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Vorsicht, ich boome noch!

Während Bob Wilson zu Beginn der Spielzeit mit „Moby Dick“ einen weiteren Blockbuster ins Große Haus inszenierte, probierte ich bei Adria Figuera Borcherts „Draußen vor der Tür“. Von Woyzeck noch ein bißchen techniktraumatisiert, hatte ich im Vorfeld diverse Bedenken, die sich aber binnen kürzester Zeit verflüchtigten. Obwohl auch hier mit Livekamera gearbeitet wurde und sich wieder große Quader mit innenliegenden Räumen über die Bühne drehten, entstand diesmal ein ebenso bildgewaltiger wie beklemmender Theaterabend von großer Schönheit und aktueller Brisanz. Raphael Gehrmann als Beckmann und Sonja Beißwenger als sein Alter Ego bewegten sich durch einen finsteren Reigen aus empathiefreien Mitmenschen und unwirtlichen Räumen. Es war ein beeindruckender und erschreckend zeitnaher Abend, mit dem wir auch auf ein Gastspiel nach München eingeladen wurden. Leider kam er im Düsseldorfer Spielplan ein bißchen unter die Räder und wir konnten ihn nicht einmal mit einer Derniere angemessen abfeiern. Zu meinen Top Ten gehört er aber auf jeden Fall.

Danach durfte ich mich mal wieder ans Weihnachtsmärchen machen, diesmal Kästners „Emil und die Detektive“ in der Regie von Robert Gerloff, den ich vor langer Zeit als Regieassistenten kennengelernt hatte, und mit Moritz Klaus in der Titelrolle. Wir hatten viel Spaß während der Proben und ein Bergfest wie ein Kindergeburtstag, bei dem ich bei allen Spielen erbärmlich versagte. Aber das tolle Bufett, zu dem jeder etwas beigetragen hatte, und die kleinen Auftritte, die paarweise absolviert werden mußten, machten das wieder wett.

Bei den Kindern und ihren Familien wurde das bunte Spektakel mit Musik dann ein solcher Renner, daß das Stück diesmal tatsächlich ganzjährig lief.

Bei mir stand wieder ein harter GenreWechsel an, denn Titov machte sich an Stück 3 seiner Trilogie, „König Lear“ mit Burghart Klaußner in der Titelrolle. Würde man seine Inszenierung neben die von Werner Schroeter vor über 20 Jahren stellen, man könnte deutlicher kaum zeigen, wie unterschiedlich man Shakespeare lesen, verstehen und umsetzen kann. Titov reduzierte die Geschichte um einige zentrale Rollen und szenische Nebenschauplätze und fokussierte auf die Familiengeschichte des alternden Patriarchen und seiner drei Töchter. Etienne baute einen prachtvollen, barock anmutenden Thronsaal auf die eine Seite der Bühne und eine unwirtliche Müllhalde, die als Sinnbild für die wüste Heide diente, auf die andere. Esther Bialas steckte die Schauspieler wieder in prachtvolle höfische Kostüme, die Damen teilweise in so ausladende Reifröcke, daß sie nur quergestellt durch die Türen paßten. Es gab ein paar Probleme zwischen dem Regisseur und einzelnen Darstellerinnen, aber immer gelang es irgendwie, trotzdem eine produktive Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Und Titov setzte ohnehin hauptsächlich auf Klaußner und sein darstellerisches Potential. Aus meiner Sicht ging das Konzept diesmal nur bedingt auf. So sehr ich den Fokus auf Vater und Töchter mochte und nachvollziehbar fand, spätestens auf der Shakespearschen Heide flog der Abend konzeptionell auseinander. Das Publikum focht es nicht an, es bejubelte Klaußner und das Ensemble dennoch. Die ursprüngliche Idee, alle drei Inszenierungen als Paket zu spielen, wurde Gottseidank fallen gelassen, vor allem auf Grund der technischen Unmöglichkeit, die drei imposanten Bühnenbilder in so kurzer Zeit zu wechseln. Da war ich ganz froh.

Es war meine letzte Arbeit mit Evgeny. Und auch meine letzte mit Klaußner. Die endgültigen Abschiede fingen also schon an.

