vorsichtichboomenoch

Vorsicht, ich boome noch!

Sobald ich wußte, daß Tilman Köhler in meiner letzten Spielzeit noch etwas inszenieren würde, hatte ich mich heftig und nachdrücklich für die Soufflage bei ihm gemeldet. Gottseidank mit Erfolg.

Daß André leider nicht dabei sein würde, weil er zur gleichen Zeit selber inszenierte, war allerdings schade. Und daß Tilmann nichts Geringeres als die Dramatisierung von „Krieg und Frieden“ in der Fassung von Armin Petras angehen wollte, in angedachten sechs Stunden Aufführung auf einer eigens dafür ins Central gebauten Bühne, hatte ich auch noch nicht gewußt.

Aber irgendwie machte es ja auch Sinn, wenn ich es in meiner allerletzten Saison noch mal mit so einem monumentalen Event zu tun bekam.

Tilmann brachte sein bewährtes Team mit: Bühnenbildner Karoly Risz, einer der ganz wenigen seines Faches, der bei fast jeder Probe anwesend ist und sich tatsächlich als Teil eines Teams empfindet. Die meisten seiner Kollegen sind immer mit mehreren Projekten zur gleichen Zeit beschäftigt und kommen eher selten vorbei. Kostümbildnerin Susanne Uhl, die ich nie zuvor mit einer solchen Masse von Kostümteilen, Kleiderständern und Ankleiderinnen jonglieren gesehen habe wie dieses Mal. Und außerdem noch der wunderbare Dramaturg David Benjamin Brückel, einer der ganz wenigen übriggebliebenen Produktionsdramaturgen, der lieber an den Proben teilnimmt, als an irgendwelchen Sitzungen, und immer ansprechbar und offen ist für jede Frage, Anregung oder Verzweiflung.

Wir hatten natürlich viel zu wenig Probenzeit für die Masse an Text, Themen, Geschichten, Szenen, die es zu bewältigen galt. Es war eigentlich von Anfang an klar, daß es für jede Szene nur eine Probe Zeit geben würde, Feinheiten und Umschliff mußten sich dann später bei Teilab-und Durchläufen ergeben. Auch für ausführliche Grundsatzdiskussionen oder probenhemmende Befindlichkeiten würde eigentlich kein Raum sein. Und zu erwartende Erkrankungen, spielplanbedingte Abwesenheiten und die eine oder andere Schikane des Lebens erzeugten eh zusätzlichen Druck. Aber Tilmann agierte nach dem Motto „wir haben keine Zeit, also nehmen wir uns welche“. Er wurde nie spürbar ungeduldig, blieb die ganzen Proben über zugewandt und offen, konstruktiv und gut gelaunt. Ich fragte mich schon manchmal, ob er vielleicht in seiner Dienstwohnung einen Punchingball hängen hatte, an dem er Frust oder Stress desnachts auslassen konnte.

Es gab auch mit Matthias Krieg eine musikalische, und mit Gal Fefferman choreographische Begleitung und beide waren ebenso engagiert wie ambitioniert am Werk. Da wurden mehrstimmige chorische Stücke und Arien einstudiert, komplizierte Gesellschaftstänze und durchchoreografierte Truppenbewegungen. Und auch dafür mußte Zeit gefunden werden.

Die völlig überarbeitete und mit hohem Krankenstand kämpfende Technik konnte uns das Bühnenbild für die Proben nur unvollständig aufbauen, der zentrale Steg hatte nur die halbe Länge, die eingelassenen kleinen Drehbühnen gab es die längste Zeit gar nicht.

Kurz, die Voraussetzungen waren eigentlich nicht die besten.

Und trotzdem, oder vielleicht ja auch gerade deshalb, wurde die Veranstaltung ein wahres Fest.

Das große Ensemble setzte sich aus wunderbaren, aber teilweise auch nicht ganz unkomplizierten Kollegen zusammen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen und Vorstellungen. Aber da alle wußten, daß dieses Mammutprojekt nur gemeinsam zu stemmen war und wenn jeder sich in den Dienst von Gruppe und Sache stellte, wuchs die Truppe trotz gelegentlicher Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten im Laufe der Zeit zu einer sehr eingeschworenen Gemeinschaft zusammen.

Bei der Voraufführung drei Tage vor der Premiere konnten wir nur zwei der vorgesehenen drei Teile zeigen, weil der dritte noch nicht zuende geprobt war und schon die beiden fertigen Akte die angedachte Spieldauer überschritten. Das Publikum, in der ersten Pause mit einer Mahlzeit versorgt, war trotzdem begeistert. Aber Tilmann und David mußten den ganz großen Strichstift zücken und noch auf den letzten Metern einige Darlings killen.

