2005/06…..schon meine zwanzigstes Jahr als Souffleuse. Es kam mir nicht so vor. Und die Intendanz Badora war dann unterm Strich auch schneller vorbei gegangen als gefühlt.
Daß es nun wieder eine Chefin werden sollte, sah ich mit sehr gemischten Gefühlen. Aber ihr eilten viele Vorschußlorbeeren voraus. Also erstmal schauen.
Und noch war ja eine letzte Spielzeit zu bewältigen.
Für mich begann sie mit „Café Umberto“ von Moritz Rinke und Kosminski. Sozusagen das MittelschichtsTopDogs. Hier hatten keine Spitzenmanager ihre Jobs verloren und ließen sich von gut bezahlten Coaches wieder aufpäppeln, hier waren Akademiker und Künstler arbeitslos geworden und trafen im amtsinternen Kaffeebüdchen des schweigsamen Umberto aufeinander. Als zeitgenössischer Kommentar zur Hartz4Reform durchaus relevant, aber auch nicht so substantiell, daß es die Zeiten überdauert hätte. Wir hatten jedenfalls viel Spaß. Und immer Kaffeeduft im Raum.
Ohnehin wurden wir dann vom wenige Tage später Premiere feiernden MACBETH aus Bewußtsein und Medien gefegt.
Die Düsseldorfer tobten und flohen bei der GoschPremiere…und kamen dann doch in Scharen, um sich den Skandal bloß nicht entgehen zu lassen. Da die überregionale Presse ohnehin Schnappatmung vor Begeisterung bekam, war das Haus in jeder Vorstellung rappelvoll. Und daß sich die neue Intendantin den Abend gleich in ihr Anfangsrepertoire packte, zeugte immerhin schon einmal von Cleverness.
Ich soufflierte noch einmal bei Thomas Bischoff, der sich Elfriede Jelineks „Macht nichts“ annahm. Jelinek, 2004 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, war die Lieblingsautorin unserer Chefdramaturgin. Ich persönlich tat mich eher schwer mit den monströsen Textflächen. Ich finde einfach, man muß sich immer durch sehr viele, nicht unbedingt zündende Wortkalauer kämpfen, bis dann der eine Satz kommt, den man wirklich gerne selber geschrieben hätte. Aber mich fragte ja wieder keiner. 😉
In „Macht nichts“ heißen die Figuren Erlkönigin, Schneewittchen, Jäger und Wanderer und der Text besteht im Wesentlichen aus drei Monologen. Gezeigt werden soll, wie Machtausübung Menschen letztlich zu Objekten degradiert. Bischoffs stark formaler, unterkühlter Regiestil war ideal für die Umsetzung der anspruchsvollen Textflächen, die nicht nur die Darsteller, sondern auch mich herausforderten. Bischoff schickte die Schauspieler in weißen Kostümen in ein schwarz ausgestattetes Kleines Haus und erlaubte ihnen keinerlei Psychologie. Obwohl alles andere als ein JelinekFan, mochte ich den Abend in seiner solchermaßen ausgestellten Sprachgewalt tatsächlich sehr, mußte aber immer ganz besonders auf der Hut sein und kam auch in den Vorstellungen öfter mal zum Einsatz.
Danach hatte ich es zum Abschluß noch mit einem Regisseur zu tun, den ich bis dahin nicht kannte, dem Österreicher Alexander Kubelka, der im großen Haus Büchners „Leonce und Lena“ inszenierte. Eigentlich hätte ich mich mit dieser Arbeit von Patrick Schlösser verabschieden sollen, aber der war erkrankt und Kubelka sprang ein. Immerhin konnte ich mich freuen, nochmal mit Lisa Hagmeister und Till Firit, die die Titelrollen spielten, zu arbeiten. Ich erinnere mich an wieder weiße Kostüme in einem quietschrosanen WattebauschBühnenbild, an fast kindlichen Spielspaß und wunderbare Büchnersätze.
Damit war die Ära Badora für mich vorbei.
Der Übergang zur neuen Chefin gestaltete sich wie schon erlebt….fast alle bisherigen Kollegen verließen das Haus, Niermeyer brachte ihre Truppe aus Freiburg mit.
Während ihr Hausregisseur Stephan Rottkamp im Großen Haus mit Shakespeares OTHELLO eröffnen würde, hatte ich es für die Eröffnung im Kleinen Haus mit dem Dramaturgen und Hausautor Thomas Jonigk und Regisseur Stefan Bachmann bei der Uraufführung von Jonigks „Hörst Du mein heimliches Rufen“ zu tun.
Doch erstmal war FußballWM in Deutschland. Sönke hatte erzählt, daß er die Nationalmannschaft filmend durch das Turnier begleitete. Und daß es ein Sommermärchen ohne Happyend werden würde, wußten wir da noch nicht, wir freuten uns einfach auf ein paar aufregende Wochen.
Ich hatte allerdings auch ohne Fußball aufregende Wochen, denn ich war seit Dezember 2005 verheiratet und im September 2006 sollte eine kirchliche Trauung in einem Kloster am Niederrhein folgen, da galt es vieles vorzubereiten. Nur einen Urlaubsschein vergaß ich einzureichen für das betreffende Wochenende und das sollte mir beinahe zum Verhängnis werden und trübte mein Verhältnis zur neuen Leitung gleich beim Einstieg,
Doch dazu morgen.