Spielzeit 2016/17.
Neuer Intendant Wilfried Schulz.
Kein Theater, nur ein Notquartier.
Und da dachte sich der neue Chef wohl, wenn er eh mit einem Provisorium leben muß, dann baut er noch eins dazu, und stellte ein Zirkuszelt auf, mitten in der Stadt, direkt an der Kö und vor die Altstadt. Während der Proben schauten ab und zu Passanten herein, die eigentlich gerade auf Shoppingtour waren. Und abends während der Vorstellung heulten draußen die Motoren der Autoposer.
Aber schöner hätte der Chef zum Einstieg nicht bebildern können, daß er mit dem Schauspielhaus wieder in der Mitte der Stadtgesellschaft landen wollte.
Die erste Inszenierung seiner Intendanz war dann auch „Gilgamesh“ in der Regie von Roger Vontobel in genau diesem Theaterzelt. Die älteste Geschichte der Welt. Mit neuen Schauspielern wie Christian Erdmann, André Kaczmarczyk und Florian Lange, aber auch einer Heimkehrerin wie Michaela Steiger, seinerzeit meine Cressida. Wenn sich am Ende des Stücks die Zeltplane hob und der Hauptdarsteller in die Stadt aufbrach, dann hatte die neue Intendanz ihr erstes unvergeßliches Bild gefunden.
Ich soufflierte die zweite Produktion im Theaterzelt, „In 80 Tagen um die Welt“ in der Regie von Peter Jordan und Leonhard Koppelmann. Und selten habe ich schon bei den Proben soviel gelacht wie bei diesem Stück. Auch hier gab es Heimkehrer wie Thiemo Schwarz, aber eben auch die Neuen wie Judith Bohle, Torben Kessler oder Jonas Friedrich Leonhardi. Das Stück wurde ein rauschender GuteLauneErfolg, wir spielten ihn zweimal an Silvester, auf Gastspiel beim TheaterDer Welt in Hamburg, nachdem das Zelt abgebaut war weiter im Central und so lange, daß viele Rollen eine Zweitbesetzung bekommen mußten. Jeden Abend machte das Ganze einen Riesenspaß. Und wer es gesehen hat, der weiß jetzt auch, daß Gott in Wirklichkeit eine Souffleuse ist, in deren großem Buch alles steht, was passieren soll und wird.
Die Intendanz begann mit vielen ambitionierten Premieren, von „Romeo und Julia“ über „Puntila und sein Knecht Matti“ bis zu „Käthchen von Heilbronn“, insgesamt 38.
Leider hatten wir von der Soufflage einen direkten Vorgesetzten, der sich für uns und unsere Arbeit absolut nicht interessierte. Entsprechend absurd fielen dann auch seine uns betreffenden Entscheidungen aus. Zum ersten Mal in all den Jahren schalteten wir vier den Betriebsrat ein und es gab ein Krisengespräch mit dem Intendanten. Doch der versicherte uns, das Problem hätten nicht nur wir, es sei erkannt und werde zeitnah behoben. Und so war es dann auch.
Stückmäßig hatte ich jedenfalls eine glückliche erste Spielzeit, denn als zweite Produktion bekam ich Simon Stephens „Heisenberg“ als Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater in die Hand. Ein Zweipersonenstück, das mir Zusammenarbeit und Bekanntschaft mit Caroline Peters und Burghart Klaußner bescherte. Letzterer sollte mir dann auch die ganze Intendanz über erhalten bleiben. Und Caroline Peters geriet durch dieses Gastspiel in den verstärkten Fokus von Sönke Wortmann, der sie für seinen nächsten Film engagierte. Und den nächsten. Und den nächsten. Mit Wortmann wiederum bekam ich es dann auch in meinem nächsten Stück zu tun, nach so vielen Jahren wieder.
„Heisenberg“ wurde ein umjubelter Erfolg, mit dem wir wunderbare Gastspiele in Südtirol und Wien erleben durften. Auch der zur Premiere angereiste Autor zeigte sich begeistert. Und Klaußner machte später sogar einen Kinofilm aus dem Abend.
