Zu den letzten Malen in dieser Spielzeit gehörte auch ein letztes Gastspiel im Mai und zwar mit „Richard III“ nach Hamburg. Am ersten Abend gingen wir gemeinsam im Schanzenviertel essen, André ,Finn, die jüngste Schauspielerin des Abends, Blanka Winkler, die älteste, Manuela Alphons und ich. Wie dieser Abend war das ganze Gastspiel, entspannt und erfolgreich. Es war eine sehr schöne Art, auch diesen König abzufeiern.
Und irgendwann brach sie dann an, meine letzte Woche.
Die Vorproben sollten noch eine Woche in die Sommerferien hinein weitergehen, doch zuguterletzt hatte ich mich dann entschlossen, nur zwei von den drei Wochen zu absolvieren. Ich wollte am letzten GalaAbend zusammen mit all den Menschen, mit denen ich in den letzten zehn Jahren gearbeitet, gelebt, gelitten, gezittert, gejubelt, gefeiert hatte die Tür hinter mir zumachen und sagen:“Das war’s!“ und nicht noch ein paar Tage nachsitzen müssen. Begeistert war man in der Leitung davon nicht, aber dann erklärte sich meine Nachfolgerin, die das Stück auch ab nächster Spielzeit betreuen würde, bereit, diese letzte Woche zu übernehmen, und so hatten am Ende irgendwie alle gewonnen.
Meine allerletzte Vorstellung war die 71. ausverkaufte CABARET. Und ich war sicher, daß diese Vorstellung für niemanden sonst eine besondere Bedeutung haben würde als für mich. Das Düsseldorfer Haus windet seinen Mitarbeitern eher keine Kränze. Und so ging ich davon aus, daß ich einen schönen letzten Theaterabend als Souffleuse verbringen würde und das war’s. Aber ich lud immerhin meine Tochter und die meiner besten Freundin ein, mit dabei zu sein. Und mit der Kantine verabredete ich, daß die Getränke nach der Vorstellung auf meine Rechnung gehen.
Dann nahm ich, wie schon 70 mal zuvor, zum Soundcheck Platz und feierte drei Stunden lang innerlich eine meiner geliebten Top3Inszenierungen ab.
Belendjwa Peter, der den Cliff Bradshaw spielt, hing in seinem allerletzten Text. Das war tatsächlich schon zweimal vorgekommen, doch diesmal sollte es wohl ein kleines Abschiedsgeschenk an mich sein. Ich gab also zum letzten Mal einen Satz hinauf auf die Bühne. Und dann war die Vorstellung zuende. Und mein Souffleusenleben beinahe auch.
Ich rechnete tatsächlich mit gar nichts. Doch dann winkte André die Standing Ovations ab und bat die Zuschauer, wieder Platz zu nehmen. Ich warf Lou Strenger einen fragenden Blick zu, doch die zuckte nur entschuldigend mit den Achseln. Und dann verkündete André, daß es ein besonderer Abend sei, weil ich nach 50 Jahren, davon 41 als Souffleuse, gerade meine letzte Vorstellung souffliert habe, und bat mich auf die Bühne. Er wußte, daß ich da nicht hinwollte, aber er wußte auch, daß ich ihn nicht vor 800 Leuten hängen lassen würde. Also machte ich mich auf den Weg und dachte noch unterwegs, wie ich denn da bloß raufkommen solle, aber man hatte vorsorglich die Probentreppe seitlich an die Rampe geschoben, Jaroslav holte mich dort ab und geleitete mich feierlich in die Mitte der Bühne, wo mich André, der sich wirklich ganz kindlich freute über diesen Überraschungscoup, in Empfang und die Arme nahm. Das Publikum klatschte die ganze Zeit und erhob sich wieder. Die Schauspielkollegen kamen zu mir und überreichten mir Geschenke, einen wunderbaren Blumenstrauß aus 50 Rosen, eine Flasche Champagner und ein ganz tolles gerahmtes Bild, auf dem Schauspielhaus und Vorplatz aus aberhunderten winziger Porträtfotos der letzten zehn Jahreshefte zusammengesetzt sind. Eine Idee von, wie kann es auch anders sein, Jonas Friedrich Leonhardi. Ich wußte gar nicht so recht, wie mir geschah. Die Tochter meiner Freundin filmte aus der letzten Reihe mit dem Handy. Meine Tochter machte Fotos und erzählte jedem um sich herum, daß ich ihre Mutter sei. Und ich beschimpfte die Kollegen als hinterhältig, während sie mich öffentlich umarmten, aber Thomas Wittmann meinte, anders als so sei es einfach nicht gegangen.
Hätte man mich vorher gefragt, ob ich so verabschiedet werden wolle, ich hätte ganz sicher gesagt, auf gar keinen Fall. Aber ich gebe zu, es war ein wunderschöner, liebevoller, feierlicher Augenblick, den ich zusammen mit dem herzlichen Applaus aus dem Zuschauerraum dann doch sehr genossen habe.
