Zu Beginn der Spielzeit 90/91 durfte ich endlich mal richtig mit Herbert König arbeiten und noch dazu einen Beckett: „Glückliche Tage“. Elisabeth Krejcir spielte die Winnie und mein allererster Theatergatte, Walter Spiske, den Willie. Probiert wurde auf der kleinen Probebühne. Eigentlich ein kleiner fensterloser Unraum mit niedriger Decke im Keller des Hauses, schlecht beleuchtet und sauerstofffrei, aber zu Beginn dieser Spielzeit der einzige Probenraum, der noch zur Verfügung stand. Und wir brauchten ja auch nicht viel Spiel-Raum. Winnie steckte schließlich bis zur Taille im Bühnenboden und würde bis zum Ende des Stückes immer weiter darin versinken, bis nur noch ihr Kopf zu sehen war. Ein wunderbares Stück mit einer wunderbaren Darstellerin, besser konnte die Spielzeit kaum beginnen.
Meine damals neunjährige Tochter erinnert sich bis heute an diesen Theaterabend. Die im Bühnenboden versinkende Dame mit Sonnenschirm und Hütchen hinterließ Eindruck. Zu Recht.
In der Welt ging es derweil kriegerisch zu. Iraks Machthaber Saddam Hussein besetzte Kuwait, um so seine Schulden tilgen zu können, und löste zurecht weltweite Empörung aus. Dennoch wollten wir friedensverwöhnten Westler natürlich keine kriegerische Auseinandersetzung, bei der man schließlich nicht wissen konnte, was noch daraus entstehen würde, und so gingen die Menschen auf die Straße und demonstrierten mit Kerzenmärschen für eine friedliche Lösung. Wie man weiß, vergeblich.
Im Theater spielte das insofern eine Rolle, als Peter Kern mit „Frau Luna“ eine heitere Operette auf die Bühne zu bringen gedachte, und ich erinnere mich, wie das Stückensemble auf der großen Probebühne mit dem Intendanten zusammensaß und darüber diskutierte, ob man in solchen Zeiten solche Stoffe auf die Bühne bringen darf. Oder ob es vielleicht gerade jetzt sogar not tat. Wir waren gut eine Woche vor der Premiere, die nicht geringen Investitionen längst getätigt, die meiste Probenarbeit bereits getan.
Zuguterletzt entschied man sich FÜR die Inszenierung. Anders als das Düsseldorfer Karnevalskommitee, das, wie die Kölner und Mainzer auch, den Karneval 1991 des Krieges wegen komplett absagte.
Ich wußte ja schon vom „Weißen Rössl“, daß ich Operetten geradezu liebe, wenn sie mit Schauspielern umgesetzt werden. Singen können die meisten genauso gut wie studierte Sänger, nur eben auch besser spielen, was dem manchmal sehr schlichten Stoff und den häufig klischierten Figuren sofort mehr Witz und Tiefe verleiht.
Auch wenn Peter Kern auf den Proben manchmal selig wegschlummerte, der durchaus lauten Orchestermusik zum Trotz, war es eine anregende Arbeit. Man ging täglich mit einem Ohrwurm nachhause. Und Kern ließ es wirklich gewaltig glänzen und glitzern. Besonders liebenswert war die hinzuerfundene Figur des Mondgroom, die vom brasilianischen Schauspieler Marcelo Uriona, der schon in Schroeters MEDEA als einer der Söhne dabei gewesen war, verkörpert wurde und der erklärte Publikumsliebling des Abends war. Auch ein Kollege, den wir nur zwei Jahre später an Aids verlieren sollten.
In einer Vorstellung fiel ein Darsteller während seiner Arie in den Orchestergraben, wo er zur Freude des Publikums und unserer Erleichterung lauthals weitersang und wenig später unversehrt wieder herauskletterte. Ein leichter Alkoholpegel hatte zwar zu dem Sturz geführt, aber auch die verletzungsfreie Landung begünstigt.
Apropos….was wurde damals noch getrunken im Theater! Man kann sich das heute, wo absolutes Alkoholverbot während der Arbeit gilt, gar nicht mehr vorstellen. Es gab nicht nur Schauspieler, die sich schon morgens vor der Probe ihre erste „Cola spezial“ bestellten, ein Altbier im Colaglas, und im Verlauf des Tages mehrere davon folgen ließen, oder einen persönlichen Kaffee orderten, in den ein ordentlicher Schuß Baileys gehörte. Auch die Techniker von Bühne und Beleuchtung nahmen tagsüber gerne mal ein frisches Pils in den Pausen und Wartezeiten. Erstaunlicherweise blieben die meisten dennoch weitgehend arbeitsfähig, auch wenn man manchmal schon Sorge haben konnte, wenn nicht mehr ganz nüchterne Kollegen auf den Galerien herumturnten oder große Bühnenteile bewegten.
