Nun hatte ich also drei Bonusjahre vor mir.
Dann würde Schulz‘ Intendanz enden, ich würde die meisten meiner Stücke abgespielt haben und mich nach 50 Jahren endgültig von Tagesplänen und Theaterferien verabschieden.
23/24 begann mit dem zweiten Stück der SsakespeareKönigTrilogie, die Eygeny Titov ansteuerte, und zwar „Richard III“ mit André Kaczmarczik in der Titelrolle. Außer ihm, dem verunstalteten Sprößling aus dem Hause York, standen in dieser Fassung nur noch Damen auf der Bühne. Statt eines Klumpfußes trug André goldene Pony High Heels, statt durch einen Buckel war er durch eine Glatze und ein eng geschnürtes Netz um das Gesicht entstellt. Titov hatte immer ein wenig Sorge, daß Andrés weggedrückte Nase womöglich schief stehen bleiben könnte. Im bunkerähnlichen Bühnenbild und den prachtvollen Kostümen verbargen sich reichlich Zitate aus der MacbethInszenierung. Und die rachsüchtigen Damen der von Richard ermordeten Männer und Kinder sorgten schließlich eigenhändig für sein blutiges Ende.
Ein eigenwilliges Konzept, bei dem das Stück mächtig eingedampft wurde. Das Publikum feierte vor allem den Hauptdarsteller und die Groupies hatten einen neuen festen Termin.
In diesem Jahr inszenierte André das Wintermärchen, das traditionelle Schul-und Familienstück zur Weihnachtszeit, und wählte mit „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ einen ungewohnt düsteren und fast schon erwachsenen Stoff. Daraus zauberte er, wieder mit Hilfe des wunderbaren Teams aus Prüwer, Lebert und Leenders, einen wunderschönen Bilderreigen mit Schloß und Höllenfahrt, Räuberhöhle und Hofstaat, in dem der Teufel eher ein Rockstar war, der an den Röcken seiner attraktiven Großmutter hing, und der eigentliche Bösewicht der raffgierige Königvater. Zum HappyEnd bekam jedenfalls jeder, was er verdiente. Die Kinder staunten vor allem über das, was die Bühne alles scheinbar mühelos fertigbrachte inklusive treibender Boote und barocker Schloßräume. Und auch die Erwachsenen verliebten sich in den wunderschön farbigen Bilderbogen. Es war ein Weihnachtsmärchen, das man auch noch lange im Ganzjahresrepertoire hätte spielen können.
Dann kam „Woyzeck“ in der Regie von Luise Voigt und mit Sebastian Tessenow in der Titelrolle. Wir probten wieder ein Drehbühnenstück in einem Proberaum ohne Drehbühne und liefen viele Kilometer am Bühnenrand entlang, damit die Schauspieler einen Eindruck davon bekommen konnten, wo gerade vorne und der Zuschauerraum war. Auf der Bühne stand ein riesiger Kubus, auf dessen Wände Videos projeziert werden konnten und der im Innern die Wohnung der Familie Woyzeck enthielt. Dort kamen mehrere Livekameras ins Spiel. Und die japanische Choreographin Minako Seki brachte den Schauspielern Butoh bei. Obwohl der Abend ein paar technische Schwächen hatte und sich mir bis zuletzt nicht erschloß, warum das Stück bei uns in der Weihnachtszeit spielte, fand die Inszenierung bei Kritik und Publikum begeisterte Befürworter. Und zumindest was den Einsatz der Schauspieler betraf, konnte ich das durchaus teilen.
Direkt danach stieg ich mit zwei Wochen Verspätung in die Inszenierung ein, die André mit unseren Leipziger Studis auf die Bühne stellte: Eine ebenso turbulente wie gewitzte Verknüpfung von Labiches „Das Sparschwein“ mit Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Die eskalierende Stadtpartie der französischen Landeier mit dem Geld aus ihrem Sparschwein, konterkariert mit Jelineks Texten zu den Auswüchsen der Bankenkrise. Die begabten Jungschauspieler beherrschten die komplizierten Monologe genauso gut wie einen fetzigen CanCan und so wurde es ein ebenso kluger wie unterhaltsamer Abend.
Dann meldete ich mich zur Abwechslung mal freiwillig für eine kleine, aber sehr feine Inszenierung, die unser Regieassistent Anton Schreiber mit Yascha Finn Nolting und Yaroslav Ros ins Kleine Haus zauberte. Die Geschichte eines sagenumwobenen Pianisten namens „Novecento“, der auf einem Kreuzfahrtschiff aufwächst und zum musikalischen Phänomen wird, erzählt vom Trompeter Tim, der jahrelang in der begleitenden Band an Bord spielt. Yaroslav konnte seine erstaunlichen Stepfähigkeiten ausspielen, denn sein außergewöhnliches Musiktalent wurde mit außergewöhnlichen TapDanceEinlagen abgebildet. Und Finn rührte mit seiner Erzählung dieses besonderen Künstlerlebens auch den Zuschauerraum zu Tränen.
Derweil ging es im Fußballeuropameisterschaftsjahr auf dem Vorplatz um „Glaube, Liebe, Fußball“, womit sich Jordan und Koppelmann nun nicht mehr im Zelt, sondern gleich im Freien austobten. Tribüne und Leinwand bildeten auch die Grundausstattung fürs Public Viewing. Und wer das Pech hatte, bei Spielen, die ihn interessierten, drinnen arbeiten zu müssen, hörte zumindest immer, wann ein Tor gefallen war. Bei deutschen Spielen konnte man an Lautstärke und Grundton auch unterscheiden, für wen.
Insgesamt war es für mich eine Spielzeit zum Genießen, der Inszenierungen und/oder der daran beteiligten Menschen wegen.
Und ich konnte nur hoffen, daß meine Bonusjahre so weitergehen würden.