Am nächsten Tag war meine letzte Probe. Ich brachte Gebäck für alle mit, für einen gepflegten Schampus schien mir eine Vormittagsprobe nicht wirklich geeignet. Und ich brachte außerdem auch meine wundervolle Nachfolgerin mit, die so schon alle Beteiligten an „Bernharda Albas Haus“ in der Regie von Lucia Bihler kennenlernte und sich in aller Ruhe eine Probe anschauen konnte. Am Ende überreichte ich ihr meine Klemmmappe mit der Textfassung, wünschte allen einen wunderbaren Sommer und dann viel Erfolg und spazierte ein letztes Mal aus der Probebühne hinaus.
Die von André inszenierte Schlußgala, in der fast alle Schauspielkollegen der letzten zehn Jahre mit vielen der Lieder, die in den 10 Spielzeiten in verschiedensten Vorstellungen gesungen worden waren, auftraten, hatte am Vortag schon die erste von drei Aufführungen erlebt. Und Claudia Hübbecker erzählte, der rote Vorhang habe sich zu Beginn geöffnet, alle Mitwirkenden waren zu einem Gruppenbild auf der Bühne arrangiert, und bevor noch irgendetwas Anderes passierte, erhob sich das gesamte Publikum und applaudierte mehrere Minuten lang. Und bei den Kollegen auf der Bühne flossen die ersten Tränen.
Von da an fürchtete ich mich ein bißchen vor dem letzten Abend und sagte meiner Tochter, die mich auch dorthin begleiten würde, sie müsse auf jeden Falls viele Taschentücher mitbringen. Sie erschien dann auch, zuverlässig wie sie ist, tatsächlich mit einem XXLSpender Kosmetiktücher.
André hatte einen sensationellen Abend inszeniert. Alle Beteiligten sahen einfach nur wunderschön aus in ihren verschiedensten festlichen Kostümen. Als Bühnenbild diente die Drehbühne von CABARET, angereichert mit markanten Dekoteilen aus anderen Szenenbildern wie dem märchenhaften Sternenhimmel aus ORLANDO oder einem Prospekt aus dem TEUFEL. Selten mußte ein Kollege allein auf die Bühne kommen oder seinen Auftritt ohne Begleitung absolvieren, meistens saß noch oder schon ein anderer mit im Bühnenraum, es sei denn, der Vortrag erforderte ein wirkliches Solo.
Ich war lange sehr tapfer. Aber dann betraten Florian Lange und Sebastian Tessenow die Bühne. Die beiden hatten sich erst in Düsseldorf kennengelernt und waren hier gute Freunde geworden. Und ich hatte mit beiden oft und gerne gearbeitet. Florian trug den Prolog aus seinem Erfolgsstück „Arbeit und Struktur“ vor. Aber als in diesem vom besten Freund die Rede war, wandte er sich privat an Sebastian, den ganz realen besten Freund, mit dem er einmal in den Theaterferien mit einem klapprigen Panda an einer Rallye in die Mongolei teilgenommen hatte, der ihm erzählt hatte, er habe geträumt, daß er seine Freundin heiraten würde, was er dann auch tat, und von dessen Tochter Florian inzwischen der Patenonkel war. Da war es um mich geschehen und meine Tochter reichte mir die Taschentücher an. Doch auch Sebastian war schwer gerührt und bewältigte den Song, den er danach zu singen hatte, nur knapp. Bei einem zweiten Lied ein wenig später ging dann allerdings nichts mehr und während das Publikum mit ihm zusammen flennte, mußte das Orchester alleine zuende spielen.
Es war ein traumschöner Abend mit unzählig vielen Highlights. André mit seinem ArielleSong, Christian Friedel und Rosa Enskat mit einem Potpourri aus den Wilsonstücken, Clemens Sienknecht mit einer grandiosen Zugabennummer, bei der jede Menge Welthits plötzlich „Wilfried Schulz“ in der Refrainzeile enthielten.
Das Publikum klatschte sich von einem Höhepunkt zum nächsten und immer spürte man, wie unendlich schwer ihm der Abschied fiel. Schulz hatte sein Ziel erreicht: Das Haus wieder voll zu machen, das Theater wieder ins Zentrum der Stadt zu rücken, vor allem aber das Publikum rettungslos verliebt in sein Ensemble zu machen.
Die Feier danach im Foyer und rund ums Haus war entsprechend ausgelassen und wehmütig, trunken und traurig und ging dem Vernehmen nach bis in die frühen Morgenstunden und zum Sonnenaufgang über dem Dreischeibenhaus.
Ich war schon früher gegangen.
Ich bin nicht wirklich gut in Abschieden.
Und ich nahm auch so ein sehr, sehr volles Herz mit nachhause.