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Vorsicht, ich boome noch!

Das aus dem Urlaub mitgebrachte ItalienFeeling konnte ich 2007 gleich weiter mit ins Theater nehmen, denn dort wartete als Erstes in der Regie von Christian Doll „Der Tod in Venedig“ mit Düsseldorfs Urgestein Wolfgang Reinbacher in der Hauptrolle auf mich. Die Fassung gab dem durch Venedig irrlichternden und sich zunehmend in seiner Obsession verlierenden Schrifsteller Achenbach ein stummes, aber interagierendes Alter Ego zur Seite, das von Daniel Graf gespielt wurde. Reinbacher, damals schon über 70, hatte einen Berg von monologischem MannText zu bewältigen und es war gut, daß wir uns schon so lange kannten. Er sagte einmal zu mir, wenn ich da unten säße, hätte er nie Angst, seinen Text zu vergessen. Das nahm ich als dickes Kompliment, ist es doch der Idealfall dessen, was eine Souffleuse bewirken kann.

Danach durfte ich zum ersten Mal das Weihnachtsmärchen soufflieren, in diesem Fall eine Dramatisierung von Astrid Lindgrens „Mio, mein Mio“. Die Proben machten eine Menge Spaß und ich erinnere mich an viele Vorstellungen, die meisten davon ungewohnt früh am Morgen, in denen das kindervolle Haus außer Rand und Band geriet, aber auch auf einen Schlag mucksmäuschenstill werden konnte, wenn zum Beispiel ein leises Pfeifen gehört werden mußte. Es rührte mich jedes Mal, daß das Theater es schaffte, die Kinder so sehr in seinen Bann zu ziehen. Und noch mehr rührte mich natürlich, wenn immer mal wieder ein Kind in der ersten Reihe Zuflucht auf meinem Schoß suchte, weil doch alles viel zu aufregend wurde.

Dann ging es auch in dieser Spielzeit an die großen Stücke. Als erstes „Maria Stuart“ unter der Regie von Stefan Bachmann, mit Olivia Grigolli als Elisabeth und Bachmanns Frau Melanie Kretschmann als Maria. Das Bühnenbild baute eine quadratische Schräge in den Zuschauerraum, an deren Seite auch ich zu sitzen kam. Und als neuen GastKollegen lernte ich Sebastian Blomberg kennen, der mir eine Menge Arbeit machte, weil er , laut eigenem Bekunden, den Text nur auf der Probe lernen konnte. Ich mochte ihn aber trotzdem sehr. 😉 Auch die wunderbare Kostümbildnerin Esther Geremus lernte ich während dieser Produktion kennen und sollte ihr von da an immer wieder, bis zum Ende meines halben Jahrhunderts, erneut begegnen.

Und schließlich durfte ich endlich eine richtige Produktion mit Stephan Rottkamp machen, „Maria Magdalena“ von Hebbel. Anna Kubin spielte die Titelrolle, Matthias Leja, Beiers Romeo aus Urzeiten und zuletzt noch mein Thomas Buddenbrock, ihren Vater. Ich erinnere mich vor allem an einen Probenbesuch der Freunde des Düsseldorfer Schauspielhauses.

Amélie Niermeyer lag sehr viel daran, das Verhältnis zu den FreundenDesSchauspielhauses und überhaupt der Düsseldofer BildungsSchickeria zu pflegen und zu intensivieren…sie scheute dafür auch nicht vor abendlichen Banketts auf der Bühne zurück, bei denen die Gäste zwischen den Gängen von den armen Schaupielkollegen bespaßt wurden. Und sie lud die Theaterfreunde zu Probenbesuchen, auch wenn das bei den betroffenen Produktionen eher wenig Begeisterung auslöste.

Uns besuchten die Freunde in diesem Fall während einer Bühnenprobe und Rottkamp hatte zusammen mit den Schauspielern Kubin, Cuciuffo und Rupperti im Vorfeld eigens eine Szene erfunden, die er in der halben Stunde, in denen die Gäste zusehen würden, immer und immer neu zu wiederholen gedachte. Es ging im Wesentlichen um einen Auftritt zur Übergabe eines Blumenstraußes. Und das wurde jetzt auf diese und jene Weise, mit dieser und jener Regieanweisung, in diesem und jenem Tonfall bestimmt zwanzig Mal, jeweils um eine Winzigkeit anders, wiederholt. Wir selber hatten eine Menge Spaß dabei. Und die Gäste verließen die Probe nach einer halben Stunde mit den anerkennenden Worten, es sei ja doch offenbar sehr mühsam, bis eine Szene endlich wirklich so gelänge, daß alle zufrieden sein könnten. Ich hätte zu gerne gewußt, ob den Freunden in der Premiere auffiel, daß es diese Szene in der Aufführung dann gar nicht gab.

Die nächste Spielzeit sollte wieder mit Rottkamp beginnen. Und diesmal stand Kleist auf dem Plan.


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