Die meisten Darsteller des großen Ensembles schlüpften in mehrere Rollen. Alle spielten in den Chorszenen Militär oder Volk. Jeder hatte mehrere Kostüme und entsprechend viele, oft schnelle Umzüge. Das war nicht nur fürs Publikum, das sich auf die vielen raschen Rollenwechsel einlassen mußte, eine Herausforderung, sondern vor allem auch für die Ankleiderinnen hinter den Kulissen. Zumal von dem Treiben rund um die Spielfläche ja möglichst wenig bemerkt werden sollte, die Bühnensituation aber kaum echte Versteckmöglichkeiten bot.

In der Mitte des Raumes gab es einen etwa hüfthohen Steg von 30 Meter Länge. Links und rechts davon die Zuschauertribünen. Am einen Ende des Steges öffnete sich eine Schiebetüre zu den Garderobengängen, am anderen Ende waren hinter schwarzen Stellwänden die Garderoben für die Schauspieler verborgen. Das Publikum hatte also das Spielgeschehen und sich selber im Blick. Und auch vieles von dem, was im Raum sonst noch geschah.

Ich hatte mir extra eine Art kleinen schwarzen Soufflierkasten auf einem Tischchen gebaut, damit die gegenübersitzenden Zuschauer nicht immerzu auch noch meine Leselampe im Blick hatten. Und die hilfsbereiten Techniker hatten für mich einen anderen Stuhl in meine Zuschauerreihe gestellt, denn von den normalen Sitzen bekam ich Rücken, erst recht in sechs Stunden.

Es wurde ein grandioser Abend. Anstrengend, aber auch wunderbar. Und das Publikum feierte alles: Die großartigen Schauspieler, die humorvolle und anrührende Darstellung der Familien-und Liebesbeziehungen, das Erfahrbarmachen der Kriegshandlungen über Musik und durchchoreografierte Gruppenszenen, die Besonderheit des Spielraumes, die Überlänge der Veranstaltung, das gemeinsame Essen in der Pause.

Ich war immer ganz gerührt, wenn auch zum dritten Teil wieder das gesamte Publikum Platz nahm und niemand seiner Erschöpfung nachgab und die Veranstaltung verließ.

Wir wußten schon vorher, daß es von dieser Inszenierung nur 15 Vorstellungen geben sollte. Mit dem Ende der Ära Schulz war auch unsere Produktion abgespielt, ansetzen konnte man das Stück der Länge wegen ohnehin nur an Wochenenden und Feiertagen.

Doch alle freuten sich immer auf jede einzelne Vorstellung. Darauf, sich wieder zu sehen. Darauf, in so viele schöne Rollen zu schlüpfen und mit den Kollegen etwas sehr Besonderes auf die Bühne zu zaubern.

Ich jedenfalls bekam alles, was ich mir von einer letzten Inszenierung mit Tilmann versprochen hatte: Schöne anregende Proben in freundlicher Teamatmosphäre und mit wunderbaren Schauspielkollegen UND eine Vorstellung, an der ich jedes Mal meine Freude haben konnte.

Unvergessen auch die unvorhergesehenen großen Momente. Als zum Beispiel an einem Abend kurz vor der großartigen Arie, mit der Sonja Beißwenger im opulenten schwarzen Kleid als Tod langsam über das leichenübersäte Schlachtfeld Richtung Ausgang und Pause schritt, die Musikanlage ausfiel und sie die schwierige Nummer, ohne mit der Wimper zu zucken, einfach a capella schmetterte.

Oder wenn Schauspieler erkrankten, was leider auch zweimal vorkam, und ein Anderer zusätzlich zu seinen eigenen Rollen nun auch noch die des fehlenden Kollegen übernahm und es so zu noch mehr verwirrenden offenen Umzügen und erstaunlichen Konstellationen kam, während alle so weiterspielten, als wäre es das Normalste von der Welt.

Es wurde ein tränenreicher Abschied nach der letzten Vorstellung. Aber die wunderbare Sophie Stockinger hatte im Foyer auf der Brücke eine prachtvolle russische Familientafel mit allerhand Köstlichkeiten und reichlich Getränken gedeckt und so konnten wir zumindest noch ein letztes Mal angemessen zusammen feiern.

Nun blieb noch eine Inszenierung für mich übrig.

Und das sollte die vorläufig letzte Ausgabe des sommerlichen Freilufttheaters werden, mit dem selben Regisseur, der auch die erste in Szene gesetzt hatte.


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