Vom Rauchen gar nicht erst zu reden! Heute gilt ja in den Theatern absolutes Rauchverbot, die wenigsten haben noch sowas wie einen Raucherraum. Wer in den Pausen seine Zigarette braucht, muß vor die Tür. Damals wurde in der Kantine und den Proberäumen geraucht, was das Zeug hielt. Bei den Proben lagen die Zigarettenpackungen offen auf dem Tisch und man bediente sich.
Für die jungen Kollegen heute alles absolut unvorstellbar. 🙂
Doch zurück zu Frau Luna. Dem Düsseldorfer Premierenpublikum war das alles wieder viel zu schrill und zu bunt und zu queer. Trotzdem war die Inszenierung ein Erfolg und fand ihre Zuschauer. Die Berliner Luft hält eben vieles aus.
Als letzte Produktion dieser, für mich vergleichsweise erholsamen, Spielzeit war ich bei der ersten Regiearbeit des Assistenten Jan Krämer dabei, einem russischen Stück namens „Sterne am Morgenhimmel“ um vier Prostituierte, die anläßlich der olympischen Spiele in Moskau an den Stadtrand verfrachtet werden. Soweit ich mich erinnere, wurde es ein Kammerspiel im besten Sinne des Wortes, ganz auf die Figuren und ihre Gedanken und Gefühle fokussiert. Und ein durchaus gelungenes Debut des Regisseurs. Daß der inzwischen Dokumentarfilme über besondere Menschen und Lebensgeschichten macht, finde ich eine durchaus konsequente Entwicklung.
Nachdem wir eben schon beim Alkohol waren: Auch in dieser Spielzeit gab es wieder eine große, gut besuchte Party im Foyer des Großen Hauses mit Ensemble, Mitarbeitern und Zuschauern. Doch diesmal kam irgendwann Unruhe hinein, weil sich offenbar ein Obdachloser unter die Feiernden gemischt hatte und im unteren Foyer herumpöbelte. Der Mann wurde freundlich, aber bestimmt hinausgeleitet, hatte aber wenig später wieder ein Schlupfloch gefunden und drängte sich zwischen die Gäste. Nachdem ihm das mehrere Male gelungen war, machte sich das Gerücht breit, der angebliche Obdachlose sei unser Kaufmännischer Direktor Theo Umberg, der von Kostüm und Maske so perfekt zurecht gemacht worden war, daß ihn selbst die Kollegen nicht erkannten. Von der zotteligen Perücke über den Dreitagebart, buschige Augenbrauen und das heruntergekommene Outfit, das man förmlich schon zu riechen glaubte, wenn man es sah, bis zum Dreck unter den Fingernägeln, die Kostümierung war schlichtweg perfekt. Ich wußte nun schon, wer der immer wieder auftauchende Störenfried war, und stand mit meiner Tochter im oberen Foyer gerade mit einem Getränk am Stehtisch, als Umberg auch diesen Raum enterte, scheinbar betrunken die Gäste bedrängte und zuguterletzt meiner Tochter den Rest aus seinem Bierglas in die Limo schüttete. Mein Kind war empört und ließ sich auch nicht beruhigen, als ich ihr die Identität des vermeintlichen Obdachlosen offenbarte. Es war ihr völlig egal, ob jemand von der Straße oder ein Mitglied der Theaterleitung ihr Getränk vergiftet hatte, sie fand es einfach nur unmöglich. Als ich Umberg ein paar Tage später erzählte, wie sauer meine Tochter über seine Aktion gewesen war, meinte er, der selber eine Tochter im gleichen Alter hatte, da habe sie ja irgendwie auch völlig recht. Und so rief er einen Tag später bei meinen Eltern an, wo meine Tochter immer nach der Schule zum Mittagessen war, und bat darum, Katharina zu einem Ersatzgetränk einladen zu dürfen. Bald darauf holte er sie nachmittags ab und die beiden gingen in einem nahegelegenen Restaurant eine WiedergutmachungsLimonade trinken. Als Umberg meine Tochter zwei Stunden später wieder nachhause brachte, meinte er nur zu meiner Mutter: „Ich weiß jetzt alles.“ Katharina aber fand, mit dieser Einladung sei der Gerechtigkeit Genüge getan und war versöhnt.
Die nächste Spielzeit begann wieder mit König und Beckett. Und bescherte mir dann einen Regisseur, bei dem es mit jeglicher Erholsamkeit gründlich vorbei sein sollte und der mich fordern würde wie kein zweiter.