Die Spielzeit 2009/10 begann nämlich mit Sebastian Baumgarten und Bulgakows „Sojas Wohnung“. Sebastian ist ein sehr sympathischer, kluger und ungemein belesener Regisseur, aber daß es in seinen Produktionen meistens mindestens einen, oft mehr Hospitanten gibt, die nur dafür da sind, die sich täglich ändernde Textfassung zu aktualisieren, läßt ahnen, wie anstrengend die Proben bei ihm sein können. Nicht nur, daß dauernd mit Text und Fremdtexten jongliert wird, auch die Spielweise ist eher improvisierend chaotisch und so hat man schon genug damit zu tun, überhaupt immer auf der Höhe der Vorgänge zu bleiben. Das spielfreudige Ensemble, u.a. mit der wunderbaren Maria Kwiatkowsky, tobte sich im sehr beweglichen Bühnenbild mächtig aus. Die ohnehin eher verwirrende Geschichte, in der in den 20erJahren in Russland in einer Wohnung tagsüber eine Näherei und nachts ein Bordell betrieben werden und verschiedenste skurrile Personen bis hin zu einem chinesischen Opiumhändler versuchen, persönlichen Gewinn aus den kriminellen Machenschaften zu ziehen, geriet dabei zwar ein bißchen unter die Räder, aber Publikum und vor allem Kritik hatten trotzdem ihren Spaß an dem bunten Treiben.
Danach soufflierte ich eine Koproduktion mit dem Jungen Schauspiel, bei der Rottkamps wunderbarer Assistent sein Regiedebut mit einer Dramatisierung von Goethes „Leiden des jungen Werther“ geben sollte. Er hatte sich ein frisches, modernes Konzept überlegt, bei dem auch eine Handkamera und Livevideos eine wesentliche Rolle spielten, doch sehr schnell war klar, daß die Kommunikation mit den drei jungen Schauspielern nicht wirklich gut funktionierte. Jeder Vorschlag wurde kritisch und ablehnend hinterfragt und nicht immer konnte der junge Mann verständlich machen, warum er etwas für zwingend und richtig hielt. Alle Beteiligten versuchten zu helfen und zu vermitteln, es gab lange nächtliche Gespräche und zahllose Probenkrisen, aber irgendwann war klar, daß der Regisseur seiner Aufgabe langsam auch gefühlsmäßig nicht mehr gewachsen war.
Eine dieser Gelegenheiten, bei denen ich meinem Schicksal mal wieder inständig dankte, daß es mich schon vor inzwischen Jahrzehnten und bereits im Ansatz ein für alle Mal von diesem Karriereweg gekickt hatte. Mir wäre es sicher nicht anders ergangen als dem armen Assistenten, der in dieser Funktion wirklich ausgesprochen gut und kompetent war und ganz sicher in einer günstigeren Konstellation auch eine überzeugende Inszenierung hätte abliefern können.
Diesmal griff nicht die Chefin ein, um den Abend doch noch zu einer Premiere zu bringen, sondern Rottkamp, was von diesem wirklich gut gemeint war, den jungen Regisseur aber nur doppelt schmerzte. Daß die Chefin auch noch darauf bestehen wollte, daß der junge Mann trotzdem seinen Namen unter die Inszenierung setzen und sich bei der Premiere als Regisseur verbeugen sollte, fanden dann allerdings alle anderen Beteiligten so daneben, daß wir unisono und erfolgreich protestierten. Der Abend wurde ja auch völlig anders, als er ursprünglich gedacht war, auch wenn Kamera und Videos weiter Verwendung fanden. Natürlich prägte Rottkamp ihn auch in der kurzen Zeit mit seinem Stil. Und insgesamt blieb das Vorhaben sicher unter den Möglichkeiten, die es im Normalfall gehabt hätte. Trotzdem wurde es ein intensiver, vor allem schauspielerisch wertvoller Abend, der in seinem radikalen Ansatz Beachtung und Zustimmung fand.
Insgesamt aber waren die Vorgänge rund um diese Arbeit für alle doch eher belastend und ungut und es blieb einfach ein fader Geschmack zurück.
Den Rest der Spielzeit verbrachte ich dann gleich bei Rottkamp, der mich eigentlich für eine seiner nächsten Inszenierungen als auch offizielle Dramaturgin einsetzen wollte, doch da schob die Chefin mal gleich energisch einen Riegel davor. Wo kam man denn hin, wenn die untersten Ränge sich plötzlich in die Leitungsteams mogeln wollten! Als nächstes käme dann wahrscheinlich eine Putzfrau daher und bestünde darauf, eine Hauptrolle zu spielen! Nein, das konnte Niermeyer nun wirklich nicht erlauben. Ich trug es mit Fassung, durfte ich doch bei Rottkamp ohnehin immer inhaltlich mitarbeiten. Und was Status, Karriere und finanziellen Mehrwert anging, war ich darauf einfach nicht so fokussiert wie meine Chefin selber.
