vorsichtichboomenoch

Vorsicht, ich boome noch!

Was die Spielzeit 2004/05 betrifft habe ich zu Beginn eine echte Erinnerungslücke.

Habe ich die „Katze auf dem heißen Blechdach“ souffliert bei Burkhard Kosminski oder habe ich da nur mal ausgeholfen?

War ich bei Bauersimas „Schwarz&Weiß“ dabei? Es könnte sein, denn ich erinnere mich sehr genau an Dominique Horwitz, der darin die Hauptfigur spielte, aber es ist seltsam, daß ich mich nicht an die Lieder erinnere, die er darin sang.

Sicher weiß ich, daß ich die ersten Wochen von Michael Simons „Peer Gynt“ soufflierte, mit einer reinen Männerriege und auf einer bühnengroßen matratzenähnlichen Spielfläche. Warum genau dann geplant war, daß ich sie abgebe, weil der Kollege gerne Peer Gynt soufflieren wollte oder weil ich noch einmal bei Patrick Schlösser sein wollte, weiß ich auch nicht mehr.

Aber ich soufflierte dann Patricks Inszenierung von Julien Greens „Süden“. In dem Südstaatenstück, das am Vorabend des Bürgerkriegs spielt, geht es um verschmähte Liebe und verheimlichte Homosexualität, verdichtet auf einen einzigen Tag.

Danach muß ich wohl das Stück mit dem sperrigen Titel „Mythos, Propaganda und Katastrophe in Nazideutschland und dem heutigen Amerika“ bei Burkard Kosminski souffliert haben, jedenfalls erinnere ich mich dunkel an Peter Siegenthaler in der Hauptrolle und an Recherchen zum unheilvollen Wirken des amerikanischen Heimatschutzes, aber auch dieses Werk gehört leider zu denen, die weitgehend irgendwo im Dunkel meiner Erinnerung verschwunden sind.

Sehr genau erinnere ich mich dagegen an das Ende dieser Spielzeit, denn die Vorproben für Goschs „Macbeth“ standen an und natürlich hatte mich die Leitung für die Soufflage vorgesehen.

ABER…ich hatte ja noch sechs Wochen Urlaub nachzuholen, hatte ich doch die Sommerferien hauptsächlich im Krankenhaus verbracht. Um die armen Kollegen nicht allzusehr mit meinen vielen Vorstellungen zu belasten, schlug ich also großzügig vor, daß man mich einfach aus der Vorprobenphase heraushalten sollte, während ich aber meine anfallenden Vorstellungen trotz eigentlicher Freizeit soufflieren würde. Das Haus ging auf meinen Vorschlag ein. Und so hatte ich mich erfolgreich hinausgemogelt aus dem größten Erfolg, den das Düsseldorfer Theater jemals überregional erzielen sollte.

Nach den Sommergästen ahnte ich ziemlich genau voraus, was Gosch da jetzt mit einem reinen Männerensemble aus denselben spielwütigen Kerlen vorhatte, und das konnte nichts sein, was ich mir monatelang und in vielen, vielen Vorstellungen angucken wollte.

Gosch inszenierte denn auch eine Blut-,Schlamm-und Kunstkotschlacht mit nackten Männer, Männern im Faltenrock, Männern im Spielwahn, Männern außer Kontrolle.

Die Premiere geriet zum Skandal, größer noch als unser LEAR seinerzeit.

Aber eben auch zum Triumph.

Das Feuilleton jubelte. Die Einladung nach Berlin war nur Formsache. Das „Theaterereignis des Jahres“ ging auf Gastspielreisen durch die Republik und nach Paris und Bogota.

Und ich machte trotzdem drei Kreuze, daß ich mich aus diesem Spektakel herausgehalten hatte. Ich fand diese Art von Theater immer noch unerträglich selbstverliebt und eitel, egal was die Kritiker alles hinein-und herausgeheimnisten.

Die MACBETHPremiere fand aber erst in der nächsten Saison statt. Und die war schon wieder eine Abschiedsspielzeit. Badora ging als Intendantin nach Graz. Und ihr sollte Amelie Niermeyer folgen, die schon als Intendantin in Freiburg sehr erfolgreich gewesen war.

Es galt also wieder Abschied nehmen.

Und sich an Neue(s) zu gewöhnen.

Und ich war jetzt schon seit 30 Jahren am Düsseldorfer Schauspielhaus, davon 20 als Souffleuse.


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