Das Central mit Publikum zu füllen war so jedenfalls kein Problem.
Auch wenn uns von Seiten der Stadtoberen plötzlich massiv Knüppel zwischen die Beine geworfen wurden.
Der damals noch der SPD zugehörige Oberbürgermeister Thomas Geisel hatte angesichts der zu erwartenden Sanierungskosten den ketzerischen Gedanken ins Spiel gebracht, das Haus an einen privaten Investor zu verhökern, der daraus ja dann wahlweise ein Kongresszentrum oder auch ein Musicaltheater machen könne. Das Schauspiel würde man derweil, wenn überhaupt noch, halt irgendwo auf der grünen Wiese etablieren. Mit dem empörten Gegenwind, der ihm daraufhin aus der Stadt entgegenschlug, hatte Geisel offenbar nicht gerechnet. Er ruderte zurück und behauptete, sein Gedankenspiel sei ohnehin nur taktischer Natur gewesen. Tatsächlich aber positionierte sich nicht nur der Intendant sehr deutlich zu dem Vorschlag, sondern neben vielen politischen Akteuren, die ein solches Vorhaben rundheraus ablehnten, gesellten sich nun auch theateraffine Bürger mit dem entsprechenden finanziellen Hintergrund zu den Verteidigern und zeigten sich bereit, persönlich in die Wiederherstellung des Theaters am GustafGründgensPlatz zu investieren. Und auch viele Düsseldorfer, die sich in den vergangenen Jahren vom Theater abgewandt hatten, entdeckten neuerlich ihr Herz für das Schauspielhaus und schlossen sich dem JetztErstRecht spontan an. Unterm Strich trug der Oberbürgermeister mit seinem teuflischen Vorstoß also tatsächlich dazu bei, Schulz‘ Plan, die Düsseldorfer wieder zu ihrem Theater zu bekehren, nur zu befördern.
Während wir an „Heisenberg“ arbeiteten, probte nebenan Simon Solberg am „Käthchen von Heilbronn“. Ich bekam nur mit, daß offenbar viel Wasser im Spiel war, denn die Gänge lagen voller riesiger flexibler Rohre und die Technik stöhnte. Auch meine Soufflierkollegin litt. Und ich setzte das Stück schon im Vorfeld auf meine Streichliste. Doch wie das Schicksal manchmal so spielt, mußte ich die Vorstellung eines Abends übernehmen. André Kaczmarczyk, der mich schon im von Dresden mitgebrachten „Der Idiot“ schwer begeistert hatte, spielte den Wetter vom Strahl, Lieke Hoppe das Käthchen, Minna Wündrich Kunigunde und Leonhardi den Knappen Gottschalk…und nach fünf Minuten hatte mich die eigenwillige Inszenierung vollkommen in ihren Bann gezogen. Sie gehört zu den schönsten und berührendsten Inszenierungen, die ich in der Intendanz Schulz sehen durfte. Manchmal hat die Erkrankung eines Kollegen eben doch auch ihr Gutes.
Überhaupt….André Kaczmarczyk. Schon bei Gilgamesh war mir klar: 20 Jahre früher und ich wäre wieder ansatzlos ebenso unsterblich wie unglücklich verliebt gewesen. In einen Schauspieler, der ebenso gut spielte, wie er aussah. Bis dahin kannte ich ihn ja nur von der Bühne, doch das hätte schon gereicht. In den folgenden Jahren sollte sich erweisen, daß das nicht nur mir so ging, sondern dem Düsseldorfer Publikum auch. Ein harter Kern von Verehrerinnen ließ es sich im weiteren Verlauf der Intendanz sogar nicht nehmen, jede, wirklich jede einzelne Aufführung zu besuchen, in der er auftrat. Letzteres war mir dann zwar doch ein bißchen unheimlich, aber irgendwie konnte ich es auch verstehen. Verliebt habe ich mich dann also nicht, aus dem Alter und der Lebenssituation war ich einfach schon heraus, aber sehr lieb gewonnen habe ich André trotzdem noch, als Schauspieler, als Kollegen, als Regisseur. Er prägte für mich die zweite Hälfte dieser Intendanz ganz entscheidend und bescherte mir weitere Lieblingsproduktionen. Und einen fulminanten Abgang. Aber greifen wir mal nicht vor.
