ersten Wochen das Textlernen. Dafür ließ er sie aber gerne schon am zweiten Probentag einen Durchlauf des Stückes spielen. Er versprach sich davon, daß die Schauspieler nicht so sehr über Kopf und Text an die Rolle herangehen würden, sondern sie durch das spontane Reagieren auf unvermutet auftauchende Situationen beim Machen finden würden.
Für mich bedeutete das, daß ich wochenlang über vier, fünf Stunden Probe hinweg jedes Wort des Textes vorsoufflierte. Dabei saß der Regisseur neben mir und manövrierte mich mit kurzen Anweisungen oder auch Klapsen gegen den Oberarm permanent durch den Text, zurück, vor, nochmal, weiter, von vorne, schneller….ich redete mir also nicht nur auf jeder Probe den Mund fusselig, ich mußte auch noch dauernd auf ihn konzentriert sein und mehr oder weniger erraten, wohin er zurückspringen oder was genau er nochmal wiederholen wollte. Oft ließ er die Schauspieler eine Situation erstmal frei improvisieren oder irgendwelche stückfernen Rollenspiele machen, bis er den Eindruck hatte, daß sie nun in der richtigen Gemütsverfassung wären, und dann schickte er mich wieder mit dem Text ins Rennen.
Bei intimeren Szenen warf er alle anderen hinaus und probte mit mir und den Schauspielern allein. Es ging mir immer besonders gegen den Strich, in solchen Momenten permanent den Text hineinzugeben, statt die Schauspieler ihr Miteinander ungestört entwickeln zu lassen. Aber ich mußte. Und das auch noch besonders laut und deutlich, weil die Schauspieler mich ja bei allem intensiven Spiel auch noch verstehen sollten.
Arbeiten mit Mouchtar war unglaublich anstrengend. Seine leidenschaftlichen, zuweilen geradezu agressiven Ausbrüche kamen noch erschwerend hinzu. Spätestens zur Hälfte der Probenzeit wollte ich ihn jedes Mal ermorden. Ich überlegte öfter, ob ich mir für meine malträtierten Oberarme nicht einen Körperschutz vom Eishockey ausleihen sollte. Und besonders hasste ich es, wenn die Schauspieler natürlich doch längst heimlich gelernt hatten, ich das auch sehr genau spürte, aber trotzdem weiter permanent aufgefordert wurde, den Text hineinzugeben.
Aber insgesamt waren die Arbeiten mit Mouchtar desungeachtet meistens sehr schön. Ich lernte von Mal zu Mal, besser mit ihm und seiner Art umzugehen. Und er ließ mich wissen, daß er meine Mitarbeit zu schätzen wußte. So kamen mit der Zeit neben ein, zwei Flops auch wirkliche Lieblingsstücke zustande. Und darunter eines, das ich bis heute für das perfekt inszenierteste Stück meines ganzen Theaterlebens halte. Aber das sollte erst 5 Jahre später auf die Bühne kommen.
Erstmal durfte ich ihn also nun bei „Heute wird improvisiert“ von Pirandello begleiten. Mit Herbert Fritsch in der Rolle des Regisseurs, einem wunderbaren Schauspieler und ungemein liebenswerten Kollegen, auch wenn nach ungefähr fünf Minuten Probe mit ihm eigentlich immer entweder ein Möbel zu Bruch gegangen war oder er sich ausgezogen hatte. 😉
Im Stück trat der angebliche Regisseur kurz nach Beginn, aus dem Publikum heraus, auf und verkündete, heute Abend spiele man nicht das vorgesehene Werk, sondern würde stattdessen am Thema entlang improvisieren. Im weiteren Verlauf geraten dann allerdings die Schauspieler mit dem Regisseur aneinander und verjagen ihn zuguterletzt aus dem Theater, um den Abend nach eigenem Gusto zuende zu spielen. Bei der Premiere herrschte nach Herberts erstem Auftritt ein bißchen Verwirrung im Publikum, aber nachdem alle begriffen hatten, daß der vermeintliche Skandal der Schauspielerrebellion in Wirklichkeit das eigentliche Stück war, amüsierten sich die Düsseldorfer dann doch ganz prächtig.
Der Plot hatte aber auch seine Tücken, denn als sich in einer Vorstellung eine Schauspielerin, Nicole Spiekermann, ernsthaft verletzte, dachten nicht nur die Zuschauer, sondern selbst der Theaterarzt, auch dieser Moment sei inszeniert. Nachdem die Beteuerungen der Schauspieler von der Bühne herunter, man brauche jetzt Hilfe, nichts fruchteten, bestätigte auch ich aus der ersten Reihe, daß da wirklich wirklich ein Arzt gefragt sei. Während einige Zuschauer das immer noch lachend für die nächste Eskalationsstufe hielten, kamen die anwesenden Ärzte jetzt doch zögerlich in Gang. Wir unterbrachen kurz und für den Rest des Abends wurde Nicole über die Bühne getragen.
Ich kann mir zwar nicht vorstellen, daß ich in dieser Spielzeit wirklich nur zwei Produktionen betreut habe, aber mir fällt beim besten Willen keine weitere mehr ein.
Wahrscheinlich ist zu dieser Zeit noch das AIDSStück angedacht gewesen, das eine hoch gelobte Assistentin als erste eigene Regiearbeit mit uns erarbeiten wollte. Mit dabei war auch wieder Marcelo Uriola, der ja selber an Aids erkrankt war, und in der Konzeptionsphase lernten wir von ihm viel über die Krankheit, die Mythen, die sich bereits darum rankten, und die tatsächlichen Gefahren und Folgen. Doch wie so oft bei freien Projekten, die erst auf den Proben Gestalt annehmen sollen, war viel zu wenig Zeit eingeplant, das Konzept der jungen Regisseurin war nur vage und ungenau und was sie davon zu vermitteln versuchte, stieß eher auf Skepsis und Ablehnung bei den Darstellern…jedenfalls starb die ambitionierte Produktion leider nach kurzer Zeit einen stillen Tod und erblickte niemals das Bühnenlicht.
Ich aber galt nach dieser Spielzeit als Mouchtar-Samurais Leib-und MagenSouffleuse, eine Position, die mir erstaunlicherweise von keiner Kollegin streitig gemacht wurde 😉 , und so hatte ich es in der nächsten Saison gleich zweimal mit ihm zu tun.