Aber die Spielzeit war noch nicht zuende.

Für mich hielt sie noch eine Inszenierung bereit und zwar Nora Schlocker mit Falladas „Jeder stirbt für sich allein“. Nora Schlocker kannte ich genauso wie den beteiligten Schauspieler Ingo Tomi noch aus der unglücklichen Zeit der Holm’schen Intendanz vor nun auch schon wieder mehr als zehn Jahren, hatte aber mit beiden damals nicht gearbeitet. Diesmal stand jedenfalls alles unter einem besseren Stern. Cathleen Baumann und Florian Lange spielten das Ehepaar Quangel und zum glücklich zusammengestellten Ensemble gehörte auch eine Gruppe älterer Kinder, die als Jungnazitruppe durchs Stück mäanderten. Wieder eine Drehbühne. Wieder ein riesiges Bühnenteil darauf, das man drehen und schieben konnte, um so unterschiedliche Räume zu schaffen. Diesen sportlichen Akt mußten die Schauspieler diesmal selber leisten, schon weil man sie dabei doch öfter beobachten konnte. Alles ging immer unfallfrei über die Bühne. Bis zur Premiere. Da ertönte kurz vor der Pause bei einer dieser Drehungen ein schrecklicher Schmerzenschrei vom Schauspieler Jürgen Sarkiss hinter der kreisenden Wand. Ich ahnte sofort, da war mehr als nur ein blauer Fleck passiert. Auch die Zuschauer neben mir, beide Ärzte, erkundigten sich gleich, ob dieser Laut inszeniert gewesen sei. Gespannt wartete ich auf Jürgens nächsten Auftritt, der auch erfolgte, allerdings von der falschen Seite und in unübersehbar beeinträchtigtem Schritt. Aber wie Schauspieler so sind…er spielte die Szene samt langem Abgang in die Pause gnadenlos zuende. Doch als ich es dann auch endlich aus dem Zuschauerraum in den Garderobengang geschafft hatte, hieß es, es sei gerade völlig unklar, ob wir die Premiere zuende spielen könnten, Sarkiss läge auf der Seitenbühne und würde vom Theaterarzt untersucht und behandelt….er hatte sich die tonnenschwere Konstruktion über den Fuß gefahren. Bei allen Proben trug er bei diesen Umbauten verstärkte Arbeitsschuhe, nie hatte es ein Problem gegeben. Da wollte er in der Premiere den feineren Schuhen einen Auftritt gönnen und schon war’s passiert. Jürgen blieb aber tapfer und spielte die Premiete eisern zuende, nur beim jubelnden Applaus war er dann doch lieber nicht dabei.

Es war ein bewegender Abend. Von allen Beteiligten großartig gespielt und ebenso beklemmend wie mitreißend. Bis auf das etwas mühsam konstruierte Anhängsel einer auf die Ukraine verweisenden Schlußszene mit zwei der Kinderdarsteller, mochte ich den Abend wirklich sehr. Auch er schaffte es noch in die TopTen.

Auf dem Vorplatz inszenierte derweil der Ukrainer Stas Zyrkov als vierte Ausgabe des sommerlichen Freilufttheater Shakespeares „Sommernachtstraum“, den ich dann zweimal übernehmen durfte. Ihm gelang in einer eher abgeranzten Jahrmarktskulisse ein stellenweise so wahnsinnig komischer Abend, daß ich mich zum ersten Mal dabei erwischte, drei Seiten lang gar nicht umgeblättert zu haben, weil ich dem Geschehen selber mit soviel Vergnügen gefolgt war. Was Pauline Kästner als Hypolita/Titania da spielte, war einfach herzzerreißend witzig und über die Handwerkertruppe habe ich wirklich lauthals gelacht. Es war ganz sicher der lustigste Sommernachtstraum von allen, die ich bis dahin schon gesehen hatte.

Damit war meine vorletzte Spielzeit geschafft. Die ersten Abschiede waren vollzogen. Aber die Vorplanung für mein letztes Jahr hielt noch einmal drei mögliche Highlights bereit.


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