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Vorsicht, ich boome noch!

Also, Gosch.

„Sommergäste“

Die Inszenierung, die mein Endgegner werden sollte. Und einen tiefen Keil trieb zwischen den Regisseur und mich.

Dabei fing alles an wie immer.

Großes Stück, große Besetzung, quer durchs Ensemble, u.A. Anke Schubert, Constanze Becker und Birgit Stöger, Horst Mendroch, Devid Striesow, Thomas Wittmann, Michael Abendroth. Und Thomas Dannemann, den ich ja schon aus „Da kommt noch wer“ kannte, von dem ich aber bis dahin nicht wußte, welche, je nach Blickwinkel kreative oder zerstörerische, Kraft er entwickeln konnte.

Drei Monate Zeit hatten wir wieder.

Schütz baute einen bühnenbreiten leeren Raum, die Rückwand horizontal fahrbar mit einem türgroßen Loch, dahinter ein bühnenbreiter Baumstamm. Was die Kostüme anging, bat er die Schauspieler, Privatklamotten von zuhause mitzubringen, von denen sie glaubten, daß sie etwas zur Rolle beitrugen.

So weit, so gut. Und ich freute mich auf ein schönes Stück mit schönen Rollen und eine bereichernde Arbeit.

Doch schon bei der Konzeptionsprobe hätte ich eigentlich Böses ahnen können. Gosch nölte, er könne mit dem Stück gar nichts anfangen, wisse eigentlich nicht, was es erzählen wolle, besonders heutzutage. Er sei mit dem Text unzufrieden, zu den Figuren falle ihm nichts ein.

Wir begannen zu proben.

Und saßen Nachmittage lang im Dramaturgenzimmer, strichen, stellten um, übersetzten neu. Soviel Spaß mir sowas sonst machte und wie gebauchpinselt ich auch war, daß Gosch mich dabeihaben wollte, es änderte alles nichts daran, daß Gosch offensiv an dem Stück herumlitt.

Derweil improvisierten sich vor allem die männlichen Darsteller auf den Proben in einen regelrechten Spielrausch, der auch vor den gröbsten Blödheiten keinen Halt machte.

Wenn Striesow seinen Sohn mit auf der Probe hatte, schickte mich Gosch mit dem Kind nach nebenan zum Memory oder Karten Spielen, damit Devid in seiner Spielwut nicht ausgebremst wurde, weil sein Sohn zusah. Und damit das Kind nichts zu sehen bekam, was es vielleicht verstören konnte.

Dannemann erwies sich dabei als absoluter Fokusfaschist. Ihm war wirklich jedes Mittel recht, um die Blicke des Zuschauers auf sich zu ziehen, kein Witz war zu blöd, keinen Strich konnte man nicht wieder aufmachen, Hauptsache, der Fokus lag auf einem selber und nicht etwa auf dem eigentlich gerade wichtigen Spielvorgang.

Die Herren spielten Federball, machten dumme Herrenwitze, tranken Unmengen Wasserwodkaflaschen leer.

Die Frauen versuchten derweil, sich und ihre Rollen gegen dieses dominante Improvisiertheater zu verteidigen, standen aber weitgehend auf verlorenem Posten.

Als Gosch dann auch noch von dem Theater erzählte, das sein kleiner Sohn im Urlaub im Feriencenter bei der Kinderbespaßung gespielt hatte und wie ihm das gezeigt habe, wie authentisches, wahres Theater eigentlich aussehen müßte, wurde mir endgültig klar, daß eins meiner Lieblingsstücke hier nicht heil davonkommen würde.

Die Proben wechselten auf die Bühne.

Zu Beginn des Stücks kamen alle Schauspieler und ich links und rechts über die Bühne, stiegen nach unten in den Zuschauerraum und nahmen in der ersten Reihe Platz. Wer seinen Auftritt hatte, kletterte von dort auf die Bühne. Und blieb da bis zum Ende des Abends. Wenn er nicht dran war, nahm er rund um die Spielfläche an den Bühnenwänden Platz und betrachtete das Geschehen bis zum nächsten Einsatz.

Und ungefähr eine Woche vor der Premiere strich Gosch nicht nur eine Figur komplett aus dem Stück und machte so die wochenlange Arbeit eines Kollegen vollständig zunichte, sondern er rief das Ensemble zusammen und beschied lapidar: „Spielt einfach drauflos. Hauptsache miteinander. Spielt den Abend einfach so, wie wir geprobt haben.“ Die Frauen protestierten schwach, dann hätten sie ja vermutlich gar keine Chance mehr, wirklich vorzukommen, aber Gosch kannte kein Erbarmen. Dann müßten sie sich eben wehren und dagegenhalten, war seine Antwort. Punkt.

