2025/26.
Meine fünfzigste und letzte Spielzeit am Düsseldorfer Schauspielhaus brach an.
Auch die letzte Spielzeit von Wilfried Schulz, der das Haus nach zehn sehr erfolgreichen Jahren zum großen Bedauern des Publikums verlassen würde.
Als neuer Intendant stand seit einem Jahr der Schweizer Andreas Karlaganis fest, zuletzt Dramaturg am Wiener Burgtheater. Er kam bei seiner Vorstellung sehr sympathisch rüber. Führte Hoffnung weckende persönliche Gespräche mit jedem Ensemblemitglied. Und entließ dann doch alle, die er kündigen konnte.
So war diese Spielzeit nicht nur mein Abschiedsjahr, sondern für viele sehr lieb gewonnene Kollegen aus den vergangenen zehn Jahren stand auch ein unfreiwilliger Wechsel an. Und das hing durchaus wie ein unguter Schatten über dieser Saison. Trotzdem nahmen sich aber auch die meisten vor, sie so gut wie möglich noch einmal miteinander zu genießen.
Die Spielzeit begann, wie immer, mit der Begrüßung durch den Intendanten. Und da es seine letzte Begrüßung sein würde und mein letzter Spielzeitanfang, beschloß ich, diesmal auch hinzugehen. Die Veranstaltung stand besonders unter dem traurigen Eindruck des Todes von Bob Wilson, der während der Theaterferien in New York verstorben war. Das Düsseldorfer Haus verdankte ihm tatsächlich viel, denn seine großen Inszenierungen vom „Sandmann“ in Schulz‘ erstem Jahr bis zu seiner letzten Arbeit „Moby Dick“ im vergangenen, hatten dem Haus unzählige ausverkaufte Vorstellungen, viel neues treues Publikum und zahlreiche aufregende Auslandsgastspiele eingebracht, von denen eins, „Moby Dick“ in New York, noch in dieser Spielzeit bevorstand. Damit, daß irgendwer im Haus registriert hatte, daß nun mein 41. Jahr als fest angestellte Souffleuse begann, hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Das Düsseldorfer Theater neigte auch unter Schulz nicht zu großen Gesten oder Glückwünschen an irgendwelchen Feiertagen der Mitarbeiter. Aber diesmal wurde ich überrascht und bekam zum Ende der Begrüßung einen schönen, großen Blumenstrauß zum 40. überreicht und eine sogenannte Sonderzuwendung noch dazu. Und mußte dann natürlich jede Menge Hände schütteln und Umarmungen erwidern. Es war also ein bißchen peinlich, aber doch auch sehr schön, wie mein letztes Jahr begann.
Probenmäßig fing es noch dazu mit einem großen Spaß an.
Felix Krakau, den ich noch als den grandiosen Regieassistenten kannte, der auf den Proben das beste und optisch bestechendste Catering präsentiert hatte, der aber inzwischen schon längst ein etablierter Regisseur geworden war, sollte eine Dramatisierung von Christoph Kramers „Das Leben fing im Sommer an“ auf die Bühne des Kleinen Hauses stellen. Ich hatte den im Frühjahr erschienenen Roman des Fußballweltmeisters im Sommer mit viel Vergnügen gelesen, mich aber schon gefragt, wie zum Teufel man diese weitgehend autobiographische ComingOfAgeGeschichte jemals auf eine Bühne packen sollte. Eine Verfilmung lag nahe, aber eine Theaterinszenierung?!
Regisseur und Darsteller, darunter Moritz Klaus als Christoph Kramer, fragten sich das erst mal auch. Aber Krakau hatte zumindest eine theatertaugliche Fassung geschrieben, an der wir zusammen mit Dramaturgin Beret Evensen auf den Proben allerdings noch viel und heftig herumschraubten. Neben Jonas Friedrich Leonhardi, der zuguterletzt außer seiner Jugendrolle auch noch alle Nebenrollen des Abends spielen sollte, weibliche wie männliche, waren noch gewesene und aktuelle Leipziger Schauspielstudenten mit dabei. Insgesamt also eine Truppe, bei der ich das Durchschnittsalter mal locker um zehn Jahre anhob.
Auch wenn mir manchmal der Gedanke kam, daß es wirklich Zeit war aufzuhören, bevor die Schauspieler endgültig jünger als meine Enkel sein würden, machte die Zusammenarbeit mit dieser jungen Truppe einfach wahnsinnigen Spaß. Ich glaube, mehr habe ich noch nie zuvor auf Proben gelacht.
Die Schauspieler litten ein bißchen unter den eher banalen Alltagstexten, die sie zu sprechen hatten, aber Krakau blieb zuversichtlich und gab die Losung aus, daß man ja auch keinen großen, das Theater neu erfindenden Problemabend gestalten wolle, sondern eine Vorstellung wie das Buch selber, einen Abend, in dem sich die Zuschauer wiedererkennen und klamotten-und musikmäßig in ihre Jugendjahre zurückträumen konnten (oder, wie ich, in die Jugendjahre ihrer Kinder), an dem man leicht, aber gut unterhalten wurde und danach ein Stückchen fröhlicher wieder hinausging. Und das gelang zu 100%.
Kramer besuchte uns zweimal auf den Proben, mit seinen besten Freunden im Schlepptau, und entpuppte sich als wirklich netter, offener und interessierter Zeitgenosse, ein großes, bei allem Selbstbewußtsein ein bißchen schüchternes, erfolgsverwöhntes und sehr aufgeschlossenes Kind.
Wir feierten unser Bergfest im Vereinsheim seines ersten Solinger Fußballvereins, des Gräfrath09. Und auch wenn seine angekündigte Teilnahme leider ausfiel, war es ein sehr gelungener Abend.
Zu Voraufführung und Premiere kam natürlich nicht nur der stolze Autor selber, sondern auch seine Eltern und mit ihnen halb Solingen. Die Stimmung war, wie in allen folgenden ausverkauften Vorstellungen, großartig und spätestens, wenn Leonhardi als Vater Kramer beim Hoffest „Father and Son“ von Cat Stevens anstimmte, war die Stadionatmosphäre auf ihrem Höhepunkt.
Moritz fragte mich mal, ob eine meiner Arbeiten mit ihm unter meine TopTen gekommen sei. Und da es dabei ja nicht nur um die außergewöhnlichen künstlerischen Qualitäten eines Theaterabends geht, sondern auch um die Qualität der Lebenszeit, die man mit den Proben und Vorstellungen eines Stückes verbracht hat, kam „Das Leben fing im Sommer an“ tatsächlich durchaus verdient auf diese Liste.
Mein nächstes Stück schaffte es sogar unter die Top3 und das unter jedem Aspekt.