Zunächst kam nach „Heisenberg“ also Sönke Wortmann mit dem Stück „Willkommen“ vom Autorenpaar Hübner/Nemitz. In einer Wohngemeinschaft wird ein Zimmer frei und als ein türkischstämmiger Mann sich darum bewirbt, werden rassistische Vorurteile und Vorbehalte offenbar. Wie immer bei Sönke waren die Proben sehr entspannt und gut gelaunt. Und es wurde in den Pausen soviel Tischtennis gespielt, daß eine Tischtennisplatte schließlich auch fürs Stückende eine Rolle spielte, während des Einlasses Spieler von Borussia Düsseldorf ein paar beeindruckende Bälle schlugen und Sönke zur Premiere dem Theater eine Platte für den Aufenthaltsraum spendierte. Am Stück wurde ein bißchen herumgeschraubt, weil es doch stellenweise etwas oberflächlich daherkam. Für die Rolle des per Telefon eingreifenden Vaters konnte, auf meinen Vorschlag hin, der gerade mit „Toni Erdmann“ zu spätem Weltruhm gekommene Peter Simonischek gewonnen werden, der dann per Video eingespielt wurde. Und am Ende hatten wir einen weiteren GuteLauneAbend, der das Studio im Central in vielen Vorstellungen bis auf den letzten Platz füllte.
André inszenierte herzergreifende Liederabende mit dem ungemein sangesbegabten Ensemble, das Theater entwickelte ein ToGoKonzept, mit dem Stücke an den verschiedensten Orten der Stadt gespielt werden konnten. Ich sprang bei Gerloffs „Auerhaus“ ein und bei Vontobels „Medea“ mit der überwältigenden Jana Schulz. Und als meine Kollegin entnervt kündigte, übernahm ich „Das Versprechen“ von Dürrematt in der Inszenierung von Tilmann Köhler, den ich in den nächsten Jahren noch besonders schätzen lernen sollte.
Meine letzte Produktion in dieser Spielzeit war „Farm der Tiere“ als Koproduktion mit dem JungenSchauspiel und in der Regie von Daniela Löffner. Nach ebenso lustigen wie angenehmen Proben auf ausgelagerter Probebühne zogen wir ins Central auf die schlecht belüftete zweite Bühne. Und dann wurde es heiß. So heiß, daß bei der Premiere Ende Mai kostenlose Wasserflaschen ans Publikum verteilt werden mußten, damit uns nur ja keiner kollabierte.
Derweil brachte Schulz als Koproduktion mit den Ruhrfestspielen den ersten Dauerknüller seiner Intendanz heraus und ließ Bob Wilson „Der Sandmann“ auf die Bühne stellen. Damit erlebte das Düsseldorfer Publikum in der Hauptrolle erstmals Christian Friedel und so wurde eine zweite große Liebe der Düsseldorfer geboren, die auch ganze zehn Jahre unverbrüchlich halten sollte und offenbar auch jetzt, 2026, unter dem neuen Intendanten weitergehen wird.
Auch bei Sandmann war ich ganz sicher, daß mir diese Art formalen Theaters nicht gefallen würde und war doch wieder nach fünf Minuten absolut gefangen. Die Bilder, die Musik, die Schauspieler, allen voran Rosa Enskat und der unglaubliche Friedel….mehr pures Theater und Schau-Spiel, als es dieser Abend bietet, geht eigentlich nicht.
Schulz hatte seine erste Spielzeit unter den sehr erschwerten Bedingungen grandios hinter sich gebracht.
Die Düsseldorfer waren bereits gewonnen.
Und verliebt waren sie auch.