Die Spielzeit begann also mit Gosch und dem Prinzen von Homburg. Viele Männer in schwarzen Anzugshosen und weißen Hemden mit historischen Säbeln am Gürtel bewegten sich lautstark durch einen düsteren Alptraum. Die Bühne war so dunkel, daß Horst Mendroch, der Kottwitz spielte, bei einer Probe über die Bühnenkante trat und in den Zuschauerraum fiel. Gottseidank passierte nichts weiter. Horst Mendroch war es auch, wegen dem der mittlere Meter vorderer Bühnenraum während dieser Produktion den Namen „Mendrochkante“ erhielt, nicht weil er darüber gefallen war, sondern weil er sie gerne für längere Texte aufsuchte. 😉 Mendroch habe ich übrigens vor allem deshalb in Erinnerung, weil er selbst in einem Kleist-oder Schillertext, wo das Improvisieren wegen Rhythmus und Spracheigenheiten immer schwer fällt, einfach weitermachte, wenn ihm ein Begriff fehlte, und dabei stets irgendein Wort mit der selben Silbenzahl und dem gleichen Anfangsbuchstaben einsetzte. So fiel der Schnitzer allenfalls mir und den Kollegen auf, meistens nicht einmal denen. Wenn ich ihm aber doch einmal soufflieren mußte, dann konnte er auch bei der 100. Probe der Stelle oder nach der 30. Vorstellung überrascht zurückfragen „Ist das mein Text?!“ oder im Brustton der Überzeugung behaupten, das habe er doch noch nie gesagt.
Im Großen Haus folgte darauf, leider ohne meine Mitwirkung, einer der größten Publikumserfolge des Düsseldorfer Schauspielhauses, die Revue „Mütter“ in der Regie von Franz Wittenbrink. Der musikalische Abend, der auf einem Spielplatz spielte und alle Stereotypen von Müttern und Kindern in diesem besonderen Biotop zu bieten hatte, wurde weit über 100 mal vor ausverkauftem Haus gespielt und war ein grandioser Spaß. Die 100. war eine ganz besondere Vorstellung mit großartigen Zusatzbeiträgen von Kollegen, nicht nur aus dem Schauspiel, sondern auch aus den Gewerken, und im Publikum saßen dabei bestimmt 90% Wiederholungstäter, die jede Pointe schon feierten, wenn sie sich nur ankündigte. Zum Ende der Ära Badora sollte dieser Publikumsrenner dann auch den krönenden Abschlußabend geben.
Ich hatte es derweil mit Peter Wittenberg und Schimmelpfennigs „Vorher/Nachher“ zu tun, einer Ansammlung vieler kleiner Monologe, Schlaglichter aus den Leben verschiedenster Menschen, die es alle aus den unterschiedlichsten Gründen in das gleiche Hotel verschlägt.
Danach ging es für mich wieder ins Große Haus und zur Dramatisierung eines meiner Lieblingsbücher von Paul Auster „Stadt aus Glas“. Michael Simon zauberte daraus ein bildgewaltiges Verwirrspiel in einem Bühnenlabyrinth, das auch technisch alles zeigte, was es konnte.
Die Inszenierung im Kleinen Haus, die dann noch anstand, hatte ich fast komplett vergessen. Sie hieß „Innerhalb des Gefrierpunkts“, eine Koproduktion mit Graz, das in diesem Jahr Kulturhauptstadt war. Das Stück von Anselm Glück ist höchst bizarr und skurril, die Inszenierung von Philipp Tiedemann, die die Schauspieler in weißen Overalls durch eine Art rosafarbenen Darm schickte, war es ebenso. Immerhin durfte ich auf diese Art und Weise nach Graz reisen und Soufflage und Textbuch der österreichischen Kollegin persönlich übergeben, die die dortigen Aufführungen übernahm.
Am Ende der Saison standen noch Vorproben für ein Projekt der nächsten Spielzeit an: Schleefs Monolg „Gertrud“ mit Anke Hartwig in der Titelrolle und unter der Regie von Thomas Bischoff.
Seit 2001 war Rita Thiele Chefdramaturgin am Düsseldorfer Schauspielhaus und brachte unter Anderem auch neue Autoren wie Jellinek und Schleef ins Programm. So auch diesen monumentalen Text.
„Gertrud“ ist ein gewaltiger Monolg, den Schleef über seine Mutter und ihr Leben in Sachsen-Anhalt im fast gesamten 20. Jahrhundert geschrieben hat. Bischoff ließ die Chöre weg und verteilte den eigentlich monologischen Text auf zwei Schauspielerinnen, eine ältere, Anke Hartwig, und eine junge, Catherine Jahnke. Während der Vorarbeiten beschloß das Stückensemble zur besseren Einfühlung einen Betriebsausflug zu Gertruds Wohnort Sangerhausen zu machen.
Ich sollte eigentlich mitfahren, aber mir ging es zu diesem Zeitpunkt schon seit längerem gesundheitlich schlecht. Seit einiger Zeit mußte ich auf meinem Treppenweg in den fünften Stock mindestens einmal Halt machen und fühlte mich auch sonst eher schwach und angekränkelt. Ich schlug das Angebot zur Mitfahrt wenige Tage vor den Theaterferien also aus, weil ich tatsächlich Angst hatte, fern der Heimat ins Krankenhaus zu müssen oder einfach umzufallen. Stattdessen ging ich in Düsseldorf doch endlich zum Arzt und landete tatsächlich umgehend zur Notoperation in der Klinik. Was die Ärzte aber vielmehr als meine Unterleibsgeschichte faszinierte und interessierte, war, wie ein Mensch mit so wenig Blut im Körper noch herumlaufen und überhaupt bei Bewußtsein sein konnte. Die Ärztin meinte, zwei Tage später sei ich vermutlich sozusagen verblutet, ohne daß es irgendjemand mitbekommen hätte. Meine Sorge, ich könnte in Schleefland das Zeitliche segnen, war also gar nicht mal so unbegründet. Die OP selber war schnell überstanden, aber die Ferien im heißesten Sommer der Geschichte verbrachte ich nun hauptsächlich bei Ärzten, die versuchten, meinen Vorrat an Eisen und roten Blutkörperchen wieder aufzupeppen.
Bevor wir dann die Arbeit an „Gertrud“ fortsetzten, durfte ich zu Beginn der nächsten Saison endlich auch mit Patrick Schlösser arbeiten, den ich schon als wunderbaren Regieassistenten kennengelernt hatte und der seit einigen Jahren zu den begabtesten jungen Regisseuren des Hauses zählte. Doch dazu nächstes Mal.