Die Spielzeit 22/23 begann mit einem ambitionierten Projekt. Die südafrikanische Regisseurin Lara Foot, im Jahr zuvor bereits mit einer hochgelobten Inszenierung beim in Düsseldorf stattfindenden TheaterDerWelt vertreten, wollte „Othello“ auf die Bühne bringen, mit Bongile Mantsai in der Titelrolle, einem in Südafrika auch aus einer Fernsehserie sehr bekannten Schauspieler.
Ihr Konzept stellte das kolonialistische deutsche Unwesen in Namibia, damals Deutsch-Südwestafrika, in den Mittelpunkt. Und das Positivste an der Produktion war, daß wir alle etwas lernten darüber, wie die Deutschen dort damals gewütet und bereits einiges Unsägliche angerichtet hatten, was fast wie ein Probelauf für den späteren Holocaust rüberkam. Die meisten wußten über den deutschen Kolonialismus in Afrika etwa soviel wie ich, nämlich nichts. Das zumindest änderte sich nun.
Ansonsten war die Produktion von Anfang an sehr problembeladen. Unser Hauptdarsteller sprach kein Deutsch, die Geschäftssprache auf den Proben war Englisch, doch die Othellotexte fanden über weite Passagen auch in Bongiles Muttersprache isiXhosa statt. Schon der Sprachenmix erschwerte die Verständigung trotz anwesender Dolmetscher erheblich.
Die Vorstellungen von Probenarbeit und Spielweise gingen zwischen Regisseurin und deutschen Schauspielern darüberhinaus weit auseinander und auch der kulturelle Hintergrund und die Bildwelten der Beteiligten erwiesen sich bei allem guten Willen als einander problematisch fremd.
So aufregend und sinnfällig das Konzept zunächst schien, es scheiterte sowohl am Stück, als auch an den Bedingungen. Und heraus kam ein Abend, der für viele Zuschauer das Gegenteil von dem erzählte, was beabsichtigt war, an dem die einen Schauspieler einfach machten, was sie für das Bessere hielten, ohne Rücksicht auf das Gesamtergebnis, und andere vor lauter Fremdscham eher unsichtbar zu werden versuchten.
Ich fand das sehr schade, mochte ich doch Regisseurin und Hauptdarsteller gut leiden, aber wenn ich in den Vorstellungen aufs Ergebnis schaute, konnte ich nicht leugnen, daß hier fast alles, was eigentlich gewollt wurde, gescheitert war.
So zunehmend unangenehm diese Produktion auch menschlich im Verlauf der Proben wurde und so unbefriedigend das Ergebnis dann ausfiel, so wunderbar gestaltete sich meine nächste Produktion und das in wirklich jeder Hinsicht.
André Kaczmarczyk inszenierte „Cabaret“. Mit Liveorchester und Choreographien, mit Drehbühne und diversen wieder von Ansgar Prüwer erdachten Ausstattungsdetails wie einem fahrbaren Treppenhaus oder einem überlebensgroßen Flamingo. Und während André selber den Part des Conferenciers übernahm, spielte Lou Strenger die Rolle der Sally Bowles. Matts Leenders war wieder für die Musik zuständig. Bridget Petzold übernahm die Choreographie, Martina Lebert steckte alle in fetzige Kostüme . Und ich genoß wunderbare Proben, zeitweise auch mit den vorgeplanten Zweitbesetzungen Rob Pelzer und Inga Krischke. Unsere Leipziger Studis und dazu engagierte Kollegen von der Musicalabteilung der Essener Folkwangschule, auch ein gerade erst kurz nach Kriegsbeginn aus Russland geflohener Ukrainer bildeten die Nachtclubtruppe. Es wurde ein überwältigendes Spektakel, ein optischer und akustischer Genuss. Und leider ein mit den Jahren immer aktueller werdender Kommentar zu den poltischen Bewegungen und Veränderungen im Land.
Der umjubelten Premiere folgten über 70 Vorstellungen und schnell hatte sich ein immer größer werdender Fanclub gebildet, der nicht nur wiederholt zu den Vorstellungen erschien, sondern sich dafür teilweise auch in immer passendere Klamotten warf.
Ich jedenfalls habe jede einzelne Vorstellung genossen. Und daß es 3 1/2 Jahre später auch mein allerletzter Einsatz war, hat mich besonders gefreut. Auch wenn mir das Ensemble dann noch eine große Abschiedsüberraschung aufdrängte. Doch dazu später.
Kein Wunder jedenfalls, daß der nächste Intendant beabsichtigt, die erfolgreiche, immer ausverkaufte Vorstellung auch weiter im Spielplan zu halten.
Nach Cabaret ging es als Nächstes im Großen Haus auf die Bühne, und zwar auch fürs Publikum, wo die deutsch-iranische Regisseurin Mina Salehpur ein Stück von Hübner/Nemitz über die Autorin Irmgard Keun mit Claudia Hübbecker in der Titelrolle in Szene setzte: „Die fünf Leben der Irmgard Keun“. Auf die Bühne schraubte Andrea Wagner circa 200 weiße Drehstühle, auf denen die Zuschauer Platz nehmen und zwischen denen sich die Darsteller im Verlauf des Abends bewegen würden. Umschlossen war der Raum von einem zartfarbenen Rundvorhang. Und nur gelegentlich öffnete sich der Eiserne Vorhang und gab den Blick in den Zuschauerraum, bzw. die hintere Schallwand das geheime Leben der Hinterbühne frei. Kölner Aufnahmestudio und-crew für eine fiktive Fernsehdokumentation über Irmgard Keun bildeten den Rahmen für deren Erinnerungen an verschiedene Stationen und Wegbegleiter ihres Lebens.
Ein kleiner, aber sehr feiner Abend über eine großartige Autorin ebenso wie über eine geschichtsvergessene Gesellschaft. Und das Publikum feierte Claudia Hübbecker in ihrer Rolle frenetisch. Ein bißchen aber auch die ungewohnt intime Situation auf der Bühne, die es zu Beginn immer etwas irritiert zur Kenntnis nahm, im Verlauf des Abends aber genießen lernte.
Bevor es für mich in die Vorproben für die nächste Spielzeit ging, war ich noch kurzfristig bei Selen Karas Proben zu „Serge“ von Yasmina Reza dabei.
Doch was sonst noch bis zum Ende der Spielzeit produziert wurde, habe ich höchstens als Ersatzsouffleuse miterleben dürfen, sei es Bernadette Sonnenbichlers beeindruckende „Der gute Mensch von Sezuan“Inszenierung mit Minna Wündrich in der Titelrolle, für die ich mich sogar in eine Art Kostüm werfen mußte und am Rand der Spielfläche Platz nahm, oder ihre Umsetzung von Lea Ruckpauls erstem eigenen Drama „My private Jesus“ mit Blanka Winkler in der Hauptrolle.
Manchmal freut man sich ja, wenn man durch irgendwelche Dispositionsparallelitäten auch mal von fremden Tellern naschen darf.
Besonders, wenn es dann auch schmeckt.
Auf dem Platz erlebte derweil das sommerliche Freilufttheater mit Kriegenburgs Inszenierung von „Figaros Hochzeit oder Der Tolle Tag“ seinen zweiten komplett ausverkauften Erfolg
Und ich hätte jetzt nach 47 Jahren am Düsseldorfer Schauspielhaus und 38 als Souffleuse in den Ruhestand gehen können.
Aber nun wollte ich doch sowohl die Ära Schulz, als auch mein halbes Jahrhundert noch vollmachen.
Und blieb.