vorsichtichboomenoch

Vorsicht, ich boome noch!

Ich hatte eine nervtötende Inszenierung mit einem unangenehmen Regisseur hinter mir, mein Chef hatte hingeschmissen, das Theater war in einer desolaten Situation, aber die Spielzeit noch nicht einmal halb vorbei.

Und das Ensemble tat, was es tun konnte, es arbeitete weiter.

Ich bekam es wieder mit einem osteuropäischen Team zu tun, aber diesmal war alles ganz anders. Der junge polnische Regisseur Michal Borczuch, der „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ nach einem Buch der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch inszenierte, erwies sich schnell als angenehmer und kluger Kollege, der weder sein Team. noch die anderen Mitarbeiter als seinen Hofstaat betrachtete und statt Terror eine konstruktive Atmosphäre verbreitete. Das reine Frauenensemble, aus langjährigen und neuen Schauspielerinnen zusammengesetzt, arbeitete sich engagiert am dunklen Thema ab. Aber die Kritik dankte es ihnen erwartungsgemäß nicht.

Wir hätten zu diesem Zeitpunkt spielen können, was immer wir wollten, die Kritik hätte uns verrissen und das Publikum wäre ausgeblieben.

Es gab sogar einen Kritiker, der lokal und leider auch überregional unterwegs war, der in seinen Artikeln nur in einem Anfangssatz erwähnte, daß es eine Premiere bei uns gegeben hatte und wie sie hieß, dann aber nicht etwa eine fundierte Kritik folgen ließ, sondern sich einmal mehr nur über die Krise des Hauses ausmehrte und dabei ungeprüft alles an echten und frei erlogenen Internas wiedergab, die ihm offenbar aus dem Ensemble zugespielt wurden.

Ich hatte keinen Zweifel, wer von uns hinter diesem Spielchen steckte. Hier hatten sich zwei zusammengetan, die ein persönlicher Groll gegen unseren Interimsintendanten und die gierige Hoffnung auf einen Posten bei dem, der ihm folgen würde, aufs Innigste verband. Und beiden war sichtlich jedes Mittel recht, ihr Ziel zu erreichen, egal, wie sehr sie das Düsseldorfer Schauspielhaus auf dem Weg dorthin auch nachhaltig schädigen würden.

Und ausgerechnet in dieser schwierigen Zeit landete Staffan Holm doch noch den Erfolg, mit dem er das Herz des Düsseldorfer Publikums zu jedem anderen Zeitpunkt für immer gewonnen hätte.

„Peer Gynt“ stand auf dem Programm, der „Faust des Nordens“, dieses große überbordende Stück stellte Holm nun mit einem überwältigenden Hauptdarsteller auf die Große Bühne: Olaf Johannessen von den FaröerInseln, der extra für diese Inszenierung Deutsch gelernt hatte und es zuguterletzt so gut sprach und verstand, als wäre es von jeher seine zweite Sprache gewesen. Johannessen ist ein ungemein sympatischer und umgänglicher Mensch und ein herausragender Schauspieler noch dazu. Schon er allein eroberte das Düsseldorfer Publikum buchstäblich im Handumdrehen. Holm ließ die stationenreiche, oft verwirrende Lebensreise in einem modernen Museumsraum spielen mit hohen verschiebbaren Wänden, an denen riesige SchwarzweißFotografien hingen. Und dazu gab es die wunderbare Griegsche Musik, zuweilen auch entfremdend verzerrt oder vertanzt. Es waren mitreißende, anrührende 3 1/2 Stunden Theater voller Kraft und Phantasie, Gefühl und Verstand, die in einer hinreißend choreografierten Schlußszene zwischen Anna Kubins Solveig und Johannessen endeten.

Und nicht nur das Düsseldorfer Publikum, selbst die Kritik konnte diesmal nicht widerstehen.

Holm hatte gezeigt, was er den Düsseldorfern hätte bieten können an international relevantem Theater.

Leider zu spät.


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