Die Spielzeit 21/22 war immer noch geprägt von Masken und Tests und ausfallenden Vorstellungen wegen Coronainfektionen, aber langsam kehrte wieder ein normaler Theateralltag ein.
Meine erste Produktion in dieser Spielzeit war in jeder Hinsicht ein absoluter Glücksfall. Tilman Köhler führte Regie, Karoly machte das Bühnenbild, Susanne Uhl die Kostüme, Felicitas Zürcher begleitete die Produktion als Dramaturgin und vor allem spielten Lea Ruckpaul, André Kaczmarczyk und Sebastian Tessenow Lämmchen, Hannes und Jachmann und darüber hinaus auch noch eine Menge anderer Figuren aus Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“.
Karoly baute ein riesiges hölzernes Laufrad auf die Bühne, in dem sich vor allem André und Lea mächtig abmühen mußten und das sinnfällig als erbarmungsloses Hamsterrad, Schicksalsrad, Lebensrad fungierte. Der Abend begann spielerisch leicht und witzig, aber wenn sich am Ende das Hamsterrad als übermächtige Maschinerie entpuppt hatte und die Lebens-und Liebesgeschichte aller Hauptfiguren an einem neuerlichen Tiefstpunkt angekommen war, wenn sich Lämmchen und Hannes in ihrer einsamen Verzweiflung doch wieder miteinander in der Tiefe der Bühne ins Schicksalsrad hockten, dann flossen auch im Publikum Tränen. Häufig auch meine.
Diese Geschichte von einer großen Liebe, die an der Bruchlandung gar nicht mal besonders hoch fliegender Träume zu scheitern droht, war so lebensnah und leider auch so aktuell. Die wunderbaren Darsteller erzählten sie mit soviel Zuneigung und Humor, Zugewandtheit und wachsender Verzweiflung, daß man sich ihrem Schicksal einfach nicht entziehen konnte und immer weiter hoffen wollte, daß es doch noch irgendwie gut ausgehen könne.
Es war ein wunderbarer Abend, großartig gespielt, einfühlsam erzählt, adäquat ins Bild gesetzt…ein Glücksfall, nicht nur für mich, sondern auch fürs dankbare Publikum.
Als wir nach 4 1/2 Jahren die letzte Vorstellung spielten, da flossen die Tränen auch auf der Bühne reichlich. Der Abschied von diesem Abend fiel uns allen so schwer wie selten einer.
Meine zweite Aufgabe in dieser Spielzeit hatte mal wieder einen Shakespeare im Gepäck, „Macbeth“, den Evgeny Titov mit André in der Titelrolle als erstes Stück einer angedachten Trilogie ins Große Haus brachte. Etienne Plus baute dafür eine düstere Schloßlandschaft mit schroffen Steinhaufen und zerfallendem Gemäuer auf die Drehbühne. Esther Bilas steckte die Schauspieler in wunderschöne Kostüme. Eygeny besetzte Lady Macbeth mit Manuela Alphons als etwas rätselhaft undefinierte Mutterfigur. Und die drei Hexen, gespielt von drei Schauspielstudentinnen aus der Leipziger Schule, mit der wir nun neuerdings kooperierten, begleiteten den ganzen Abend als Verkörperung der Dämonen, die Macbeth durchs Stück und buchstäblich in den Abgrund treiben. Die Inszenierung wurde ein rauschender Erfolg und einer von jenen Abenden, bei denen nicht nur ich jedes Mal in der ersten Reihe saß, sondern um mich herum ebenfalls jedes Mal der harte Kern von treuen KaczmarczykGroupies.
Und dann durfte ich André das erste Mal als Regisseur erleben. Er hatte in den vergangenen Jahren schon mehrere wunderbare Liederabende inszeniert und eine zauberhafte „Alice“ nach Lewis Carroll mit der großartigen Lou Strenger in der Titelrolle.
Nun hatte er eine Theaterfassung von Virginia Woolfes genderfluidem „Orlando“ fürs Kleine Haus erarbeitet mit wunderschönen, von seinem Leib-undMagenMusiker Matts Johann Leenders vertonten Liedern. Die famose Cennet Rüya-Voss gab „Orlando“, Claudia Hübbecker Virginia Woolfe, das restliche Ensemble sprang teilweise in mehrere Rollen und so entspann sich in der Ausstattung von Ansgar Prüwer ein großer bunter Bilderbogen auf dieser phantasievollen Reise durch Geschlechter, Länder und Zeiten.
Es war ein ambitionierter Abend, der leider nicht ganz die Liebe und Aufmerksamkeit bekam, die er verdient hätte, was ein bißchen auch daran lag, daß André vielleicht den einen oder anderen Darling zu wenig gekillt hatte, sprich, es nicht übers Herz brachte, auf den einen oder anderen Lieblingstext und -regiemoment zu verzichten.
Für mich persönlich unvergeßlich allerdings ist vor allem eine der letzten Hauptproben. Denn kurz vor der Premiere erkrankte unsere Hauptdarstellerin. Was tun? Die Endproben wurden dringend gebraucht, um auch die technischen Abläufe und Übergänge, die Bühnenbildveränderungen, die Umzüge, die Livemusik noch einmal im Gesamtzusammenhang zu üben. Und so kam es zu einer grandiosen Phantomprobe, bei der die Hauptdarstellerin auf der Bühne fehlte, während ich alle ihre Texte einlas und alle anderen Beteiligten so taten und spielten, als wäre sie vorhanden. Es war ein ziemlich absurder Vorgang, erfüllte aber immerhin seinen Zweck. Und zur Premiere war unser Orlando dann Gottseidank auch wieder da.
Eigentlich hätte meine Probenarbeit in dieser Spielzeit damit zuende sein sollen, doch in der Koproduktion „Making of Shakespeare“ von Schauspiel und Bürgerbühne stellten sie fest, daß sie doch eine Souffleuse brauchten, weniger zum Einsagen, als vielmehr zum Einlesen der gerade anderweitig verhinderten mitspielenden Schüler. Und so bekam ich diese Produktion auch noch serviert. Es wurde ein liebenswerter Abend über Sehnsüchte und Spielfreude, Phantasie und Theaterbetrieb, junges Ungestüm und gestandene Professionalität. Und dazu, daß es auch ein sehr humorvoller Abend wurde, trug vor allem Jonas Friedrich Leonhardi bei, der Meister des schnellen Wortwitzes, der schon auf den Proben wirklich keinen Kalauer liegen ließ. Er ist auch der ungekrönte König der wirklich witzigen Premierengeschenke. Und war einer der besten Ensemblevertreter, die dieses Theater je gesehen hat, denn außer Witzigkeit kann er durchaus auch sachlich, seriös und loyal.
Die nächste Spielzeit sollte mit einem Tiefpunkt in mehrfacher Hinsicht beginnen. Der dann mit einem Höhepunkt in jeder Hinsicht gekontert wurde.
Doch dazu morgen.