So geriet der Abend dann auch.

Die Kerle juxten sich durchs Stück, je blöder die Gags, desto besser, da wurde auch mal in eine Plastiktüte gekackt. Egal.

Das Ganze dauerte rund vier Stunden OHNE Pause. Gerne auch mal länger, wenn Dannemann gerade in Spiellaune war und noch ein paar Strophen zu seinem geklampften Anfangslied hinzufügte oder noch ein paar ausgemusterte Gags oder Sätze wieder einbrachte.

Ich haßte die Veranstaltung.

Nicht nur, daß ich nach dem Frühstück das Trinken einstellen mußte, um sicher zu gehen, die Vorstellungsdauer durchzuhalten (bekloppt natürlich! Jahre später hätte ich es genauso gemacht wie die Zuschauer auch, hätte die Toilette aufgesucht und wäre zurückgekommen). Ich haßte noch dazu jede einzelne Pointe des Abends. Selbst die, die bei Licht besehen wirklich ganz witzig waren, wie der gemeinsame Hüpfer der Herren über die Bühne verbunden mit dem chorischen Ausruf „Zeitsprung!“ Ich fand den ganzen Abend einfach nur unerträglich eitel und selbstverliebt.

Und dann kam die Premiere.

Und ich saß wieder einmal ganz alleine mit meiner Abneigung und meinem Groll unter 1000 fröhlichen Zuschauern, die sich köstlich amüsierten, je blöder der Witz, desto mehr.

Die Aufführung wurde gefeiert.

Nicht nur vom Düsseldorfer Publikum, sondern auch von der überregionalen Presse und vom gesamten Feuilleton. Gosch erfinde das Theater neu, hieß es. Lebensnaher, authentischer und humorvoller habe man die „Sommergäste“ noch auf keiner Bühne gesehen.

Und dann wurden wir auch noch zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Mein Magengeschwür legte in der Zeit mächtig zu. Jede einzelne Vorstellung habe ich gehaßt. So leidenschaftlich, daß ich nach den vier Stunden noch in die Kantine gehen und ein großes Pils trinken mußte, bevor ich wieder soweit heruntergefahren war, daß ich nicht Gefahr lief, auf der Straße den erstbesten Passanten anzupöbeln.

Gosch hatte sich vom „Käthchen von Heilbronn“ bis zu diesen Sommergästen objektiv betrachtet in jeder Hinsicht konsequent weiterentwickelt, sowohl was die Ausstattung, als was den Spielstil anging. „Sommergäste“ war die Krönung dieser Entwicklung und auch die seines bisherigen Erfolgs.

Und ich wollte nun nicht mehr dabei sein.

Erstmal aber durfte ich mich in dieser Spielzeit noch ein bißchen erholen. Zunächst bei einem Stück namens „Flimmern“, das unser Regieassistent Gustav Rueb in Kooperation mit der FreienBühne realisierte. Ein japanisches Stück über sieben Menschen, die sich in einer heißen Sommernacht begegnen, das Rueb mit MangaElementen anreicherte und zu einem anrührenden Kammerspiel machte.

Und dann sollte ich eigentlich noch bei Michael Simon, der zuvor einen gefeierten „Shockheaded Peter“ im Großen Haus hingelegt hatte, „Punch&Judy“ soufflieren, aber weil ich auch unbedingt beim nächsten Stück von Judith Herzberg dabei sein wollte, begleitete ich die skurrile Farce vom realen Leben des englischen Kasperle Punch mit der Musik der TigerLillies nur für ein paar Wochen und wechselte dann zu Peter Hailer und dem HerzbergEnsemble.

In Herzbergs „Vielleicht Reisen“, das Hailer und sein Dramaturg Volk für die Aufführung mit der Autorin zusammen übersetzt hatten, werden zwei parallele Handlungen ineinander verzahnt, eine komplizierte MutterTochterBeziehung und ein MännerRoadmovie.

Nach dem „Sommergäste“Trauma hatte ich meine Herzensschauspieler, „meinen“ Regisseur und ein liebevolles, kluges Kammerspiel wieder, in dem sich die Darsteller weniger wichtig nahmen als die Figuren, die sie zu spielen hatten.

Ich atmete auf.

Die nächsten Sommerferien verbrachte ich zum Teil wieder im Krankenhaus, wo mein immer noch störanfälliges Blutbild mit einem größeren Eingriff wieder ins Lot gebracht werden sollte.

Aber daß ich dadurch die gesamten Sommerferien krankgeschrieben war, sollte mir dann später noch von Nutzen sein.


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