Rottkamps nächstes Projekt war „Endstation Sehnsucht“ im Kleinen Haus und die besondere Herausforderung bei dieser Inszenierung sollte sein, daß es durchgehend auf der Bühne regnete. Das war einerseits für die Bühnentechnik eine gar nicht so einfach zu lösende Aufgabe, mußte doch nicht nur für die Dauerberieselung eine praktikable Lösung gefunden, sondern auch noch verhindert werden, daß es nachhaltige Schäden an Bühne und technischen Einrichtungen gab. Und für die Schauspieler war es eine vielleicht noch größere Herausforderung, mit dauernder Nässe und Kälte umzugehen. Wie es aussehen würde, konnte ich mir jedenfalls schon ziemlich gut vorstellen, denn vor Jahren hatte einmal die Sprinkleranlage im Kleinen Haus über der Bühne ausgelöst und das war, aus dem trockenen Zuschauerraum betrachtet, ein ziemlich spektakulärer Anblick gewesen. War der Bühnentechnik aber natürlich gar nicht gut bekommen. Tanja Schleiff wurde als Gast für die Rolle der Stella engagiert, Janina Sachau spielte Blanche, Wolfgang Rupperti übernahm den Part des Stanley. Die Kostümbildnerin experimentierte mit allen möglichen Unterkleidungsstücken und Materialien, um die Schauspieler unter den Kostümen einigermaßen warm und trocken zu halten, in den Garderoben wurden extra Wärmestrahler installiert, damit sich die Darsteller dort zwischendurch aufwärmen konnten. Das nassschwüle New Orleans jedenfalls kam so sehr überzeugend über die Bühne und in die Begeisterung der Zuschauer über die Inszenierung mischte sich bestimmt auch jede Menge Respekt vor der körperlichen Leistung der Darsteller.
Bei dieser Produktion fand das Bergfest übrigens bei mir zuhause statt. Es gab Südstaatenküche. Und irgendwann in den frühen Morgenstunden einen chinesischen Schnaps, den mir mein Schwiegersohn aus Peking mitgebracht hatte. Der killte dann selbst den feierfesten Rottkamp nachhaltig.
Zum Abschluß dieser Spielzeit stand noch eine Uraufführung von Juli Zeh an, wieder mit Rottkamp, „Good Morning, Boys and Girls“. Das Stück begleitet einen 16jährigen bei der Vorbereitung eines Amoklaufs an seiner Schule und überrascht am Ende mit einem unerwarteten Twist. Schweer hatte für den Abend das Kleine Haus mit unzähligen Kartons vollgestellt, die im Verlauf des Stücks alles enthielten oder selber darstellten, was für den Fortgang an Requisiten oder Räumlichkeiten gebraucht wurde. Juli Zeh besuchte uns auch auf einer Probe und ließ sich vom Ensemble ausführlich zu Stückidee und -absicht befragen.
Das war meine letzte Inszenierung in dieser Spielzeit. Ich ging allerdings noch in die Vorproben für „Die Jüdin von Toledo“ mit Raffael Sanchez. Und just als ich zur ersten Probe im Central auflief, an dem Tag, an dem es endlich auch offiziell eingeweiht werden sollte, hatte ich das zweite nasse Erlebnis dieser Saison: Eine Bühnenbildassistentin hatte aus Versehen, statt die Rauchklappen zu öffnen, die Sprenkleranlage ausgelöst und Tausende Liter regneten malerisch auf den Probebühnen im zweiten Stock von der Decke. Das Wasser lief natürlich durch das ganze Gebäude und erreichte auch das im Erdgeschoß untergebrachte Stadtarchiv, das ebenfalls an diesem Tag Einweihung zu feiern gedachte. Stattdessen konnten sie sich als Erstes auf die Suche nach Spezialisten machen, die die durchnässten Dokumente und Akten noch zu retten wußten. Es war ein spektakulärer Fehlstart für unser luxuriöses Probenquartier, das in der nächsten Saison auch als Ausweichspielort herhalten sollte.
Die nächste Spielzeit würde jedenfalls auch mal wieder vom Abschiednehmen geprägt sein.
Und vom Kennenlernen des schwedischen Regisseurs, für den sich die Findungskommission als neuen Intendanten entschieden hatte: Staffan Holm.
Doch für mich lag davor noch ein aufregender Sommer, denn meine Tochter, die seit einiger Zeit in Peking lebte, hatte ein Kind bekommen, und so flogen wir in den Ferien nach China, um unseren ersten Enkel kennenzulernen. Die Reise wäre fast noch schief gegangen, weil wir die Flüge online in einem Reisebüro buchten, dessen Besitzer seit einiger Zeit die Zahlungen unbemerkt beiseite schaffte und gar keine Tickets mehr dafür kaufte. Gottseidank fiel das unserer UrlaubsKatzenbetreuerin, die selber bei der Lufthansa arbeitete, noch rechtzeitig auf und es gelang ihr, unter Zuhilfenahme ihrer Beziehungen, kurzfristig neue Flüge für uns zu ergattern. Wie wir hinterher erfuhren, hatten die kriminellen Machenschaften des Reisebürobetreibers viele tragische Geschichten und vor allem auch große finanzielle Verluste bei den betrogenen Kunden verursacht. Uns war aber auch diesbezüglich das Glück hold und wir erhielten den Kaufpreis über die Kredikartenbank zurück.
Schwein gehabt!